Was für eine Karriere. Samuel Jean Pozzi schaffte es aus der Provinz bis in die höchsten Kreise der Pariser Gesellschaft, war ein international geachteter Mediziner und Autor eines Standardwerks, Freund und Arzt der Reichen und Glanzvollen Frankreichs, der mit dem Staatspräsidenten zur Jagd ging, doch nicht nur das: Um 1900 war seine Prominenz so groß, dass er in den Sammelbildchen der "Célébrités Contemporaines", die den Schokoladen von Félix Potin beilagen, auftauchte, neben all den Adeligen, Schauspielerinnen, Politikern und Künstlern - und das gleich zweimal.

Doch es waren nicht diese trivialen Bilder, die Julian Barnes auf Dr. Pozzi aufmerksam machten, es war ein Gemälde: "Dr. Pozzi at Home". 1881, mit 35 Jahren, posierte Pozzi für den amerikanischen Maler John Singer Sargent, der den zukünftigen Professor für Gynäkologie inszenierte, als wäre dieser ein Renaissancefürst. Der elegante Bartträger im Rüschenhemd scheint genau zu wissen, wie "ekelhaft gut aussehend" (ein Bonmot der Prinzessin von Monaco) er nicht nur auf der Leinwand wirkte. Grazil gebogen ruhen die Chirurgenfinger auf dem bodenlangen Hausrock, der scharlachrot leuchtet wie die Soutane eines Kardinals.

In kluger Distanz

"Der Mann im roten Rock" ist daher der Titel des Epochenporträts, das Julian Barnes von den drei, vier eitlen Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg auffächert und durch das sich dieser Dr. Pozzi wie ein roter Faden zieht - denn er kannte offenbar alle, die wichtig waren oder talentiert oder exzentrisch. Das Buch trägt keine Gattungsbezeichnung und ist nicht nur brillant erzählt, sondern auch ungemein informativ: Kundig und aufmerksam für die vielen Figuren und Ereignisse flaniert der Frankreich-Kenner Barnes durch diese prachtvolle Zeit, jedoch mit sprichwörtlich englischer Gelassenheit und kluger Distanz. Das ermöglicht ihm, auch die Widerlinge unter Pozzis Zeitgenossen beim Namen zu nennen. Oder manche Dinge, anders als ein Romanautor, einfach nicht zu wissen und das auch zuzugeben.

- © Kiepenheuer & Witsch
© Kiepenheuer & Witsch

Und er macht sich - und den Lesern - keine Illusionen über die sogenannte Belle Époque, die keineswegs nur schön war, sondern auch chauvinistisch, neurotisch, sozial zutiefst ungerecht, imperialistisch und versnobt. Eine Zeit, in der Anarchisten Bomben in Restaurants warfen und gewissen Zeitungen keine Lüge zu schäbig war. ("Armes zwanzigstes Jahrhundert! Wie wird es hinters Licht geführt werden, wenn es in den Zeitungen des neunzehnten nach verlässlichen Informationen sucht", klagte Edmond de Goncourt in seinem Tagebuch.) Eine Zeit der erotischen Freizügigkeit und der sexuellen Extravaganz zumindest für manche. Eines überfeinerten Ästhetizismus, der das Leben in Kunst auflösen wollte. Und der das immer wieder auch tat, womit auf den zweiten Helden dieses Buches hingewiesen sei.

Robert de Montesquiou (mit dem Pozzi befreundet war): Ein Dandy und Dichter, angeblich ein Nachfahre des Musketiers d’Artagnan, Sammler erlesener Preziosen und kostbarer Bücher, deren Einband wichtiger war als der Inhalt. Sein Geschmack war exquisit, schon zu exquisit: Einmal wurde in sein Haus eingebrochen, doch ließen die Täter die Kunstschätze unberührt und gestanden später vor Gericht: "Ach, für uns war da nichts dabei."

Der Graf aus alter Familie scheint nicht ganz so lebenstüchtig gewesen zu sein wie der Aufsteiger Pozzi. Und Montesquiou hatte das Pech, als Vorbild für gleich vier Romanfiguren zu dienen. Mit dem fabelhaft dekadenten Aristokraten Des Esseintes aus Joris-Karl Huysmans Roman "Gegen den Strich" wurde er sogar manchmal verwechselt. In späteren Jahren galt er als Vorbild für den Baron de Charlus in Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Vielleicht nicht die schmeichelhafteste Referenz, doch kann einem, so Julian Barnes, "Schlimmeres widerfahren, als (...) für eine wichtige Figur in einem Meisterwerk gehalten zu werden".

In Ewigkeit schön

Denn auch davon handelt dieses feine, souveräne und großzügig illustrierte Buch: von der Sehnsucht, das Leben mit Schönheit zu durchfluten oder die eigene Existenz in Kunst zu transzendieren, um so, zumindest ein wenig, der Zeit und dem Verfall zu trotzen. Er hätte es wohl in anderer Weise gewünscht, doch ist es hierbei Montesquiou, dessen Name immerhin mit zwei der großen Autoren Frankreichs verknüpft ist, vielleicht doch nicht so schlecht ergangen. Auch Pozzi hat möglicherweise eine Spur in der "Verlorenen Zeit" hinterlassen, in der Figur des Doktor Cottard; das allerdings ist ungewiss.