Erika Freeman musste mit zwölf Jahren vor dem nationalsozialistischen Terror von Wien nach New York fliehen; als junge Frau machte sie in Übersee eine beachtliche Karriere als Psychoanalytikerin, sie war mit Künstlern und Aktivistinnen der dortigen Frauenbewegung befreundet.

Am 8. März wird Freeman in der von Nationalratspräsidentin Doris Bures initiierten Online-Veranstaltung "Unter Druck - Frauen in der Krise" über psychische Belastungen der Corona-Pandemie sprechen. Die "Wiener Zeitung" traf die 93-Jährige vorab im Hotel Imperial, seit dem Virusausbruch ein nahezu menschenleerer Ort.

"Wiener Zeitung":Sie waren mit Betty Friedan, Gloria Steinem und Bella Abzug befreundet, drei Ikonen des US-Feminismus. Wie erlebten Sie selbst die Aufbruchsstimmung?

Erika Freeman: Es war herrlich! Wir waren wichtige Weiber, mischten einiges auf! Damals galt man bereits als radikal, wenn man ungeschminkt herumlief. Ohne Lippenstift und Make-up außer Haus zu gehen, galt als unschicklich. "Du hast ein nacktes Gesicht", wurde mir einmal nachgesagt. Welcher Mann musste sich so etwas je anhören? In den 1950er- und 1960er-Jahren konnten Frauen zwar bereits unbehelligt studieren - sie waren an den Universitäten jedoch in der Minderheit, im Berufsleben erst recht. Eine Frau in einer Spitzenposition war eine Sensation! Das gab es praktisch nie! Nehmen wir Bella Abzug, die legendäre New Yorker Aktivistin und Anwältin. Auf Gerichtsterminen trug Abzug stets auffallend große Hüte. Warum wohl? Sicher nicht allein aus modischen Gründen, sondern in der Absicht, dass man sie nicht für eine Sekretärin hielt. Frauen waren damals im Gerichtssaal für das Verfassen der Protokolle zuständig, nicht für die Wortmeldungen. Als erfolgreiche berufstätige Frau brauchte man Pioniergeist.

Sie fungierten 1974 neben Elionor Guggenheimer als eine Mitgründerin des International Women’s Forum, dessen erklärtes Ziel es war, Frauen in Führungspositionen zu unterstützen. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?

Wir waren zehn New Yorkerinnen - heute halten wir bei weltweit mehr als 7.000 Mitgliedern. Ich hätte das nie für möglich gehalten! Uns glückte in den vergangenen Jahrzehnten schier Unglaubliches. Dass eine Frau an der Spitze einer ganzen Nation steht, ist heute keine Besonderheit mehr - siehe Angela Merkel. Im Unterschied zu vielen Männern, die einander seit je in gut geölten Netzwerken protegieren, nahmen sich Frauen viel stärker als Konkurrentinnen wahr. Das habe ich nie verstanden. Für mich sind alle Frauen Kameradinnen: Man hilft, wo man kann. Zum Beispiel dieses Interview mit Ihnen: Wenn ich die Wahl habe, rede ich lieber mit einer Journalistin, weil ich will, dass Frauen in den Medien präsenter sind. Neid und Eifersucht auf den Erfolg anderer Frau? Das ist mir völlig fremd. Ich freue mich, wenn eine Frau etwas erreicht hat in ihrem Leben. Ich freue mich über jede Frau, die wohlhabend ist. Ich bin überzeugt davon, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn Frauen den Reichtum dieser Erde verwalten würden.

Sie stammen aus einer besonderen Familie: Ihr Vater, ein Sozialdemokrat, wurde von einem schwedischen Diplomaten aus dem Konzentrationslager Theresienstadt gerettet; Ihre Mutter wurde in den Osten deportiert, konnte nach Wien fliehen, lebte versteckt und starb bei einem Bombenangriff 1945, Ihre Tante Ruth Klüger-Aliav war Mossad-Agentin und rettete während der NS-Zeit tausenden Juden das Leben.

Ruth war eine große Heldin! Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Geheimdienstes Mossad, als einzige Frau. In Rumänien organisierte sie unter Einsatz ihres Lebens Schiffe, um Juden nach Palästina zu verschiffen. Ich lernte sie nach dem Krieg kennen. Ihre erste Frage an mich lautete: "Was tust du für dein Land?" Ich war von ihr auf der Stelle hellauf begeistert. So erging es übrigens jedem: Man erlag ihrem Charme, sie hatte eine unglaubliche Ausstrahlung! Mit ihr gemeinsam wollte man sofort die Welt retten.

Ihre Mutter schrieb auch Geschichte.

Meine Mutter Rachel gelang das Unmögliche: Sie studierte Hebräisch zu einer Zeit, als es Frauen eigentlich untersagt war. Später war sie die Erste, die in Österreich Hebräisch lehrte. Ihre Chuzpe inspirierte übrigens den Schriftsteller Isaac B. Singer zu dessen berühmter Erzählung "Yentl".

Wurden Sie von diesen Vorbildern angespornt, um Ihr Leben zu meistern?

Meine Mutter sprach nicht über ihre Schwierigkeiten. Es war für sie selbstverständlich, dass man als Frau viel zu leisten vermag. Wenn du bei jedem Schritt darüber nachdenkst, wie außergewöhnlich dieser Schritt ist, wirst du nicht weit kommen: Besser, du machst dich auf den Weg, lässt dich von Hindernissen, die sich dir in den Weg stellen, nicht aufhalten! Wenn sich ein Berg vor dir auftürmt, kehr‘ nicht um - steig hinauf! Ich habe übrigens eine Theorie entwickelt, wie Frauen erfolgreich werden.

Verraten Sie sie uns?

Erfolgreiche Frauen sind daddy’s girl. Wenn du als Mädchen von deinem Vater geliebt wirst, ist nichts für dich unmöglich. Vielleicht ist das für Mädchen und Frauen heute nicht mehr so essenziell, weil es mehr Möglichkeiten gibt, um gefördert und unterstützt zu werden, aber für Frauen meiner Generation trifft das voll zu.

Wurden Sie von Ihrem Vater geliebt?

Ich hoffe es. Als ich mit zwölf Wien in Richtung New York verlassen musste, war mein Vater längst im Konzentrationslager. Ich war sein einziges Kind, er hatte keine andere Wahl.

Frauen sind von der Corona-Krise doppelt und dreifach betroffen: Die Arbeitslosigkeit von Frauen steigt, sie profitieren weniger von der Kurzarbeit, tragen die Hauptlast der Care-Tätigkeiten. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Frauen haben viel erreicht, aber noch nicht genug. Frauen sind von klein auf daran gewöhnt, sich für alles Mögliche verantwortlich zu fühlen; nahezu automatisch erledigen sie 1.000 Kleinigkeiten, die es zu tun gibt - bevor der Mann im Haus diese überhaupt wahrnimmt. Es ist wie ein Automatismus. Das muss aufhören!

Ist Ihnen das denn geglückt?

Ich war auch nicht besser. Ich arbeitete und studierte, zu Hause kochte und putzte ich, übernahm viel mehr im gemeinsamen Haushalt als mein Mann. Das Ärgerliche daran: Mir fiel das gar nicht auf! Mein Mann war Künstler, er half mir beim Abwaschen, das war für ihn schon ein Riesenschritt! Frauen müssen Männer an das Mithelfen gewöhnen, sie an das Miteinander erinnern, sie nicht aus der Verantwortung entlassen. Wenn es Männern nicht gut geht, denken Frauen sofort: Oje, was kann ich tun? Denkt er so im umgekehrten Fall? Nebbich.

Warum sind Veränderungen so schwer?

Diese Verhaltensweisen sind uns buchstäblich in Mark und Bein übergegangen. Vielleicht würde es manchmal schon helfen, wenn man innerlich bis zehn zählt - und nicht sofort aufspringt, um alles selbst zu erledigen.

Sie praktizieren noch immer als Therapeutin. Denken Sie ans Aufhören?

Warum sollte ich? Ich weiß heute mehr als früher, kann besser helfen, die Arbeit macht mir Freude. Im Leben braucht es Aufgaben, für mich hält es noch viel bereit.