"wir folgen dem Licht. / das die Scheinwerfer auf den Asphalt zeichnen / sich um Königspalmen schlingt / und die Dunkelheit berührt als wäre sie ein Körper / nach dem man sich verzehrt." Die Autorin Isabella Feimer ("Monster") und ihr Lebensgefährte, der Fotograf Manfred Poor, bereisten die USA, Mexiko und Kanada 2016, 2017 und 2018. Sie notierte Wort-Illuminationen und Poeme, er machte Aufnahmen.

Die Leitfrage findet sich gleich im ersten Eintrag: "Was heißt es, unterwegs zu sein, im Schwebezustand des Staunens, in der Frage, was hinter den ersten Blicken liegt?" Doch mit dem nächsten Satz transzendiert alles mehr als nur ein wenig ins sacht Unklare. Von "der Möglichkeit Landschaft" ist da die Rede, von der Möglichkeit Landschaft, "ihre Weite absorbierend". Der Möglichkeit? Oder der Landschaft? Gemeint dürfte Letztere sein, grammatikalisch ist das allerdings etwas unscharf. Und, nächster Gedankensprung, mit dem Aplomb der Behauptung, diese reklamierte Weite würde die Reisenden verändern. Tatsächlich? Oder ist dies nur eine wohlfeile, eine allzu gängige Einstufung?

Highways und Wolken

- © Limbus Verlag
© Limbus Verlag

Zu sehen sind Großstädte wie Los Angeles oder Las Vegas. Wüsten. Hotelneonschrift. Kurioses wie eine Alien-Figur an einem Schreibtisch. Sonnenuntergang über Bahngleisen. Aufgereihte Briefkästen, unter dem Stichwort "Ghosts", Geister, arrangiert. Der Blick vom ab Santa Cruz am Ufer verlaufenden Highway 1 in Kalifornien auf den nebelverhangenen Pazifik. Ein kollabiertes Haus in einem Naturreservat. Ein halb umgestürzter Baum, eine Komposition aus Weiß, Schwarz und nebligem Sfumato, als handele es sich um ein Bild des deutschen Romantikers Caspar David Friedrich. Weggeworfenes. Ein glitzernder Hochwald verspiegelter Wolkenkratzer in New York City: "Himmelsdiamanten / schnurgerade in die Erde gesteckt / ragen dorthin zurück / woher sie gekommen sind."

Auch eine Rettungsschwimmerstation an einem Strand in Florida, kunstvoll verschwommen. Ein zerschnittenes, montiertes Wahlplakat, als sei es eine Arbeit französischer Affichisten, der Künstlercollagengruppe im Frankreich der 1950er Jahre. Ein an eine Wand gespraytes Frauenporträt. Eine eiscremebunte Nische im Museum of Ice Cream in San Francisco. Ein Obdachloser vor einem poppigen Porsche-Bild.

Menschenleere Landschaft. Ein lange aufgelassenes Geisterhaus in der Sierra Nevada. Ein dekorierter Rinderschädel in Mexiko. Eine große Wandmalerei. Felsnadeln im Wasser. Hochdramatisch sich türmende Wolkenbänke über einem gewundenen Silberflussband in British Columbia. Pflanzen, Gräser, die heranströmende Flut an einem Strand auf Vancouver Island. Landschaft, recht abstrahiert, umgestaltet, transformiert - Poors jüngstes Bildersuiten-Projekt, das im Sommer 2020 alles andere als zufällig bei einem Literaturfestival im deutschen Schwarzwald gezeigt wurde, heißt "Transforming Paradise".

Jack Kerouacs "Book of Sketches" spielt bei Feimer herein. Robert Frank bei Poor hingegen gar nicht. Denn im Gegensatz zu dessen Fotobuchklassiker "The Americans" von 1958 interessiert sich Poor nicht für Street Photography, seine Welt ist menschenlos.

Vom Reisen und dem Dazwischen: Isabella Feimer (links) und Manfred Poor. - © Manfred Poor (l.) / privat (r.)
Vom Reisen und dem Dazwischen: Isabella Feimer (links) und Manfred Poor. - © Manfred Poor (l.) / privat (r.)

Natur und Heimat

Jonathan Raban, der Engländer, der seit fast 30 Jahren in Seattle lebt, schrieb vor zehn Jahren in seinem letzten großen Amerika-Reisebuch "Driving Home", dass, wenn er einen amerikanischen Roman lese, er sich bei der Lektüre normalerweise als "native speaker" fühle, als jemand, der ein Buch in seiner Muttersprache liest. Aber eine Landschaft des amerikanischen Westens oder den politischen Wahlkampf in den USA zu "lesen", da müsse er zu einem Wörterbuch greifen, das ihm helfe, "Natur" und "Natur", "Heimat" und "Heimat" zu unterscheiden.

In Feimer/Poors lyrischem Bilder-Dictionnaire sind Natur und Heimat fragil geworden, am Untergehen, sich auflösend. "American diffusion", Amerikanisches Ausgelaugtsein, könnte der Titel auch lauten. Oder "Broken lights", wie das Auftaktkapitel. Schön, dass ein so aufregend sperriges Buch - Manfred Poor verantwortete auch die abwechslungsreiche Gestaltung - einen wagemutigen Verleger fand.