Trist liegt das kleine Dorf Schandau da, am Fuße einer Burg, in der ein junger Baron residiert, der - als einziger großer Arbeitgeber weit und breit - die Mehrheit der Einwohner in wirtschaftlicher Geiselhaft hält. Ein Teil der örtlichen Bevölkerung ist außerdem Mitglied in seinem mutmaßlichen Geheimbund, der dunkle Machenschaften, wenn nicht sogar Straftaten begeht. Der Rest schweigt dazu, weil er keine Scherereien will, denn Einschüchterungen sind an der Tagesordnung, und die Zahl der Knochenbrüche durch angebliche Unfälle ist in Schandau ungewöhnlich hoch.

Das alles weiß allerdings Thomas Radek nicht, als ihn sein Vorgesetzter in die tiefste niederösterreichische Provinz schickt. Der ambitionierte Mitarbeiter des Landeskriminalamts, der in seiner Abteilung nicht gerade beliebt ist, soll das mysteriöse Verschwinden und Wiederauftauchen einer jungen Frau untersuchen, die seither vom Teufel faselt und der vernehmenden Beamtin der zuständigen Polizeistation "durch den Wind" vorgekommen ist. Der allgemeine Tenor, der Radek bei seinen ersten Befragungen entgegenschlägt, ist freilich, dass das Mädel wohl einfach eine Woche lang irgendwo Party gemacht und dabei die falschen Drogen konsumiert habe. Ein Verbrechen? Ach wo!

Doch statt wie vorgesehen ein paar Nachfragen zu stellen und den Fall zu den Akten zu legen, beginnt Radek herumzustochern - und zwar nicht in einem Wespennest, sondern in einem Hornissennest, wie sich herausstellt. Der LKA-Ermittler stößt auf feudale Strukturen wie im Mittelalter in dieser mutmaßlich im Mostviertel angesiedelten Ortschaft der 2020er Jahre. Denn der Baron geriert sich als absolutistischer Dorfkaiser, der alle in der Hand hat - und wen er nicht in der Hand hat, den bringt er zum Schweigen - nicht nur wortwörtlich.

Peter Glanninger zeichnet in "Finsterdorf" ein zwar übertrieben düsteres, aber sehr anschauliches Bild einer Dorfgemeinschaft, die auf ihre Weise isoliert ist und nolens volens zusammenhält, erst in die eine Richtung, dann in die andere. Denn es gibt sie, die Widerständler im Dorf, die nur auf jemanden wie Radek gewartet haben, der nicht bloß eine Runde dreht und dann wieder verschwindet, sondern nachbohrt. Der die richtigen, unangenehmen Fragen stellt und sich nicht mit Halbwahrheiten abspeisen lässt. Und es ist kein Zufall, dass der Protagonist in seiner Reisetasche ausgerechnet ein Sachbuch darüber, wie den Nazis ihr Aufstieg zur Macht gelingen konnte, eingesteckt hat.

Aber Peter Glanninger hebt als Autor nicht moralinsauer den Zeigefinger und belehrt seine Leser, sondern er gibt plakative Beispiele in seinem Roman, der zwar von Beginn an viele Zusammenhänge erahnen lässt, aber trotzdem genügend Spannung bereithält. Es ist eher wie bei "Columbo", wo es nicht darum geht, wer die Täter sind, sondern wie man ihnen das Handwerk legen kann - und zwar so, dass ihnen auch keine juristischen Winkelzüge mehr helfen. Denn auch wenn die Idee, dass irgendwo im Mostviertel (dort zumindest würde man das fiktive Schandau aufgrund der Nachbargemeinden verorten) ein degenerierter Adeliger okkulte Orgien feiert und sie durch eine Schlägertruppe decken lässt, stark an den Haaren herbeigezogen scheint, so ist die Handlung in sich durchaus schlüssig, und auch die Polizeiarbeit wird realitätsnah dargestellt.

Freilich fehlt es nicht an korrupten Behördenmitgliedern, die erst nach des Barons Pfeife tanzen und dann ordentlich eingeschenkt bekommen. Diese Szenen dürften dem Autor selbst beim Schreiben genauso viel Spaß gemacht haben wie die (teilweise etwas perversen) Sex- und Gewaltfantasien (Stichwort: wohliger Horrorschauer), die zwischendurch hineinspielen und scheinbar für die Handlung notwendig waren. Und selbst Radek hat zutiefst menschliche Regungen (die ihm ein bisschen in die Quere kommen), ist also kein Ritter in weißer Rüstung (oder besser: Weste), im Gegenteil. Genau das macht "Finsterdorf" noch lesenswerter.