Demokratie, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung von Mann und Frau. Obwohl diese Konzepte in Saudi-Arabien Mangelware sind, machte sich der Couchsurfer Stephan Orth auf den Weg, um den Golfstaat zu erkunden. Im ersten Lockdown schrieb er ein großartiges Buch über ein Land zwischen Mittelalter und Zukunft. Tiefere Eindrücke von seiner Reise hat er der "Wiener Zeitung" im Gespräch geschildert.

"Wiener Zeitung": Plagt Sie auch das Fernweh?

Stephan Orth: Natürlich habe ich Fernweh, natürlich fehlen mir die Reisen und vor allem die Begegnungen mit Menschen. Aber es gibt momentan dringlichere Probleme.

Sie haben eines der ersten Touristenvisa für Saudi-Arabien ergattert, ihr persönliches Anti-Utopia. War es Urlaub?

Eine fünftägige Wüstentour zwischen Al-Ula und Tabuk fühlte sich durchaus ein bisschen wie Urlaub an. Auch viele Begegnungen mit enorm gastfreundlichen Menschen waren ganz wunderbar. Dennoch blitzt in Gesprächen immer wieder auf, wie viel Angst das Regime verbreitet: Sobald man auf Themen kommt, die Kritik am Königshaus beinhalten könnten, blocken die Leute ab. Einen meiner Gastgeber fragte ich, ob manche Konservative die Modernisierung unter Kronprinz Mohammed bin Salman kritisch sähen. Dazu könne er nichts sagen, war die Antwort, dann rief er zweimal laut: "Ich liebe den König, ich liebe den König!"

Inwiefern wandelt sich das Land?

Die einst gefürchtete Religionspolizei ist entmachtet, Frauen dürfen Auto fahren, Livemusik ist nicht mehr verboten - der Wandel im vorher vielleicht konservativsten Land der Erde ist durchaus radikal. Es gab Konzerte von BTS und Mariah Carey, demnächst kommt die Formel 1. Ein Freund in Riad sagte, es sei schon fast zu viel Entertainment, er brauche auch mal wieder Zeit für die Familie. Andererseits geht die Entwicklung eben nicht zu mehr Redefreiheit, Demokratie oder Zivilgesellschaft. Wer das Königshaus kritisiert, muss größten Ärger befürchten. Man denke nur an den Fall des brutal ermordeten Jamal Kashoggi.

Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS) wird der "Mann mit der Kettensäge" genannt. Kritik geht ins Leere.

Das lag auch daran, dass die USA unter Donald Trump sich betont zurückhielten. Wenn ein Journalist, der für eine große amerikanische Zeitung arbeitet, mit dieser Brutalität hingerichtet wird, sollte das unter normalen Umständen zu einer heftigeren Gegenreaktion führen. Aber dafür sind der Waffenhandel mit Saudi-Arabien und der gemeinsame Feind Iran zu wichtig. Abgesehen davon hat der Mord MBS schon stark in seinem Ansehen geschadet - die Euphorie ausländischer Beobachter über seine Reformideen ist verflogen.

Was hat sich für die Frauen in Saudi-Arabien getan?

Es gibt nun strengere Gesetze gegen sexuelle Belästigung und immer mehr Arbeitsplätze, an denen Männer und Frauen im gleichen Raum arbeiten. Auch die Regelung, das Land nur mit Erlaubnis eines Vormunds verlassen zu dürfen, wurde gelockert. Von einer Gleichberechtigung im europäischen Sinn ist das Land aber noch weit entfernt, und in den meisten Ehen hat die Frau eine klar untergeordnete Rolle: Sie soll dem Mann dienen, und der Mann soll Gott dienen, so interpretieren viele Saudis die Lehren des Koran.

Prunkvoll ausgestellt: Die saudische Königsfamilie. - © Christoph Jorda
Prunkvoll ausgestellt: Die saudische Königsfamilie. - © Christoph Jorda

Die bekannteste Frauenrechtlerin Loujain al-Hatoul wurde im Dezember zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Die Ironie der Geschichte ist, dass sie ja sogar eines ihrer wichtigsten Ziele erreicht hat: dass Frauen endlich den Führerschein machen dürfen. Nur will das Königshaus nicht den Anschein erwecken, dass man mit zivilem Ungehorsam erfolgreich sein kann. Auch deshalb bekam sie die Härte der Justiz zu spüren.

Der saudi-arabische Alltag spielt sich zwischen Glitzermalls und Repressionen ab. Wo liegt hier die Grenze?

Manchmal sind diese Übergänge tatsächlich befremdlich. Der berüchtigte "Chop Chop Square" in Riad zum Beispiel, der Ort, an dem Exekutionen mit dem Schwert stattfinden, wurde für ein Winter-Volksfest umgebaut: mit Snackbuden und Video-Projektionen, Unterhaltung für die ganze Familie. Eine Verwandlung mit Symbolcharakter: Ein oberflächlicher Tourist kann während einer vergnüglichen Reise leicht verdrängen, wie brutal das dortige Regime gegen Andersdenkende agiert.

Man sagt, die Beduinen mögen Gossip, die Saudis Soziale Medien.

Durchaus. Und kein Land der Erde hat im Pro-Kopf-Vergleich so viele Snapchat-Mitglieder. Diese Plattform ist unter anderem deshalb besonders beliebt, weil dort Inhalte nach einmaligem Angucken automatisch gelöscht werden. Das hat Vorteile in einem Land, in dem einiges tabu ist.

König Faisal pflegte zu sagen: "Alles, was man braucht, ist ein Zelt, ein Kamel, Milch und Kaffee."

Interessant ist das Spannungsfeld zwischen Herkunft und heutiger Lebensrealität: Die Großeltern lebten noch als Beduinen unter einfachsten Bedingungen - und dann kam dieser unfassbare Ölreichtum und veränderte alles. Das Selbstverständnis der Mächtigen hat sich jedoch geändert, einen derartig bescheidenen Satz würde der aktuelle Kronprinz MBS wohl kaum äußern. Als der für seine hohen Ausgaben für eine Yacht und ein umstrittenes Da-Vinci-Gemälde in die Kritik geriet, sagte er nur: Ich bin ein reicher Mann, nicht arm. Ich bin nicht Gandhi oder Mandela.

Als Deutscher wurden Sie oft auf Hitler, Merkel und BMW angesprochen.

Das sind häufige Themen, ja. Manche der Hitler-Gespräche waren wenig angenehm - zum Beispiel, als ein junger Arzt aus Dschidda ein bisschen zu viel Bewunderung äußerte und ihn als "Wolf", als großartigen Anführer bezeichnete. Er war enttäuscht, als von mir keine Zustimmung kam.

Nach Ausbruch der Pandemie sagen Sie: Saudi-Arabien ist plötzlich überall.

Ich kam zurück nach Hause und fühlte mich plötzlich wie im alten Saudi-Arabien, also in der Zeit vor der Öffnung. Das war schon ein seltsamer Nachklang dieser Reise. Einige meiner Freunde in Riad und Dschidda erkannten ebenfalls die Ironie der Situation: Da öffnet sich ihr Land endlich dem Tourismus - und sechs Monate später bringt die größte Tourismuskrise seit Jahrzehnten alles zum Stillstand. 2020 war kein gutes Jahr. Anfänglich dachten wir das ja alle und nun ist alles anders.

Wie lautet Ihre Prognose für 2021?

Der Herbst wird großartig. Ein Spitzenherbst.