In der Astrophysik existiert die Theorie, dass der Kosmos aus blasenförmig ineinander verschachtelten Universen besteht, die einander ähneln, aber doch getrennt existieren. Wenn es im Bereich der Literatur eine Entsprechung zu dieser Vielweltentheorie gäbe, dann wäre es das Erzählwerk von Gerhard Roth seit den frühen 1980er Jahren. Mit den beiden Erzählzyklen "Die Archive des Schweigens" (1980 bis 1991) und "Orkus" (1995 bis 2011) hat er zwei jeweils in sich abgeschlossene Erzählwelten erschaffen, die nicht nur untereinander mannigfach verknüpft sind, sondern ebenso einen Parallelkosmos zu unserer Erfahrungswelt konstituieren, denn die reale Person des Autors wird im "Orkus" zu einer Figur unter Figuren.

Zu diesen literarischen Welten ist nun im Laufe der letzten fünf Jahre ein weiterer Erzählkosmos hinzugekommen, nämlich Roths Trilogie über die Lagunenstadt Venedig. Nach "Die Irrfahrt des Michael Aldrian" (2017) und "Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier" (2019) ist nun mit "Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe" das Schlussstück von Roths Roman-Triptychon erschienen.

Flair der Stadt

Da Venedig seinen Liebhabern ohnehin als ein eigener Kosmos gilt, lag es nur nahe, dass auch Gerhard Roth, der Experte für die detailgenaue Verwandlung von Realität in Literatur, sich der Serenissima annimmt, wenngleich die Stadt schon wiederholt Gegenstand zumal der deutschsprachigen Literatur war. Freilich steigerte das nur die künstlerische Herausforderung Roths, der Venedig seit mehr als 60 Jahren besucht hat, um dabei unzählige Fotografien anzufertigen, dutzende Notizbücher vollzuschreiben und wieder und wieder den genius loci in sich aufzusaugen.

Entsprechend erweist sich die Trilogie mit ihren weit über 1.000 Seiten als ein wirklichkeitsgesättigtes Erzählprojekt, das man durchaus als literarischen Reiseführer lesen kann. Eine andere Lesart auch dieses Romans liegt darin, ihn als Krimi aufzufassen. Lesern, die eine auf Handlung und Spannung angelegte Lektüre suchen, werden von "Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe" sicher nicht enttäuscht werden.

- © S. Fischer Verlag
© S. Fischer Verlag

Zugleich hält der neue Roman eine kleine Überraschung selbst für Roth-Kenner bereit, denn erstmals wird bei ihm eine Frau zur Protagonistin. Die Wiener Kunstwissenschafterin Lili Kuck, Witwe des unter mysteriösen Umständen bei einem Unfall in Venedig gestorbenen Comiczeichners Klemens Kuck, reist nach Italien, um die Umstände des Unglücks zu klären. Sofort gerät sie in einen Strudel mysteriöser wie bedrohlicher Ereignisse. Polizisten werden reihum ermordet, Lili gerät gar in Verdacht, und nicht nur die aus den ersten beiden Bänden bekannten Protagonisten, sondern auch andere Figuren der Vorgängerbände wie der enigmatische Milliardär Egon Blanc kreuzen ihren Weg.

Aufmerksame Roth-Leser werden erkennen, wie die altbekannten Topoi seiner Literatur in dem neuen Roman wieder auftauchen, so etwa seine Faszination für die Bildkünstler der Renaissance, aber auch der Gegenwart, die durch das Genre des Comics um eine neue Kunstform erweitert wird. Intertextuelle Referenzen, beispielsweise zu Shakespeare, auf den der markante Titel zurückgeht, kommen hinzu. Meisterhaft verzahnt Roth die einzelnen Rädchen der für die Erzählung leitenden Motive ineinander, wodurch jeder Band, bei aller Eigenständigkeit, zugleich zu einem organischen Bestandteil der Trilogie wird.

Bilder des Irrgartens

- © Brandstätter Verlag
© Brandstätter Verlag

Ein Komplementärwerk zum Trio der Romane repräsentiert das opulente Fotobuch "Venedig. Ein Spiegelbild der Menschheit", in dem Roth eine Auswahl der rund 15.000 Fotos präsentiert, die er bei seinen insgesamt 15 Besuchen in der Lagunenstadt geschossen hat. Venedig als manieristischer Irrgarten, in dem man sich nur verirren kann, so wie die Protagonisten und Leser seiner Trilogie das tun, wird hier wortwörtlich "anschaulich". Eine interessante Einführung von Martin Behr eröffnet den Bildband, in dem die thematisch geordneten Fotografien jeweils von kurzen Texten Roths begleitet werden. Ein übersichtlicher Stadtplan verlinkt die Abschnitte mit den Handlungsorten aus Roths Romanen.

Den Abschluss bildet ein informativer Aufsatz von Daniela Bartens, der allerdings teils ein wenig zu literaturwissenschaftlich daherkommt, vor allem aber daran krankt, dass die Verfasserin "Es gibt keinen böseren Engel" nicht zur Verfügung hatte. Der Bildband liefert so leider nicht die perfekte Ergänzung zur Romantrilogie, das die insgesamt vier Bücher zu einem bestechenden Doppel aus Wort und Bild gemacht hätte.