Wissenschaft trifft "Pokémon": Raphaela Edelbauer. - © Victoria Herbig
Wissenschaft trifft "Pokémon": Raphaela Edelbauer. - © Victoria Herbig

Im Anfang war die Ursuppe. Diese ermöglicht der Wiener Schriftstellerin Raphaela Edelbauer gleich zu Beginn ihres neuen Romans den vermutlich größten Zeitsprung der (Literatur-)Geschichte. Waren es in Stanley Kubricks "2001: A Space Odyssey" ein paar läppische Millionen Jahre, die es mit einem einzigen Filmschnitt zu überbrücken galt, braucht es im Falle von "Dave" nur zwei Seiten, um von der 10,2 Milliarden Jahre lang vorherrschenden Stille im Universum über die Pionierlebensform Archea Methanopyri herauf in die zukünftige Gegenwart eines hoch technologisierten Testlabors zu gelangen. Dort ist eine Armada an Programmierern gerade dabei, eine künstliche Intelligenz namens Dave zu entwickeln, die nichts weniger lösen soll als alle Probleme der Menschheit.

M.C.-Escher-haft

Davon dürfte es mehr als ausreichend geben. Nicht nur herrscht im Testlabor der Nerds eine entmenschlichte Grundatmosphäre, die in nicht enden wollenden Schichten vulgo Programmiermarathons auch aufgrund des gottgleichen Schöpfungscharakters nicht unbedingt als solche erkannt werden muss. Auch sieht sich die strikt nach Gebäudestockwerk aufgegliederte Gesellschaft mit einem Überwachungssystem namens Red Eccles konfrontiert, das den M.C.-Escher-haften Komplex mit all seinen hinter verkabelten Rigipswänden versteckten Schächten und Gängen noch kafkaesker und klaustrophobischer erscheinen lässt.

Es herrscht Zwangsveganismus mit zwei wöchentlichen "Realmahlzeiten" und ansonsten "Kargbrei". Singvogelstimmen kommen vom Band, Tageslicht und Frischluft kennt man nur aus der Erzählung. Um die im unbekannten Äußeren liegende Mutter Erde selbst ist es nach einer nicht näher definierten Katastrophe zum Schlechten bestellt. Informationen darüber gibt es nur aus dem Kinderprogramm, das von 60 Milliarden Menschen berichtet, die wie Vieh am Futtertrog hingen, bevor der Heimatplanet in Exkrementen versank. Die Idee, das Labor verlassen zu können, existiert nicht einmal als Gedanke.

In den Mittelpunkt ihres Romans stellt Raphaela Edelbauer einen Programmierer namens Syz. Dieser wird im Laufe der Erzählung von einem Forscherteam um den erblindeten Professor Fröhlich dazu auserkoren, Daves Genese zur ersten Maschine mit Bewusstsein voranzutreiben. Syz wird zur menschlichen Vorlage einer Apparatur und für die Forscher zum wertvollen Humankapital, dessen Erinnerungen im Rahmen von "Kopiersitzungen" in Dave eingespeist werden.

Der Mensch als Chatbot

Allerdings gibt es im Labor auch einen wissenschaftlichen Richtungsstreit: Während Neoterraner die Technik in den Dienst des Menschen stellen wollen, plädieren Transhumanisten für dessen Überwindung zugunsten der (Mensch-)Maschine. Ein gewisser "Entleibungstrend" scheint dabei die Oberhand zu behalten, der Upload der Gehirne das "Endziel" zu sein. Dave wird zur "letzten Erfindung der Menschheit".

Im Rahmen der Kopiersitzungen aber setzt eine Verwandlung in Syz ein, der die Strukturen nun kritisch zu hinterfragen beginnt und den Aufstand plant. Er fühlt sich von geheim übermittelten Botschaften bekräftigt, die nahelegen, dass ein Vorgängerprojekt scheiterte und die Forschungsstation selbst eine Simulation sein könnte. Spätestens mit Syz’ Fluchtbestrebungen gerät der Roman zum dystopischen Thriller, der nicht nur alles bisher als gesichert Geglaubte in seine Einzelteile zerfallen lässt. Menschen sind Chatbots und Schlichtungsalgorithmen, Zeit ist relativ und Probleme gibt es auch dann, wenn es doch einmal menschelt. Auch der aus den Angeln gehobene Zeitbegriff des Romans konkretisiert sich, als sich Syz ganz herkömmlich verliebt: "Als ich Khatun Mnajouri zum ersten Mal roch, geschah mir etwas, das mir nie zuvor widerfahren war. Ich erinnerte mich wohl an etwas - doch nicht an etwas Geschehenes, sondern an die Zukunft (...)."

- © Klett-Cotta
© Klett-Cotta

Nach ihrem Debüt "Das flüssige Land", einem physikalisch-geologischen Roman im Zeichen der persönlichen Trauerarbeit und der historischen Spurensuche, verknüpft die 1990 geborene Autorin Computerwissenschaft, Philosophie, Kybernetik und Popkultur zu einem komplex konstruierten, fesselnden Ganzen. Die Frage, was gefährlicher ist, eine hyperintelligente Maschine oder die Menschheit, die diese entwirft, steht dabei ebenso auf dem Programm wie der Themenkomplex Sprache und Gedächtnis sowie Erinnerung im Allgemeinen - oder Wahrheit, die nicht nur ein manipulativer Programmierbefehl, sondern auch eine (Wahn-)Vorstellung sein könnte.

Unterschwelliger lassen sich dabei auch Referenzpunkte wie Marlen Haushofers "Die Wand" oder Michel Gondrys neurowissenschaftliche Liebesgeschichte "Eternal Sunshine Of The Spotless Mind" ausmachen, während zwischen Theorie-Exkursen zu Philip K. Dicks Konzept der orthogonalen Zeit, Hegels "Phänomenologie des Geistes" oder diversen mnemotechnischen Lehrmethoden immer noch Zeit für eine Runde "Pokémon" bleibt.

Virtuos spiegelt die studierte Sprachkünstlerin den Inhalt übrigens auch auf der Metaebene der Romanform. Nicht jeder Loop geht zwangsläufig auf eine KI zurück. Hey, Raphaela Edelbauer kann das auch!