Einer der berühmtesten Filme von Alfred Hitchcock ist "Das Fenster zum Hof" (1954), mit James Stewart und Grace Kelly in den Hauptrollen. Ein Fotojournalist sitzt darin wegen eines Gipsbeins im Rollstuhl und beginnt aus Langeweile damit, die Geschehnisse im Hinterhof und hinter den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses zu beobachten. Daraus entwickelt sich eine Mischung aus Krimi, Liebesfilm und Komödie, deren Kern vor allem ein Aspekt bildet: die Subjektivität des Blicks hinein in fremde Lebenswelten und die Fragmentarität dessen, was man wahrnehmen und wissen kann, wenn man den genauen Kontext nicht kennt.

Der "Welt gegenüber" widmet auch Eva Schmidt die zwölf Erzählungen ihres jüngsten Buches, und gleich der Eingangstext lässt uns in bester Hitchcock-Manier neugierige nächtliche Blicke in die Fenster des Hauses gegenüber werfen: "Es waren nicht viel mehr als Andeutungen von Leben, kleine Ausschnitte von Alltäglichem, zusammengesetzt aus kurzen Auftritten und spärlichen Gesten mir vollkommen fremder Menschen, die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen."

Die Ich-Erzählerin ist auf Urlaub im englischen Seebad Brighton, und der Blick ins gegenüberliegende Haus wird für sie zu einer Art Assoziationsauslöser, zur Projektionsfläche für Reflexionen über sich und die Welt. "Es waren keineswegs Vorstellungen von Glück, so sehr ich mir dieses auch herbeizudenken versuchte, sondern solche von Einsamkeit, von gegenseitigem Ungenügen, von Kummer."

- © Jung und Jung
© Jung und Jung

Woher genau diese Empfindungen und Gedanken rühren und warum die Ich-Erzählerin im Fenster gegenüber unbedingt so etwas wie Lebensglück erkennen will - davon erfahren wir nichts auf den gerade einmal sieben Seiten dieser Erzählung. Sie wird quasi zum Pendant des Fensterblicks, zu einem Fragment, das von uns Lesern mit möglichen Zusammenhängen und Assoziationen vervollständigt oder zumindest erweitert werden soll. Am Ende wissen wir wenig Konkretes, aber es hat sich doch ein Gefühl, eine Stimmung eingestellt, und das "Wehen", das die Beobachterin gegenüber wahrzunehmen glaubt, ist hier ein melancholischer Schleier, der sich federleicht über das Erzählte legt.

Die Vorarlbergerin Eva Schmidt, 1952 geboren, hat 1985 mit Erzählungen debütiert und erst zwölf Jahre später, 1997, ihren ersten Roman veröffentlicht. Danach dauerte es beinahe zwanzig Jahre, bis ihre literarische Stimme wieder zu vernehmen war. Der Roman "Ein langes Jahr" (2016) schaffte es sogleich auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, "Die untalentierte Lügnerin" (2019) immerhin auf die Longlist. Nun ist sie mit "Die Welt gegenüber" wieder zu ihren Anfängen als Erzählerin zurückgekehrt, und vielleicht ist die kleinere Form tatsächlich so etwas wie Schmidts eigentliche Domäne.

Jedenfalls beherrscht sie die Kunst der Leerstelle, der Andeutung phänomenal gut. Daraus entstehen Geschichten, die zu Ende sind, "bevor er auf die Frage eine Antwort fand", wie es in "Das Fehlende" heißt, und die gerade deshalb so intensiv geraten. Immer geht es darin um Menschen, "in denen ich mich selbst erkannte, die wie ich litten und kämpften und immer wieder darauf hofften, dass alles nicht vergeblich gewesen war". Die Welt gegenüber, das ist nicht selten eine brutale, feindliche Welt, die kein Glück erlaubt und in der sich immer wieder die Angst meldet, "dass alles bald zu Ende sein könnte".

Die beiden besten Geschichten handeln denn auch am eindringlichsten vom Sterben und vom Tod. "Vielleicht nach Skagen" und "Die Nacht, in der Jessica über das Seil stolperte" sind meisterhafte Etüden in Sachen Existenzialismus. Andere Erzählungen wirken wie düsterer Suspense ("Sommerregen", "Eine ernste Sache"), ohne dass Eva Schmidt dabei je auf vordergründige Effekte setzen würde. Ihr Schreiben hat etwas Dräuendes, vieles wirkt bedrohlich, könnte aber auch eine ganz einfache Erklärung haben.

Fest steht nur: Dass wir nicht mehr jahrzehntelang auf neue Texte von Eva Schmidt warten müssen, ist ein Glücksfall.