Für die Übersetzung des Inaugurationsgedichts "The Hill We Climb" der jungen schwarzen Dichterin Amanda Gorman gelten offenbar nicht nur fachliche Kriterien. War vor einigen Tagen bekannt geworden, dass der niederländische Verlag Meulenhoff der von ihm engagierten Übersetzerin nach Kritik in sozialen Medien den Auftrag wieder entzogen hatte, wird dasselbe nun aus Katalonien bekannt.

Nach der weißen Niederländerin Marieke Lucas Rijneveld, eine preisgekrönte Übersetzerin und Lyrikerin, die sich nach ihrer Ausladung sogar dafür entschuldigte, den Auftrag angenommen zu haben, traf es nun den - ebenfalls weißen - katalanischen Übersetzer Victor Obiols. Erst nachdem er für einen Verlag in Barcelona Gormans Gedicht ins Katalanische übersetzt hatte, soll er eine Absage bekommen haben.

"Sie haben mir gesagt, ich wäre nicht passend, das Gedicht zu übersetzen. Sie wollten nicht meine Fähigkeiten infrage stellen, aber suchten nach jemand mit einem anderen Profil, vorzugsweise eine junge, aktivistische und schwarze Frau", zitierten mehrere Medien ein Statement von Obiols gegenüber der AFP. Obiols zeigte sich irritiert: "Wenn ich eine Dichterin nicht übersetzen kann, weil sie eine junge, schwarze Frau ist, eine Amerikanerin des 21. Jahrhunderts, kann ich Homer auch nicht übersetzen, weil ich kein Grieche des 8. Jahrhunderts vor Christus bin."

Drei Frauen für Hoffmann und Campe

Die 1998 in Los Angeles geborene Gorman war 2017 von der US-Kongressbibliothek mit dem Titel "National Youth Poet Laureate" geehrt worden. Am 20. Jänner hatte Gorman im Rahmen der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden das Gedicht "The Hill We Climb" vorgetragen, in dem sie ihre eigene Lebensgeschichte als junge Schwarze mit der harten sozialen Realität Amerikas verwebt und auch auf den Angriff auf das Kapitol eingeht. Demokratie könne "niemals dauerhaft besiegt werden". (apa)

Während Meulenhoff nun nach einem Übersetzerteam sucht, hat der deutsche Verlag Hoffmann und Campe bereits eines gefunden: Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüşay. Nur Strätling ist literarische Übersetzerin, Haruna-Oelker ist Politikwissenschafterin, Journalistin und Autorin und in der "Initiative Schwarze Menschen in Deutschland" aktiv, Gümüşay ist ebenfalls Politikwissenschafterin und Autorin des Buchs "Sprache und Sein". "Den Wunsch der Autorin, auf bestimmte Parameter zu achten, haben wir sehr gern berücksichtigt", zitierte "Die Welt" ein Verlagsstatement. "Das aus drei gleichberechtigten Expertinnen bestehende interdisziplinäre und intersektional denkende Team war die Idee des Hoffmann und Campe Verlags."

Spannende Herangehensweise

In der "Süddeutschen Zeitung" meldete sich Uda Strätling namens der drei Übersetzerinnen zu Wort: Die neue Herangehensweise sei "so spannend wie anstrengend. Halbe Nächte haben wir unter hohem Zeit-und Erwartungsdruck debattiert, uns hier und da wechselweise die Augen geöffnet, uns angeregt, ergänzt und bereichert, wir haben (bis zum gelegentlichen Patt) darum gerungen, Politik und Poesie so auszutarieren, dass der Kunstfertigkeit, mit der bei Amanda Gorman Sprache, Musik und Bilder ineinandergreifen, genügt werde." Der Versuch, Grenzen "zu verrücken, neue Wege zu suchen, neue Arbeitsweisen zu entwickeln und einzuüben, hat gewiss seine Berechtigung - und seinen Reiz. Es wird solche Kooperationen in Zukunft sicher vermehrt geben. Zur Sensibilisierung, zur Neubewertung, zur Erweiterung der Wahrnehmung tragen sie fraglos bei."