"Als Erstes schreibst du die Wörter, die uns allen am liebsten und teuersten sind: Mutter, Heimat, Lenin." Die Fibel, mit der Volha Hapeyeva, heute 38, in den späten 1980er Jahren lesen lernte, definierte nicht nur die Buchstaben, sondern auch die Werte und Prioritäten, denen die Schulanfänger fortan folgen sollten.

Wobei schon das mit der Heimat ja nicht einfach war, gab es doch mit Sowjetunion und Weißrussland (Belarus) gleich zwei Heimaten, zwei Hauptstädte, nicht zuletzt zwei Sprachen. Einfacher war es mit der Mutter - hier gab es nur eine. Allerdings nur sie, nachdem sich die Eltern während Volhas Kindheit trennen. Einfach war es nicht einmal mit Lenin: Denn diesen zu "kennen", weigerte sich wiederum Volhas Mutter, wenn das Kind sie immer wieder nach dem allgegenwärtigen Säulenheiligen fragte: "Wir sind nicht persönlich miteinander bekannt", blieb die Mutter eisern und sendete so ihr eigenes politisches Signal in die nächste Generation.

- © Droschl Verlag
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Auch in den späten 1980ern, so erzählt Hapeyeva in ihrem schmalen Debütroman "Camel Travel", war eine sowjetische Kindheit noch "überreich mit militärisch-patriotischen Themen gespickt". Streng und geregelt ging es überall zu - in der Schule, in der Sportförderung, bei der Mutter, die ihr einziges Kind ihrerseits mit "spartanischer Härte" erzog. Auch materielle Verwöhnung gab es nur auf fremden Sternen. Von ihrem größten Spielzeugwunsch, einem Metallbaukasten, wagte Volha nur zu träumen.

Sowjetische Kinder mussten sich "selbst etwas ausdenken", beschreibt Hapeyeva, und "wenn die vorhandenen Spielzeuge ihnen nicht ausreichten, mussten sie sie selbst weiterentwickeln". Was Volha mit dem Baukasten ja zu gern getan hätte, hätte sie nur einen bekommen. "Niemand kam auf den Gedanken, ein Baukasten mit Ingenieurszeichnungen sei zu verkopft und zu wenig kindlich."

Ein bisschen Pionierin bis heute, geht es in den Episoden aus Volha Hapeyevas Kindheit weder um Chronologie noch um Vollständigkeit. Sondern darum, "sprechende" Geschichten zu erzählen; Schlüsselmomente wie jener im Kindergarten, als die kleine Icherzählerin einem Jungen geholfen hatte, der nachher nur "djiakuj" sagte: "Danke" auf Belarussisch. Das verstand Volha damals aber noch nicht. Es war "eine Sprache, von der ich noch weit entfernt war, die aber bereits in mir steckte wie eine Partisanin, die nur auf den rechten Moment wartet, sich Bahn zu brechen."

"Camel Travel" ist ein zugiger Raum, durch den kluge Sätze und scharfe Beobachtungen fliegen; in dem blitzlichtartig Situationen und Atmosphären eines so ganz anderen Aufwachsens aufscheinen, als wir es aus den westlichen Ländern kennen. Und doch würde man sich die Wände und Türen dieses Raums solider wünschen, um in diesem Raum auszuharren; um sich niederzulassen im Text. Dafür aber eignet sich dies Buch nicht, es zu lesen ist eher ein Eilen durch einen stilistisch souveränen Reigen an ausdrucksstarken Szenen, durch Geschichten, in denen Hapeyeva durch Witz und spöttische Ironie hindurch auch mal Trauer und einen größeren Ernst schimmern lässt.

Dass die pointenhaften Schlüsse der einzelnen Episoden die fehlende Gesamtarchitektur kompensieren sollen, macht den Mangel nicht wett, sondern rückt eher die Schwäche der einen oder anderen Episode ins Rampenlicht. So klug und geistreich manche auch sind - ein großes Ganzes, ein romanhafter Zusammenhang, will daraus nicht werden.