Wenn Claudias Eltern erzählen, wie sie sich kennengelernt haben, berichtet jeder eine andere, eigenständige Version. Aber in beiden Fällen geht es um Rettung. Sie rettet ihn und er rettet sie. Wie es genau gewesen ist, tut nichts zur Sache. Die Eltern haben sich eine eigene Sprache erschaffen, denn sie sind beide gehörlos. Was das für ihre zwei Kinder und die Familiendynamik bedeutet, arbeitet Claudia Durastanti in einer hochliterarischen und schonungslosen Gesamtschau auf. Die 1984 in Brooklyn geborene, in Italien aufgewachsene und in London lebende Autorin erzählt damit weitgehend ihre eigene Geschichte.

Die Realitäten in diesem Familiengefüge stimmen nicht überein, aber die Familienmitglieder versuchen trotzdem, sie zusammenzubringen: Die Lebenswelten von Mutter und Vater, von Gehörlösen und hörenden Menschen und schließlich von zwei Kontinenten, denn die italienischstämmige Familie der Mutter ist nach Amerika ausgewandert, wo die Icherzählerin nach der Trennung der Eltern zur Welt kommt. Als die Mutter mit dem Kind ins kleine italienische Heimatdorf zurückkehrt, verstärken sich die Gefühle, fremd und nirgends wirklich zu Hause zu sein.

Auch im zwischenmenschlichen Bereich treiben Kontinente aufeinander zu und triften voneinander weg, dazwischen ein Niemandsland, wo es kein Verstehen, ja oft nicht einmal Verständigung gibt. Das elterliche Verhalten ist nämlich nicht dazu angetan, Vertrauen und sichere Bindung zu schaffen. Die Mutter war schon als Jugendliche eine Herumstreunerin, der Vater fällt durch aggressives Verhalten auf. Bittere Armut verschärft die Lebensumstände.

Und doch gibt es auch etwas zu gewinnen in diesem furiosen Quartett: Es gibt Zusammenhalt in der Großfamilie, ein inniges Zusammengehörigkeitsgefühl, das Claudia mit ihrem älteren Bruder verbindet, ein Verständnis mit der Mutter, das tiefer reicht, als Worte es je vermitteln könnten, und eine hohe Sensibilität für gesellschaftliche Dynamiken. Und es gibt die Sprache der Bücher, die Claudia schon früh als jenen Kontinent entdeckt, der ihr eine Migration in die Welt der Normalität ermöglicht.

- © Zsolnay
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Wie nachhaltig sie sich diese Welt erobert, zeigt dieses Buch. In nahezu jedem Absatz gelingt es ihr, eine kleine literarische Welt zu erschaffen, die unter die Haut geht, weil man merkt, wie hier ums Wesentliche gerungen wird, wie sich die Autorin nicht mit schnellen Beobachtungen zufriedengibt. Letztlich erzählt sie vor allem von ihrer eigenen Rettung: "Ich wurde eine grausame Freundin, eine unerträgliche Tochter, und wenn ich nicht weggegangen wäre, um zu studieren, wäre ich eine offizielle Tarotkarte geworden, eine auf die Buchstäblichkeit ihrer Existenz reduzierte Figur, genau wie meine Mutter."

Die Kapitel, die sich mit der Situation der Erwachsenen befassen, lesen sich analytischer als die poetischen Kapitel der wilden Kindheit, aber nicht weniger berührend. Hier kommen die zeitweilige Borderline-Erkrankung der Icherzählerin zur Sprache und ihre Schwierigkeit, anderen zu vertrauen. Claudia rätselt noch immer, wie man den Raum zwischen zwei Menschen ausfüllt. Ihr hilft der elaborierte Umgang mit Sprache, die Literatur. Doch das Gefühl der Distanz wird bleiben, auch zwischen Fiktion und Realität, und so verwundert es nicht, dass die Erzählung auf den Schlusssatz zutreibt: "Ist das denn auch eine wahre Geschichte?" - Sie ist jedenfalls grandios erzählt!