Morgen ging mir eines Mantel kaufte.

Na bitte, geht doch auch ohne Grammatik! Sechs Wörter, vier Fehler, dennoch verständlich. Halbwegs, zumindest. Deutsch scheint unverwüstlich. Wer braucht da Grammatik? Und gar einen Tag der Grammatik?

Tatsächlich?

Der Gärtner des Mörders - des Gärtners der Mörder. Völlig klar im ersten Fall, verdreht, aber ebenso klar im zweiten Fall. (Wollte da ein Krimiautor dichterisch schreiben?) Gleich weiter mit dem Blutbad: Der Gärtner - der Mörder. Jetzt hat der Detektiv, auch, wenn er nur Sprachermittler ist, ein Problem. Was ist gemeint? Der Gärtner ist der Mörder? Der Gärtner und der Mörder?

Der Gärtner - der Mörder: vier Wörter und so viel Unklarheit. Ein bisschen Grammatik könnte da einiges verdeutlichen. "Der Mörder des Gärtners" - schon lässt der Genitiv die Handschellen klicken. Ein paar kleine Regeln klären alles.

Oder gar nichts, wenn die Grammatik einen kolossalen Streich spielt - Szenenwechsel zu Latein: "malo malo malo malo". Übersetzt: "Ich wäre lieber / in einem Apfelbaum / als ein Bösewicht / in Not."

Zugegeben, der Satz gehört nicht zu den sinnvollsten aller Zeiten. Aber er zeigt recht gut, was geschehen kann, wenn eine reichhaltige Grammatik auf eine wortarme Sprache trifft. (Und Benjamin Britten hat aus ihm in "The Turn of the Screw" einen der beklemmendsten Momente der gesamten Operngeschichte gemacht.)

Grammatik - genau genommen ein Konstrukt. Erst die Sprache, dann die Grammatik: Das gilt zumindest für alle natürlich gewachsenen Sprachen. Denn die Grammatik ist die Lehre vom Bau einer Sprache, die Grammatik ist die systematische Sprachbeschreibung. Zum Erlernen einer Sprache ist sie nicht notwendig, wenngleich sie beim Erlernen einer Fremdsprache hilft, die Strukturen der Sprache zu begreifen und dadurch zu verinnerlichen.

Eine gute Nachricht
für Grammatik-Muffel

Grammatik - das Schreckgespenst des Schülers, Quell der schweren Fehler, derer, die groß rot angestrichen werden und die gute Note in weite Ferne rücken lassen. Egal, ob im Latein-Unterricht, in Englisch, Französisch, oder (ganz besonders ungut wegen der Flut von Ausnahmen:) Russisch. Nicht einmal in Deutsch bleibt man verschont: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Deklination, Konjugation - ja, gibt’s denn keine Sprache auf der Welt, die einen mit der Grammatik verschont?

Die gute Nachricht zuerst? - Gerne. Mandarin, also Hochchinesisch, hat (fast) keine Grammatik. Weder Konjugation noch Deklination, keine Geschlechter, keine Zeiten, keinen Konjunktiv, Gerundien und Gerundive kann man getrost vergessen.

Die schlechte Nachricht: Mandarin ist eine der schwierigsten Sprachen der Welt. Es hilft beim Erlernen kaum, wenn man andere Sprachen gelernt hat. Wenn einer gut schwimmt, muss er doch lernen, ein Flugzeug zu fliegen. So ist das mit Mandarin.

Lernt man eine neue Sprache, kommt einem normalerweise manches bekannt vor. Kein Wunder: Die meisten Weltsprachen gehören zur Großfamilie der indoeuropäischen Sprachen. Das heißt, sie haben eine gemeinsame Wurzel, die noch die entferntesten Verzweigungen nährt. Wer Latein oder Altgriechisch gelernt hat, erkennt schnell die Mechanismen des scheinbar weit entfernten Russischen.

Noch leichter geht’s, wenn die Sprachen engere Familienangehörige, gleichsam Geschwister sind, etwa romanische Sprachen: Wer Latein und Französisch kann, stellt mit einem Mal fest, dass er langsam gesprochenes Italienisch zumindest sinngemäß halbwegs erfassen kann. Das ist bei slawischen Sprachen, je nach Verwandtheitsgrad, ebenso: Bulgaren etwa verstehen Russen und umgekehrt.

Manche Sprachen freilich machen einem einen Strich durch die Rechnung: In Europa sind das etwa die finnopermischen Sprachen wie Finnisch, Estnisch oder die samischen Sprachen, oder die ugrischen Sprachen wie Ungarisch oder Mansisch, das in Teilen Sibiriens gesprochen wird. Da heißt es, sich auf eine grundlegend andere Grammatik einzustellen.

Ist aber immer noch leichter als Mandarin. Mandarin bedeutet, alle Elemente der Sprache neu denken. Der Wegfall herkömmlicher Grammatik bewirkt ein starres System der Wortfolge, und ungewohnte Quasi-Präpositionen und Erklärungswörter ersetzen die Grammatik: "Ich gehen Zukunft Kino." Dazu kommen die Tücken von Aussprache, Intonation, Schrift und Wortbildung (Fahrrad heißt "selbst-fortbewegen-Wagen").

Übertrüge man diese Strukturen aufs Deutsche, wüsste der leidgeplagte Sprachermittler im Fall von "Vater - Mörder" rein gar nicht mehr weiter.

Dann schon lieber Grammatik. . . !

Lieber Grammatik oder Präpositionsdschungel?

Es gibt sogar eine europäische Sprache mit großartiger Dichtung und Literatur, deren Grammatik relativ schnell erlernbar ist: Norwegisch. Zum Beispiel genügt es, wenn man von den vier Fällen nur den ersten und vierten kennt. Den Rest leisten Präpositionen. "Freude, schöner Götterfunken. . ."!

Doch Schiller und Beethoven verlieren an Wirkung, wenn man merkt, dass es mit den Präpositionen so eine Sache ist. Bitte flugs norwegische Geographie lernen! Sonst wird es zum Lotteriespiel, wenn man sagen will, in welcher Stadt man sich aufhält. Weil nämlich, hol’s der Troll, Küstenstädte mit "i" gebildet werden, Städte im Landesinneren hingegen mit "på". Sagt einer also "på Stavanger", weiß der Norweger sofort, dass sein Gegenüber entweder die Feinheiten des Norwegischen nicht kennt oder die Hafenstadt auf der Hardanger Vidda vermutet. Nur Inseln - da nützt die ganze Meeresumgebung nichts -, Inseln gehen immer mit "på" und Städte im Ausland mit "i".

Jetzt bitte nicht mit Stadtteilen kommen! Denn weshalb der Bezirk Blindern der Küstenstadt Oslo ("i") mit "på" gebildet wird, könnte wahrscheinlich nicht einmal Norwegens Nationaldichter Henrik Ibsen erklären. Der Verzicht auf die Grammatik ist fürwahr teuer erkauft!

Ganz ehrlich: Grammatik ist etwas Wunderbares. Eine öde Lernerei? - Zugegeben. "Amo - amas - amat; rosa - rosae - rosae - rosam - rosa - rosa" - da beginnt keiner vor Freude zu tanzen. Und, ja: Niemand, absolut niemand, spricht grammatikalisch völlig korrekt, am wenigsten in seiner Muttersprache. Wenn es doch jemandem gelingt, klingt er unnatürlich, nämlich nach gedruckten, nicht nach gesprochenen Sätzen.

Aber je enger die Grammatik ihr Netz knüpft, desto feiner kann die Sprache mit scheinbar einfachen Mittel wie etwa einer Wortumstellung nuancieren oder einen Effekt hervorbringen. Kein Lob ist hoch genug für die Grammatik. Und der heutige Tag der Grammatik sollte jedem mit Sprache begabten Menschen sein ein wahrer Feiertag!