Der Schlüssel ist der Entzug finanzieller Eigenständigkeit. Konten von Frauen sperren, ihr Eigentum auf den Ehemann überschreiben und ein Arbeitsverbot für sie erlassen - in Margaret Atwoods dystopischem Roman "Der Report der Magd" beginnt die Entmündigung und Degradierung von Frauen zu versklavten Gebärmaschinen mit dem Zudrehen des Geldhahnes.

Liest man Feldstudien von Linda Scott, wenn sie die Lebensumstände von Frauen in Ghana, Uganda oder Bangladesh umreißt und das patriarchale System der Entmündigung und Demütigung, so verschwimmen die Grenzen zwischen der grausamen Realität und dem fiktionalen Schreckensregime Atwoods. Frauen werden eingesperrt, finanziell abhängig gehalten, vergewaltigt und an den Meistbietenden verkauft.

Die Macht der Zahlen

Was Linda Scott in ihrem Buch "Das weibliche Kapital" über diese eindrücklichen Schilderungen hinaus gelingt: Sie enttarnt hinter Frauenschicksalen in der Dritten Welt und der männlich dominierten Finanzwirtschaft in den USA ein und dasselbe System: den Ausschluss von Frauen vom Finanzsektor und damit von der Kontrolle über Geld. Ihr Lösungsansatz daher: Nur über finanzielle Teilhabe werden Frauen aus der globalen systematischen Diskriminierung herauskommen. Die emeritierte Oxford-Professorin geht in ihrer profund untermauerten Grundthese noch weiter: Gleichstellung ist kein Luxusprojekt reicher Industriestaaten, ganz im Gegenteil, sie ist Grundlage des Wohlstandes, mehr noch der Stabilität einer Nation, eines ganzen Kontinents.

Scotts Analyse dieser immer gleichen Mechanismen, die Frauen von ökonomischen Schlüsselstellen ausschließen, reicht von der Wall Street bis in ländliche Regionen Indiens. Sie ist gründlich und fundiert, denn die Innovationsexpertin analysiert, benennt Verantwortlichkeiten und vor allem: Sie rechnet. Die Macht der Zahlen ist dabei klar auf ihrer Seite.

Stabilität durch Diversität

Die Gleichstellung der Frau würde, so zeigt Linda Scott vor, nicht nur Frauen ein besseres Leben bescheren, sondern einige der teuersten Übel der Welt bereinigen - von bitterer Armut und Hunger über instabile Finanzmärkte bis zu den enormen Kosten, die männliche Gewalt und kriegerische Konflikte verursachen. Ihr Fazit: Wer Frauen keinen gleichberechtigten Zugang zu Geld gewährleistet, gefährdet den Wohlstand, das wirtschaftliche Wachstum und die soziale Stabilität jedes Staates.

Dass es einfach Frauen sind, die es besser könnten, behauptet Scott dabei nicht: Die Stabilität liegt in der Diversität, in ausgewogen besetzten Teams. Aus Männern und Frauen bestehend, so zeigen Studien, führen diese von der kleinen Sparergruppe bis zum Vorstandsteam zu höheren Renditen, geringeren Risiken, fairerem Management und besserem Arbeitsklima - für alle. Scott beruft sich zwar auf Big Data, zeigt aber auch, was dahintersteckt: vom toxische Klima von Männerrunden auf US-Eliteunis bis zum Einfluss von verteilten Binden auf die Bildungschancen von Mädchen in Afrika.

Scott gräbt auch tiefer. Sie kontert biologistischen Theorien über evolutionäre Ungleichheiten von Gehirnstrukturen, entzaubert Mythen von Geschlechterrollen der Jäger und Sammler sowie von Testosteron-Diktaten, berichtet über Matriarchate der Bonobos und verweist auf den Umstand, dass Dominanz und Verantwortung nicht automatisch Hand in Hand gehen - im Gegenteil.

Scott rechnet vor, wie teuer das bisherige System kommt, von überqualifizierten Frauen, fehlender Kinderbetreuung bis zu teuren Gefängnissen mit männlichen Insassen. Und sie zeigt Wege auf, wie sich Investitionen in die strukturelle Gleichstellung von Frauen und Männern positiv - wirtschaftlich wie sozial - auf all diese Problemfelder auswirkt.

Die Daten, so Scott, zeigen aber nicht nur das Problem, sondern auch den Weg zur Lösung auf. Teams aus Männern und Frauen investieren klüger, stellen bessere Produkte her, machen weniger Fehler und haben weniger Spannungen. Der Weg ist also klar: Auf staatlicher Ebene setzt Scott sich für universelle, qualifizierte Kinderbetreuung ein, für die Verschiebung der Verantwortung für Lohngleichheit hin zu staatlichen Organen - Strafen inklusive - und gleichberechtigte Beteiligung an allen Infrastrukturprojekten sowie Schutzmaßnahmen für Mütter und Hausfrauen.

Doch die Autorin sieht auch Spielraum für individuelle Mitgestaltung: bewusste Investitionen, den persönlichen Einsatz für mehr Gleichheit und vor allem das Nutzen der Macht des Konsums - immerhin sind Frauen für knapp 80 Prozent der Konsumentscheidungen verantwortlich.

Was der Rettung der Welt helfen würde? Linda Scotts Buch zur Pflichtlektüre an Schulen zu machen.

Impulse für den Alltag

Vor allem auf diesen persönlichen Bereich setzt das Buch "Team F", herausgebracht von Julia Möhn, Wiebke Harms und Liske Jaax. Die Autorinnen wollen unter dem Motto "Feminismus einfach leben" zwölf alltagstaugliche Impulse für mehr Geschlechtergerechtigkeit aufzeigen.

"Liebt euch und euren Feminismus", lautet die zentrale Botschaft des Bändchens, das im amikalen Tonfall eines Achtsamkeitsratgebers geschrieben ist. Ein Stil, den man mögen muss. Feiert einander, lautet einer der Impulse, macht Frauen sichtbar, baut Netzwerke und schaut nicht weg, wenn Frauen Gewalt angetan wird, bietet eure Hilfe an und hinterfragt euer eigenes Lästern. Alle Ratschläge zielen darauf ab, Solidarität unter Frauen zu schüren, auf Stärken weiblicher Weltsicht zu setzen anstatt gegeneinander im männlichen Kampfmodus anzutreten. Es ist der Entwurf für eine positiv gestimmte neue Lebenseinstellung. Für einen nachhaltigen Paradigmenwechsel in Sachen Gleichstellung wichtig, aber wohl kaum entscheidend.

Knallige Motivationsfibel

Noch deutlicher Coaching- und Motivationsfibel ist "Unsere Zeit ist jetzt" von Ute Hamelmann und Martina Hesse. Das peppige Gute-Laune-Buch mit Cartoons ist aufgedröselt in leicht konsumierbare Informationshappen, durchzogen von weisen Sprüchen kluger Menschen von Marc Aurel bis Michelle Obama und schaut aus wie das Ergebnis eines lustvollen Brainstormings mit bunten Klebezetteln.

Sieh die Zusammenhänge, sei achtsam mit dir und anderen, jede ist wirkmächtig, lautet das zentrale Motto. Dazu finden sich Anleitungen für Miniaturauszeiten, ein Exkurs in die Schule des Staunens oder die Empfehlung, das Unperfekte zu umarmen, die Kraft der Gefühle anzuzapfen oder sich in Empathie und Ambiguitätstoleranz zu üben.

Das Problem beider Bücher: Unter dem Motto "Arbeite an dir selbst!" legen sie mit der Wirkmächtigkeit auch die Verantwortung in die Hände Einzelner. Das macht es Politik leichter, sich selbst aus eben dieser Verantwortung zu stehlen. Verglichen mit der profunden Analyse von Linda Scott sind die beiden Achtsamkeitsfibeln intellektuelle Leichtgewichte, die Feminismus auf ein fröhliches Wellness-Projekt reduzieren.

Eine faktenbasierte wie zwingende ökonomische Argumentation auf der einen Seite und starke wie selbstbewusst weibliche Gute Laune auf der anderen: Für eine nachhaltige Veränderung wird es beides brauchen.