Dass Thomas Bernhard zuallererst ein großartiger Komödiant gewesen ist, hat sich inzwischen schon lange unter Lesern, Kritikern, Literaten herumgesprochen; schließlich sind beinahe alle seine Werke von zumindest subtilem Humor durchdrungen, selbst, wenn mancher Inhalt ganz und gar nicht heiter sein mag. Bernhard perpetuierendes, elliptisches Idiom ist allein schon der Garant für diesen Humor, der meist aus dem Scheitern heraus gewachsen ist und immer auch eine bittere Note trägt - wie es für guten Humor eben üblich ist.

Das Klischee vom missmutigen Dichter, der unverstanden von der Welt in einer Wirtshausecke sitzt und dort seine hasserfüllten Gedanken zu Papier bringt, dieses Klischee hat man Thomas Bernhard so oft wie keinem anderen Dichter zugeschrieben. Aber es entpuppt sich eben als Klischee, wie ein physischer und literarischer Rundgang durch seine Wahlheimat-Gemeinde Ohlsdorf bei Gmunden zeigt. Das Bernhard-Haus, mit Leidenschaft verwaltet von Bernhards Halbbruder Peter Fabjan, der auch selbst Führungen leitet, ist ein "steinernes Autograph", das Bernhard zu Lebzeiten aus einem verfallenen Bauernhof entwickelt hat. "Dieses Haus ist er", so Fabjan. In Corona-Zeiten sind die Aktivitäten hier freilich gering, doch sonst werden im Bernhard-Haus auch Lesungen veranstaltet; besonders im Rahmen der Gmundner Festwochen, das lokale Kultur-Event jedes Sommers, finden viele prominente Namen hierher, auch die Wiener Gesellschaft gibt sich ein Stelldichein am Hof des Dichters. Dieses Haus hatte Bernhard mehrmals als seinen "Denkkerker" bezeichnet, eine liebevoll-humorvolle Bezeichnung. "Früher sind die Leute in den Zoo Affen schauen gegangen, heute gehen sie Dichter schauen", schrieb Bernhard einmal über die unzähligen Zaungäste, die immer wieder bei seinem Hof vorbeischauten und ihn regelrecht belagerten.

Thomas Bernhard ist auch ein humorvoller Zeitgenosse gewesen.  - © ORF Bilderdienst
Thomas Bernhard ist auch ein humorvoller Zeitgenosse gewesen.  - © ORF Bilderdienst

Die Ohlsdorfer, die den Dichter noch persönlich kannten, erzählen, dass Bernhard im Grunde immer ein herzlich lachender, humorvoller Zeitgenosse war, der sich beim Kirchenwirt die Frittatensuppe und die gewöhnliche Hausmannskost ebenso holte, wie die Ideen zu vielen seiner Geschichten. Das Dorfleben verewigte Bernhard in seinem Prosa-Band "Ja"; darin finden sich viele Gestalten aus Ohlsdorf wieder, meist sehr direkt und unverstellt porträtiert, und natürlich mit einer großen Portion Humor.

Ein echter "Gent"

Beim Kirchenwirt kann man heute immer noch auf Bernhards Stammplatz speisen, und man bekommt vom Senior-Chef auch eine umfassende Sammlung launiger Bernhard-Episoden dazu serviert. Da erfährt man auch, wie galant und charmant Bernhard zu den Frauen gewesen ist, die in ihm nach kurzer Konversation einen echten "Gent" erkannten. Bernhards Stücke, seine Bücher, viele davon erregten die Öffentlichkeit, gerade "Heldenplatz" ist das Paradebeispiel eines Theaterskandals, und doch: Auch darüber ist lange Gras gewachsen in Ohlsdorf, wo Bernhard sich oft auch mit den Theatergrößen seiner Zeit traf. Mit Claus Peymann war er beim Asamer-Wirt in der großen Stube und sah fern; das Haus ist heute umgebaut zu einem Ärztezentrum.

In Ohlsdorf bemühte man sich lange darum, vom Literaturbetrieb in den Ambitionen ernst genommen zu werden, das Erbe Bernhards hochzuhalten. Ein eigener "Bernhard-Weg", flankiert von einem Dutzend eiserner Sessel mit - auch humorigen - Zitaten aus seinen Büchern versehen, lässt die Gegend erwandern, in der Bernhard spazierte. Das Veranstaltungszentrum "Mezzo", ein Kunstwort für Mehrzweckzentrum Ohlsdorf", erwartet im Eingangsbereich mit einer kleinen Bernhard-Schau die Gäste. Man will dem Dichter Tribut zollen, aber bitte nicht zu auffällig. Die Spuren sollen lieber entdeckt werden, anstatt sich aufzudrängen.

"Sonst kommt der Bernhard"

Stattdessen erzählt man sich lieber Geschichten. Etwa, wie Bernhard jedes Jahr Silvester und Weihnachten bei Karl Ignaz Hennetmair verbrachte, dem Makler, der ihm einst den Hof vermittelte. Dort wurde bis spät nachts getrunken, gesungen und getanzt, Hennetmair zeichnete Bernhard als lebensbejahenden Mann, der die Dinge mit Humor nahm, und viel Sarkasmus war da auch dabei. Oder die Rede an ungezogene Kinder, die man zur Folgsamkeit ermahnte, "weil sonst kommt der Bernhard".

Die Ohlsdorfer nehmen "den Bernhard" heute mit Humor, das war nicht immer so. Einst galt er ihnen als Österreich-Beschmutzer, der die bäuerliche Landbevölkerung dümmlich hinstellte. Aber man hat Frieden geschlossen, mehr noch: Man ist heute stolz, dass Bernhard Ohlsdorfer war. So mancher hier trägt diesen Stolz auch gern spazieren. "Geh her da, Thomas Bernhard", ruft ein Mann seinem Hund zu. Dass hier sogar Hunde nach dem Dichter benannt sind, das hätte Bernhard vermutlich glorreich amüsiert.