Über die Lebenserfahrungen von Schwarzen in Amerika zu erzählen, war Toni Morrisons berufliche Mission. Die Literaturnobelpreisträgerin erfüllte sie im Lauf ihrer Karriere auf beeindruckende Weise.

Als talentierte Romanautorin schuf sie Erzählwerke, die die vielschichtige Gefühls- und Gedankenwelt der Schwarzen in einer von Weißen beherrschten Gesellschaft schildern. Als engagierte Universitätsprofessorin hielt sie Vorlesungen, die die stereotypen Rollen von Farbigen in der amerikanischen Literatur erkunden. Als ambitionierte Verlagslektorin veröffentlichte sie Bücher, die die reiche Bandbreite der afroamerikanischen Kultur belegen. Als kritische Intellektuelle verfasste sie Essays, die Gründe für die wirtschaftliche Ausbeutung, rechtliche Benachteiligung und politische Unterdrückung der schwarzen Minderheit ausloten. In wenigen Tagen wäre sie 90 Jahre alt geworden.

Toni Morrison wurde am 18. Februar 1931 unter dem Namen Chloe Ardelia Wofford geboren. Sie wuchs als zweites von vier Kindern in einer mittellosen Arbeiterfamilie in Lorain, Ohio, auf. Damals zählte die am Lake Erie gelegene Industriestadt rund 45.000 Einwohner, wobei die farbige Gemeinde gut integriert war. Das lokale Stahlwerk bot dem aus Georgia zugewanderten George Wofford eine Anstellung als Schweißer, während die aus Alabama stammende Ella Ramah Willis den Haushalt führte.

Bücher und Lieder

Auch wenn die Familie mehrmals wegen Geldmangels umzog, herrschte eine heitere Stimmung im Hause Wofford. Daheim lauschte die Tochter begeistert den Geschichten des Vaters und den Gesängen der Mutter, in der städtische Bücherei las sie aufmerksam die europäischen Klassiker. Als Schülerin war sie im Debattier- und Dramaklub sowie in der Zeitungs- und Jahrbuchredaktion aktiv. Im Alter von zwölf Jahren konvertierte sie zum Katholizismus und nahm den Taufnamen Antony an.

Nach ihrem Schulabschluss 1949 ging Morrison zum Studium an die Howard University nach Washington. An dieser konservativen Einrichtung für junge Afroamerikaner studierte sie Englisch im Hauptfach und Altphilologie im Nebenfach. In ihrer Freizeit war sie Mitglied der studentischen Theatertruppe, mit der sie auf ausgedehnte Tourneen durch den amerikanischen Süden ging.

Um dem Kolorismus auf dem Campus und dem Rassismus in der Hauptstadt zu entgehen, wechselte sie 1953 an die renommierte Cornell University, New York. Auch dort befasste sie sich eingehend mit den Werken des westlichen Literaturkanons, weil die Lehrpläne keine Beschäftigung mit anderen Erzähltraditionen zuließen. Ein von ihr vorgeschlagener Aufsatz über die farbigen Figuren in Shakespeares Dramen stieß auf heftige Ablehnung, sodass sie ihre Diplomarbeit über die Selbstentfremdung in den Romanen von Virginia Woolf und William Faulkner schrieb. So, als wollte sie einen Schlussstrich unter ihre universitäre Ausbildung ziehen, nannte sie sich fortan Toni.

Zwischen 1955 und 1964 arbeitete Toni Morrison als Englischdozentin. Zunächst lehrte sie an der Texas Southern University in Houston, wo sie erstmals auf eine lebendige schwarze Kulturszene traf. Sie genoss die Lektüre einer Vielzahl afroamerikanischer Zeitungen und den Besuch akademischer Veranstaltungen zur Geschichte der Farbigen. Später unterrichtete sie an der Howard University, wo sie an den regelmäßigen Treffen einer Gruppe radikaler schwarzer Literaten teilnahm, die sie auch zum Vortrag selbst verfasster Texte ermutigten.

Bürgerrechte

1958 heiratete sie den jamaikanischen Architekten Harold Morrison, von dem sie sich kurz nach der Geburt ihrer Söhne, Harold Ford und Kevin Slade, trennte. Diese Jahre waren eine bewegte Zeit, in der die zahlreichen Protestaktionen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung unter Malcom X und Martin Luther King Morrisons politisches Bewusstsein für ihre afroamerikanische Identität schärfte.

Toni Morrison zur Zeit von "The Bluest Eye" (1970). - © From dust jacket: "Photograph: Bert Andrews", Public domain, via Wikimedia Commons
Toni Morrison zur Zeit von "The Bluest Eye" (1970). - © From dust jacket: "Photograph: Bert Andrews", Public domain, via Wikimedia Commons

Ein neuer Lebensabschnitt begann, als Toni Morrison 1964 eine Vollzeitstelle als Lektorin beim Schulbuchverlag L.W. Singer in Syracuse, New York, annahm. Neben ihrer fordernden Arbeit im Büro kümmerte sie sich um die Erziehung ihrer Kinder und die Führung des Haushalts. Nachts schrieb sie eine frühere Erzählung zu ihrem ersten Roman um, in dem ein schwarzes Mädchen am weißen Schönheitsideal zerbricht. Als "Sehr blaue Augen" (1970) schließlich in kleiner Auflage erschien, hatte Morrison zum Mutterverlag Random House in New York gewechselt.

In der Ära des Black-Power-Aktivismus erwarb sie sich bedeutende Verdienste um die afroamerikanische Literatur, indem sie die Romane von Toni Cade Bambara und Gayl Jones, die Gedichte von Lucille Clifton und June Jordan sowie die Autobiographien von Angela Davis und Muhammed Ali herausbrachte. Unter ihrer Federführung wurden die kulturgeschichtlichen Text- und Bildsammlungen "The Black Book" (1974) und "The Harlem Book of the Dead" (1978) veröffentlicht.

In den 1970er und 1980er Jahren errang Toni Morrison literarische und akademische Erfolge. Mit "Sula" (1973) verfasste sie einen Roman über die gescheiterte Freundschaft zweier farbiger Frauen, der mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde. In "Salomons Lied" (1977) erzählte sie eine Familiengeschichte vor dem Hintergrund einer militanten schwarzen Geheimorganisation, die ihr den National Book Critics Circle Award eintrug. In "Teerbaby" (1981) gestaltete sie eine westafrikanische Erzählung zu einem afroamerikanischen Bildungsroman um, für den sie in die American Academy and Institute of Arts and Letters aufgenommen wurde.

Parallel zu ihrer schriftstellerischen Tätigkeit verfolgte Morrison eine universitäre Karriere. Ab 1971 unterrichtete sie an der Staatlichen Universität von New York, der Rutgers University, der Yale University und am Bard College. Von 1984 bis 1989 hatte sie die Albert-Schweitzer-Professur an der Staatlichen Universität von New York, von 1989 bis 2006 die Robert-Goheen-Professur an der Princeton University inne. Ihre literaturwissenschaftlichen Erkenntnisse fanden Eingang in die Bände "Im Dunkeln spielen: Weiße Kultur und literarische Imagination" (1992) und "Die Herkunft der Anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur" (2017).

An die Spitze

Mit der Veröffentlichung einer losen Romantrilogie gelang Toni Morrison der Sprung an die Spitze der internationalen Literaturwelt. Die Grundidee für "Menschenkind" (1987) entnahm sie einem historischen Zeitungsbericht über eine ehemalige Sklavin und Kindsmörderin in Cincinnati, Ohio. In Morrisons postmoderner Fiktionalisierung wurde daraus eine magisch-realistische Wiedergängergeschichte in der Zeit vor dem amerikanischen Bürgerkrieg. Das bild- und sprachgewaltige Erzählwerk wurde unter anderem mit dem Pulitzer-Preis 1988 ausgezeichnet.

An diesen fulminanten Erfolg konnte Morrison mit "Jazz" (1992) nahtlos anschließen. Darin setzte sie die Ausdrucksformen der Musikrichtung zur literarischen Darstellung eines gewaltsamen Todesfalls im Harlem der Zwischenkriegszeit ein. Noch bevor sie mit "Paradies" (1998) die zerstörerischen Kräfte in einer afroamerikanischen Siedlung zu Beginn der 1970 Jahre schilderte, wurde ihr als erster schwarzer Schriftstellerin 1993 der Nobelpreis für Literatur zugesprochen.

Auch in den folgenden Jahrzehnten war Toni Morrisons Leben von enormer intellektueller und kreativer Aktivität geprägt. Nach der Aufsatzsammlung "Race-ing Justice, En-gendering Power" (1992) gab sie kritische Beiträge über den Streitfall O.J. Simpson unter dem Titel "Birth of a Nation’hood" (1998) heraus. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der höchstgerichtlichen Aufhebung der Rassentrennung an öffentlichen Schulen veröffentlichte sie das Buch "Remember: The Journey to School Integration" (2004) und im Rahmen einer weltweiten Anti-Zensur-Kampagne der Autorenvereinigung PEN International den Band "Burn this Book" (2009).

Als prominentes Sprachrohr des amerikanischen Liberalismus unterstützte sie die demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bill Clinton und Barack Obama. Neben ihrem Einsatz für Minderheitenrechte verfasste die Schriftstellerin den Text für die 2005 in Cincinnati uraufgeführte Oper "Margaret Garner" und das 2011 erstmals in Wien gezeigte Theaterstück "Desdemona".

In ihren letzten vier Romanen erwies sie sich einmal mehr als meisterhafte Erzählerin. Während "Liebe" (2003), "Heimkehr" (2012) und "Gott, hilf dem Kind" (2015) die gewaltsamen Erfahrungen von Farbigen im modernen Amerika behandeln, entfaltet "Gnade" (2008) die leidvolle Geschichte einer Sklavin im kolonialen Amerika.

Vielfach geehrt

US-Präsident Barack Obama verleiht Toni Morrison 2013 die "Presidential Medal of Freedom". - © afp / Mandel Ngan
US-Präsident Barack Obama verleiht Toni Morrison 2013 die "Presidential Medal of Freedom". - © afp / Mandel Ngan

Toni Morrison wurde schon zu Lebzeiten vielfach für ihr umfangreiches Schaffen gewürdigt. Sie erhielt Ehrendoktorate der Universität Pennsylvania, der Harvard University und der Universität Oxford. Ihr wurden die National Book Foundation’s Medal of Distingui-shed Contribution to American Letters (1996), der Premio-Ginzane-Cavour-Sonderpreis (2001) und der PEN/Saul Bellow Award for Achievement in American Fiction (2016) verliehen. Besondere Anerkennung wurde ihr zuteil, als sie den Verdienstorden der französischen Ehrenlegion (2010) und die Presidential Medal of Freedom (2012) empfing. 1995 wurde ein Lesesaal in der Stadtbibliothek von Lorain und 2017 ein Gebäude auf dem Campus der Princeton University nach ihr benannt.

Am 5. August 2019 starb die Schriftstellerin im Alter von 88 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung in New York. An ihrem diesjährigen Geburtstag wird Ohio den ersten offiziellen Toni Morrison Day feiern.