Der Fall Amanda Gorman ist für das tatsächliche Problem nahezu irrelevant. Eher geht es um einen Fall wie den von Raoul Schrott oder H.C. Artmann. Anders gesagt: Es geht nicht um Moral, sondern um Sprache. Dennoch: Man kann die Sache Gorman nicht aus dem Zusammenhang lassen. Sie ist zu hochgekocht, zu sehr ein Symptom der Zeit, und da Übersetzungen zeitbedingt sind, verdient auch dieser Fall eine Beachtung.

Mit der Sprache selbst freilich hat die Sache Gorman nichts zu tun. Hier stellt sich die Frage anders: Wer darf Gormans Gedicht zur Inauguration Joe Bidens übersetzen? Genügt eine sprachliche Befähigung? - Es wäre schwierig genug, denn die schwarze US-Poetin zieht alle Register komplizierter Sprachfiguren, die fast nur in der angloamerikanischen Lyrik vorkommen, weil sie nahezu nur auf Englisch gut klingen. Doch wieder einmal geht es primär um Political Correctness. Der Kurs der europäischen Verlage: Eine Frau muss die Übersetzerin sein, und zwar eine politisch links engagierte Frau, nach Möglichkeit schwarz oder Angehörige einer nicht-autochthonen Ethnie.

Der katalanische Übersetzer Victor Obiols höhnte: "Wenn ich eine Dichterin nicht übersetzen kann, weil sie eine junge, schwarze Frau ist, eine Amerikanerin des 21. Jahrhunderts, kann ich Homer auch nicht übersetzen, weil ich kein Grieche des 8. Jahrhunderts vor Christus bin."

Der Übersetzer - das
Alter Ego des Autors?

Im Zorn darüber, dass der Verlag seine Übersetzung nicht verwendet, schießt Obiols daneben, obwohl er das Richtige meint: Wäre er ein Grieche des 8. Jahrhunderts vor Christus, würde er Homer nicht übersetzen müssen, er würde ihn im Original lesen - oder wahrscheinlich nicht lesen, sondern rezitiert bekommen. Was er meint, ist, ob ein Übersetzer das Alter Ego des Autors sein muss.

Die Frage ist also, ob man beispielsweise ein männlicher weißer Ex-Kapitän der Handelsmarine mit ursprünglich anderer Muttersprache sein muss, um Joseph Conrad übersetzen zu können. Bedarf es für Übertragungen der Werke Anton Tschechows eines Medizinstudiums? Kann nur ein Anhänger des Faschismus Ezra Pound, nur ein Anhänger des Nationalsozialismus Knut Hamsun und nur ein Antisemit Louis-Ferdinand Céline übersetzen? Oder ist Übersetzen ein davon unabhängiges Handwerk?

Raoul Schrott ist kein alter Grieche, sondern mit 57 Jahren ein Tiroler Dichter und Sprachwissenschafter mittleren Alters. Er verfügt über eine artmanneske Begabung, spricht etliche Sprachen, ist ein Virtuose des Deutschen, schreibt Neodadaistisches und Surrealistisches ebenso wie ein gewaltiges Lehrgedicht über die Frühzeit der Erde. Er hat Essays und Erzählungen vorgelegt, darunter den Roman "Finis Terrae", der zum Besten gehört, was die österreichische Literatur nach 1945 hervorgebracht hat. An Übersetzungen hat Schrott antike Lyrik veröffentlicht, das Gilgamesch-Epos, Homers "Ilias" und Hesiods "Theogonie". Soeben ist seine Übersetzung der Euripides-Dramen "Alkestis", "Bakchen", "Elektra" und "Orestes" erschienen. Hier nun stellt sich nicht die Frage nach dem Geschlecht und der politischen Einstellung des Übersetzers. Es geht, fern aller moralischen Entscheidungen, um Grundlegenderes: Ist ein Dichter wirklich ein guter Übersetzer? Oder anverwandelt er das Original zu sehr seiner eigenen Persönlichkeit?

Die Frage ist so alt, wie es Übersetzungen gibt. Man müsste mit Sappho und Catullus beginnen: Das sogenannte "Carmen 51" ("Ille mi par esse deo videtur" / "Jener scheint mir gleich einem Gott") ist zumindest eine Paraphrase von "Agallis’ Verlobung" der Sappho. Wobei "Paraphrase" übervorsichtig ausgedrückt ist: Der Römer entfernt sich von der Griechin nicht weiter als Paul Celan von Ossip Mandelschtam - und das gilt durchaus als Übersetzung.

Jahrhundertfrage Shakespeare: Wer hat recht, besser: Wer hat richtig übersetzt? Bei keinem anderen Autor kann man so gut den Wandel des Geschmacks ablesen. Christoph Martin Wieland übersetzt den Blankvers in Prosa und geht dabei ruppiger zu Werk als seine späteren Übersetzer-Kollegen Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck. Wenn ihm Shakespeare bei Sex-and-Crime zu weit geht, lässt Wieland die Passage aus und annotiert, dass er solche Niederungen eines Genies nicht übertragen mag. Schlegel und Tieck mildern sie stillschweigend. Ein moderner Übersetzer wie Frank Günther findet dafür adäquate Ausdrücke.

Es gibt einen weiteren Unterschied: Günther ist mit seiner persönlichkeitsfreien Virtuosität den Dichter-Übersetzern überlegen: Nicht allein Friedrich Schillers "Macbeth"-Übertragung befremdet heute - Rudolf Alexander Schröder ist mit seiner an Hugo von Hofmannsthals geschulter Altertümlichkeit so wenig Shakespeare-nahe wie Erich Fried mit seiner ausgetrockneten Geschäftssprache, die zwar in seiner eigenen Lyrik der Dialektik zugutekommt, jede "Sommernachtstraum"-Poesie jedoch wie eine Versicherungspolizze klingen lässt.

Alte Verse in neuen Sprachschläuchen

Ein moderner Dichter wie Thomas Brasch überträgt Shakespeare lustvoll in die heutige Alltagssprache, Kraftausdrücke inklusive. Shakespeare wandte die aktuelle Sprache seiner Zeit an: Kann man, soll man in Übersetzungen die aktuelle Sprache unserer Gegenwart anwenden? Müsste man dann, eignet man sich dieses Kulturgeschichtsbild an, nicht auch Goethes "Faust" in die Gegenwartssprache übertragen?

Manchmal gelingt einem Dichter doch eine ideale Übersetzung: Charles Baudelaire etwa mit seinen Edgar-Allan-Poe-Übertragungen. Was hingegen Arno Schmidt in verrenktem Pseudobarock dem Amerikaner angetan hat, ist Übersetzung als Übelsetzung.

Seltsam: H. C. Artmann fand für irische Dichtung ebenso wie für H. P. Lovecraft den idealen Tonfall und blieb unter dem Pseudonym Stasi Kull bei Bram Stokers "Dracula" zumindest korrekt. Aber in den Carlo-Goldoni-Übersetzungen beschert der Dichter Artmann dem Übersetzer eine Niederlage, die zugleich die des Originals bedeutet.

Tatsächlich gebärden sich manche Übersetzungen von Dichtern wie das Regietheater: Statt des Autorenwillens reflektieren sie den des Mittlers. Wie beim Regietheater kann in Ausnahmefällen etwas Grandioses entstehen: Friedrich Hölderlins Sophokles-Übersetzungen entfernen sich zwar von den Originalen, aber ihre Ekstase erweckt die Antike, und sei es eine imaginäre, besser zum Leben als jede philologische Korrektheit: Die Bedeutung des Wortes ist dem sprachmusikalischen Sog untergeordnet.

So schließt sich der Kreis zu Raoul Schrott: Man merkt seinen dichterischen Willen gerade in Eigenmächtigkeiten, etwa der fallweisen Verwendung ahistorischer Endreime. Es stellt sich sogar ein Sog ein. Doch er versiegt bei Sätzen wie Orests: "Selber hallo! Elektra - zu wem gehört dieser Tattergreis denn?" Da schlägt das Sprachregietheater mit voller Wucht zu. Als säße Orest auf einem Ikea-Küchenstuhl. Weitergedacht: Hamlet wäre dann eine Frau im Bikini und Macbeth ein Zigarre rauchender SS-Offizier.

Irgendwie verlangt man nach einem Übersetzer, der nur übersetzt, ohne die sprachlichen Zeitgeistigkeiten zu bedienen. Derer moralische gibt es ohnedies genug.