Man bezeichnete ihn oft den letzten Beatnik – was auch mit dem ungewöhnlich langen Leben des US-Schriftstellers und Dichters Lawrence Ferlinghetti zu tun hat. Am Montag ist der Autor im Alter von 101 Jahren in San Francisco gestorben, teilte der von ihm gegründete legendäre Buchladen City Lights auf seiner Webseite mit.

In den 1950er Jahren führte Ferlinghetti zusammen mit Jack Kerouac und Allen Ginsberg eine rebellische Dichtungs-Bewegung in San Francisco an, die Literaturgeschichte schrieb. Der am 24. März 1919 in Yonkers (Bundesstaat New York) geborene Ferlinghetti brachte Dutzende Werke heraus. Seine Schaffenskraft versiegte im Alter nicht: Auch mit 100 Jahren dichtete er noch.

Ferlinghetti führte ein bewegtes Leben: Kindheit in Frankreich, im Zweiten Weltkrieg beim D-Day in der Normandie, Studium an der Sorbonne in Paris, dann nach San Francisco, wo er zu einer der zentralen Figuren der Beat-Bewegung wird. Er gründet den legendären Buchladen und Verlag City Lights. Noch heute ist der historische Bookshop ein Treffpunkt für Intellektuelle und Poeten. Die Fassade des Buchgeschäft, mitten im Italienerviertel North Beach, ist seit Jahren eine Reklamewand für Protest-Worte. Es sind riesige Banner mit der Aufschrift "Andersdenken ist nicht un-amerikanisch", "Stoppt Kriege und Kriegstreiber", oder "Stoppt Abschiebungen".

Dort trug Allen Ginsberg 1955 sein Gedicht "Howl" ("Das Geheul") über Sex, Rausch und ein neues Lebensgefühl vor. Die Staatsanwaltschaft ortete "Obszönität" und verklagte Ferlinghetti als Verleger. Er freilich gewann den Prozess, was die Beatniks erst recht ins Rampenlicht rückte.

Ein neuer Tonfall

Zu Ferlinghettis bekanntesten Werken zählte der Gedichtband "A Coney Island of the Mind" ("Ein Coney Island des Bewusstseins") aus dem Jahr 1958, der in über zwölf Sprachen übersetzt wurde und City Lights zufolge einer der am besten verkauften Lyrikbände aller Zeiten ist.

Ferlinghettis bereicherte die Dichtung um einen neuen Tonfall. Seine Sprache ist voller Anspielungen, voller Leichtigkeit und wunderbarer Bilder: "Kafkas Schloss" hat bei ihm etwas von einem imaginierten Himmel: "Dort oben / herrscht himmlisches Wetter / Seelen tanzen entkleidet / zusammen". Sein Gedicht über Goya wurde wie Ginsbergs "Howl" zu einem Meilenstein der neuen US-Lyrik; über die Menschendarstellungen des Spaniers dichtet Ferlinghetti: "Sie winden sich übers Blatt / in einer wahren Raserei / des Elends".

Ferlinghetti war ein ungemein musikalischer Dichter, der als Beatnik galt, aber vor allem die Musik des US-amerikanischen Avantgardisten Charles Ives liebte. Die physiognomische Ähnlichkeit betonte Ferlinghetti. Leonard Bernstein vertonte ein Ferlinghetti-Gedicht über missglückenden Sex unter Jugendlichen in seinem Zyklus "Songfest" in schattenhaftem Zwölfton-Jazz.

Der 100. Geburtstag des gefeierten Dichters und Denkers vor knapp zwei Jahren wurde mit zahlreichen Veranstaltungen begangen. An diesen "fantastischen Tribut" bat City Lights dem "San Francisco Chronicle" zufolge zu erinnern. Eine Gedenkveranstaltung zum Tod Ferlinghettis ist demnach aufgrund der Corona-Pandemie zunächst nicht geplant. (apa/E.B.)