Er war der wichtigste Mann der sogenannten freien Welt – und plötzlich wird Ex-US-Präsident Douglas Turner in Athen verhaftet und soll vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen Kriegsverbrechen angeklagt werden. Klar, dass sein Nachfolger Arthur Jones – auch wenn sie politische Gegner sind – die Kavallerie ausschickt, um Turner vor einem für die Weltmacht blamablen Prozess zu bewahren. Schließlich steckt Präsident Jones mitten im Wahlkampf, und da kann er es sich nicht leisten, Schwäche zu zeigen. Die USA lassen nämlich laut ihrer außenpolitischen Linie sicher keinen US-Bürger vor das Haager Tribunal zerren. Und so macht sich ein juristisch-politisch-militärischer Elitetrupp in Anzug und ordenbehängter Uniform auf den Weg nach Athen, wo er auf Dana Marin trifft, die der Strafgerichtshof nach Griechenland geschickt hat, um der Verhaftung beizuwohnen und Turners Überstellung in die Niederlande sicherzustellen. Was beide Parteien nicht wissen: Es ist noch eine dritte im Spiel, die sich zu gegebener Zeit einmischen und für eine echte Hetzjagd durch Athen sorgen wird, inklusive außenpolitischer Verwicklungen. Und dann ist da noch jener Whistleblower, dem die ganze Anklage zu verdanken ist . . .

Aber bevor hier zu viel über die Handlung gespoilert wird, sei lieber verraten, was Marc Elsberg dieser in seinem neuen Thriller "Der Fall des Präsidenten" an Fakten zugrunde legt. Denn es ist nicht nur eine wilde Story um einen Ex-Präsidenten, um dessen Auslieferung oder Freilassung mit juristischen Volten auf beiden Seiten gerungen wird, während im Hintergrund politische Messer gewetzt, Spionage betrieben und waghalsige Aktionen geplant werden, sondern es geht auch um Fragen wie: Wann ist ein Kriegsverbrechen ein Kriegsverbrechen? Warum gibt es den Internationalen Strafgerichtshof überhaupt? Und warum wirkt er so zahnlos? Kann man der Gerechtigkeit überhaupt Genüge tun? Dass die Protagonistin Dana Marin ein bosnisches Flüchtlingskind war, ist dabei kein Zufall. An ihrer Lebensgeschichte erklärt Marc Elsberg nämlich auch gleich den Jugoslawien-Krieg samt umstrittenem Nato-Einsatz, was unweigerlich eine weitere Frage aufwirft: Heiligt der Zweck die Mittel? Und ja, natürlich wird auch ein Stück weit die außenpolitische Haltung der USA erklärt - und auch wenn Douglas Turner vom Typ her nicht wirklich an Donald Trump erinnert und Arthur Jones an Joe Biden, so kann man aus Marc Elsbergs Roman durchaus auch ein bisschen die These herauslesen, dass ein Machtwechsel im Weißen Haus nicht zwangsläufig eine 180-Grad-Kehrtwende bedeuten muss.

Aber keine Sorge, "Der Fall des Präsidenten" ist alles andere als eine juristische, historische oder politische Abhandlung. Die großen Fragen tauchen en passant auf und werden auch en passant behandelt, genauso wie Sidesteps zu den Themenfeldern Soziale Medien und neue Technologien (konkret: Drohnen und sonstiges technisches Spielzeug, aus dem Bubenträume gemacht sind). Sie sind Teil der Handlung und halten sie nicht auf, sondern treiben sie im Gegenteil voran. Auch auf 600 Seiten wird es nie langweilig, weil man bis zum Schluss sich zwar denken kann, wem die Sympathie des Autors gehört - aber sicher, dass er dann auch wirklich die Guten (gibt es die?) gewinnen lassen wird, ist man deshalb noch lange nicht. Und er baut immer wieder überraschende Wendungen in die eine oder andere Richtung ein. Da kann es durchaus sein, dass zwar plötzlich im Dunkeln ein Licht am Ende des Tunnels auftaucht - und sich dann doch als herannahender Zug erweist, dem man gerade noch ausweichen kann (bildlich gesprochen - auch wenn Züge nicht vorkommen, dafür aber andere Transportmittel, die für Verfolgungsjagden gut sind).

Marc Elsberg ist auch hoch anzurechnen, dass er bei aller Action und Spannung realitätsnah bleibt: Alles, was er beschreibt, könnte sich tatsächlich so ereignen. Das betrifft nicht nur die technischen und politischen Bereiche, sondern auch seine Heldin und ihre Mitstreiter: Die haben zwar Mut, aber in einem Rahmen, der glaubwürdig ist. Superhelden sehen anders aus - Feiglinge aber auch. Und als guter Autor zeichnet er nicht Schwarz-Weiß, sodass man nicht nur mit Dana Marin mitfiebert, sondern ein bisschen auch mit ihrem Gegenspieler, dem der mächtigste Mann der sogenannten freien Welt im Nacken sitzt.