Das Ganze klingt wie ein Literatenmärchen: Da liest eine 80-jährige Schriftstellerin 2020 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, eine ältere Teilnehmerin gab es noch nie, sie hat überdies seit vielen Jahren nichts Literarisches mehr veröffentlicht, und dann hat Helga Schubert auch noch eine "Geschichte" mit diesem Event: 1980 war sie schon einmal eingeladen, durfte jedoch, weil sie nicht Mitglied der SED war, nicht aus der DDR ausreisen - was wohl auch mit Marcel Reich-Ranicki zu tun hatte, der damals der Bachmann-Jury angehörte und den Funktionären in Ostberlin als schlimmer Kommunistenhasser galt.

Nach dessen Ausscheiden fungierte sie ab 1987 selbst ein paar Jahre lang als Jurorin am Wörthersee; zur Sicherheit hatte man aber einen systemtreuen Schriftstellergenossen mit nach Kärnten geschickt. Und nun war sie also endlich doch noch als Autorin zu Gast, und dass das Wettlesen im vergangenen Jahr coronabedingt nur digital stattfand, kam der Seniorin bestens zupass. Denn sie lebt seit Jahrzehnten in einem kleinen Künstlerdorf in der mecklenburgischen Provinz und pflegt dort ihren Mann. Dass sie schließlich den Bachmannpreis gewann, erscheint angesichts einer solch besonderen Konstellation fast schon logisch. Märchen gibt es eben nicht nur in der Literatur, sondern auch im Literaturbetrieb.

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"Vom Aufstehen" hieß der Text, mit dem Helga Schubert die Jury überzeugt hat - eigentlich hatte sie ihn, Ingeborg Bachmann zu Ehren, "Das achtzigste Jahr" betiteln wollen, aber das wäre dann, Märchen hin oder her, wohl etwas zu viel des Guten gewesen -, und er betitelt und beschließt den nun vorliegenden Band. 29 "Geschichten" hat er zu bieten, die meisten nur ein paar Seiten lang, und in diesem Kontext tritt der autobiografische Charakter des Siegertextes noch stärker zutage. Denn das "Leben", das hier in kurzen Schlaglichtern beleuchtet wird, ist das der Helga Schubert.

Im Mittelpunkt steht dabei die schwierige Beziehung zur Mutter - der Vater fiel im Krieg -, die mit über hundert Jahren starb. Ihre Tochter war zu diesem Zeitpunkt schon 76 Jahre alt. "Sie wollte, dass ich über sie eine Geschichte schreibe. Hast du mit der Geschichte nun endlich angefangen, fragte sie mich, als sie schon über hundert war. Aber wie sollte ich über sie schreiben, als sie noch lebte." Jetzt aber ist es offenbar möglich, und wie zentral die Mutter für Helga Schubert war, zeigt schon die Tatsache, dass die Geschichten, die mit ihr zu tun haben, zu den eindrücklichsten dieses Bandes gehören.

Daneben bestechen vor allem die Passagen, die die Autorin ihrem Heimatdorf Neu Meteln widmet. Das war eine Art Worpswede des Ostens, Helga Schubert und ihr Mann hatten seit den 1970er Jahren dort ein Haus und zogen nach der Wiedervereinigung dauerhaft hierher. Zu DDR-Zeiten lebten Christa Wolf und ihr Mann dort, Werner Lindemann und sein Sohn Till (ja, genau, der spätere Sänger der Brachial-Band Rammstein) oder auch die Publizistin Daniela Dahn. Christa Wolf hat dieses Idyll in "Sommerstück" literarisch verewigt - und wohl auch etwas verklärt.

Dort ist Helga Schubert "lebig" (am Leben), und deshalb nennt sie es Heimat, und die Menschen, die dort jenseits all der Künstler und Intellektuellen zu Hause sind, beschreibt sie mit einer liebevollen Hingabe, die nah und distanziert, tragisch und komisch zugleich ist. "Was hier ist, ist überall, was nicht hier ist, ist nirgends, soll Buddha gelehrt haben. Dieser Satz macht auch beim Schreiben Hoffnung, denn wenn er stimmt, ist nichts unwichtig, wenn ich es nur genau genug betrachte."

Mitunter wirkt dieser Band wie ein Panoptikum, ein Sammelsurium, und nicht alle Texte sind gleich gut oder auch gleichermaßen durchgearbeitet. Aber das macht nichts, denn Helga Schubert ist eine ungeheuer kluge, feinsinnige, bei aller Lebensschwere unprätentiöse Betrachterin ihrer selbst, ihrer Geschichte und ihrer Umgebung. "Lebensweise" könnte man diese Geschichten nennen, von "heiterem Darüberstehen" im Sinne Fontanes bestimmt. Nur eines sind sie ganz und gar nicht: märchenhaft.