Gleich drei unbemannte Sonden haben soeben oder werden bald den Mars erreichen und in Umlaufbahnen einschwenken: Die Vereinigten Arabischen Emirate erforschen mit "Al-Amal" ("Hoffnung") des Klima auf dem Roten Planeten. Die 1,4 Tonnen schwere Raumsonde soll über ein komplettes Jahr die Atmosphäre, Wetterveränderungen und den Wechsel der Jahreszeiten beobachten. "Al-Amal" dicht auf den Fersen ist "Tianwen 1" ("Fragen an den Himmel"). Das 5 Tonnen schwere chinesische Raumschiff, das auch einen Mars-Rover an Bord hat, soll ab heute, Mittwoch, den Mars umkreisen und nach zwei bis drei Monaten eine Landung auf der Oberfläche riskieren. Das ist bisher nur den USA gelungen, die ebenfalls eine Mars-Sonde samt Rover auf den 450 Millionen Kilometer langen Weg zu unserem Nachbarplaneten gebracht haben. "Perseverance" ("Beharrlichkeit") soll noch im Laufe des Februar auf dem Roten Planeten landen.

Die jüngsten Ereignisse rund um den Mars sind Grund genug für den Physiker Florian M. Nebel, sich mit einem alten Menschheitstraum zu befassen: Leben auf dem Mars. Und zwar nicht die Entdeckung dessen, sondern die Besiedelung des Roten Planeten. Glaubt man dem Physiker, so wäre die Kolonisierung des Mars gar nicht so wahnsinnig kostspielig und eher früher als später machbar, wenn bloß der politische Wille dazu vorhanden wäre. Dreh- und Angelpunkt wäre in Nebels Machbarkeitsstudie, die er im Motorbuch Verlag veröffentlicht hat, der Mond. Wie man den dauerhaft nutzen könnte, hat er bereits in "Die Besiedlung des Mondes" ausführlich beschrieben. Und in "Die Besiedelung des Mars" stellt er nun fest, dass seine Vision einer nicht nachhaltigen Mars-Besiedlung (also nur auf Zeit) "im Vergleich zu historischen Programmen geradezu günstig zu haben" wäre und wenig nachhaltige Kolonisierung vom Mond ausgehend "etwa so viel kostet wie die ISS und bereits günstiger zu haben ist als das 'Apollo'-Programm". In konkreten Zahlen: Während 20 Jahre Internationale Weltraumstation (ISS) bisher rund 9,4 Milliarden Dollar pro Jahr verschlungen haben, schlüge eine wenig nachhaltige Mars-Besiedlung mit 1,6 oder 3,6 Milliarden Dollar pro Jahr (je nach Variante) zu Buche, während eine nachhaltige Kolonisierung knapp 10 Milliarden Dollar pro Jahr kosten würde. Um 11,3 Milliarden Dollar würde Nebel zwei Personen zum Mars schicken. Weitere Zahlen werden dem geneigten Leser an dieser Stelle erspart - auf Seite 182 von 191 führt der Physiker jedenfalls genau aus, welche Varianten wie viel in Summe kosten würden und wie viele Mars-Siedler er jeweils als Grundlage nähme.

Dazu kommt natürlich einiges an Infrastruktur, die für eine Mars-Besiedlung vorausgeschickt und aufgebaut werden müsste. Den dafür notwendigen Forschungs- und Vorbereitungsmissionen widmet Nebel jeweils eigene Kapitel, in denen es nur so von Zahlen wimmelt: Material und Treibstoff in Tonnen, Kosten in Dollar, Schiffs- und Behausungslängen in Meter, Solarflächen in Quadratmeter, Transportvolumen in Kubikmeter. Geht man davon aus, dass al dies keine Fantastereien und aus der Luft gegriffene Zahlenspielereien sind, sondern durchrecherchierte Werte, so kann man sich kaum vorstellen, wie viel Zeit Nebel in diversen analogen und digitalen Archiven und Datenbanken für die Arbeit an seinem Buch verbracht haben muss.

Dem naiven Laien geht es freilich ein bisschen so wie den Zusehern bei Ridley Scotts Film "Der Marsianer" (nach dem gleichnamigen Buch von Andy Weir): Man fühlt sich gut unterhalten, kann der Handlung im Großen  und Ganzen folgen - aber manche wissenschaftlichen Details lässt man einfach an sich vorbeiziehen, ohne sie wirklich zu verstehen. Bei Nebels Buch ist für jeden was dabei: Unbedarfte können sich seine bodennah geschriebenen Schilderungen zu Gemüte führen und über seine Zahlen staunen, Halbgebildete können sich hineintigern und versuchen, sie nachzurechnen - und die paar Experten, die es in die Hand bekommen, werden sich vielleicht ihre ganz eigene Meinung dazu bilden. Ob Nebel recht hat mit seinen Annahmen, können ohnehin nur sie seriös beurteilen. Spaß macht das Lesen allemal.

Übrigens, was den von Nebel auch in diesem Buch angesprochenen Mond betrifft: Die Vereinigten Arabischen Emirate haben auch den ins Visier genommen: Für 2024 ist die erste arabische Mond-Mission mit einer unbemannten Sonde geplant. Der Weg zur erneuten Betretung des Mondes durch Menschen, geschweige denn zu dessen Besiedlung, ist freilich noch ein weiter. Und angesichts der Tatsache, dass bisher rund die Hälfte der Mars-Missionen seit den 1960er Jahren fehlgeschlagen ist (darunter 2011 ein chinesisch-russisches Gemeinschaftsprojekt) und bis heute nicht klar ist, ob etwa Bas Landsdorps Astronauten-Casting für "Mars One" mit einer Besiedlung des Mars ab 2023 ohne Wiederkehr der Beteiligten zur Erde jemals ernst gemeint oder ein reiner Gag war, ist wohl davon auszugehen, dass Nebels Zahlen veraltet sein könnten, bis es wirklich so weit sein sollte, zumindest was die Kosten betrifft. Treibstoffmengen und Raummaße mögen gleich bleiben, aber der Wert des Dollar ist volatiler als die Umlaufbahn des Roten Planeten.