So viel vorab: Es ist gleich von zwei Produktenttäuschungen zu berichten. Beim neuen Roman von Christian Kracht, seinem fünften, lässig, aber irreführend "Eurotrash" benannt, handelt es sich erstens um keine Fortsetzung seines Debüts von 1995. "Eurotrash" ist also kein "Faserland 2". Und zweitens handelt es sich genauso wenig um Familienforschung, gar um ein Familienepos der Krachts. Denn auch wenn der Autor deutlich Bezug nimmt auf "Faserland" und hier reichlich von seiner Familie erzählt: Das ist nicht viel mehr als gutes Marketing. Irgendeinen Aufhänger braucht man ja schließlich zum Erzählen!

"Faserland" war damals ein Wendepunkt in der deutschsprachigen Literatur. Das Buch, durchzogen von einem sehr subjektiven, distinktionsbewussten, melancholischen Sound, der sich und die damalige bundesdeutsche Gesellschaft gleichermaßen spiegelte, markierte den Startpunkt einer zweiten "deutschen Popliteratur" (wenn man Rolf Dieter Brinkmann, Jörg Fauser et alii als erste begreift), in dessen Folge Autorinnen und Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Sibylle Berg, Alexa Henning von Lange, Elke Naters oder Joachim Bessing reüssierten.

Stadt der Angeber

"Faserland" begann auf Sylt, der deutschen Nordseeinsel für Reiche, und endete in Zürich, das ebenso als "reicher" und also recht schnöseliger Ort gilt. Das war dann auch der erste Vorwurf, den Kracht kassierte: Seine Literatur sei schnöselig, neureich, blutleer, irgendwie fake. Fake ist nun auch "Eurotrash" - und neureich auch. Beides wird von Kracht aber affirmativ vorgeführt: Der Roman beginnt in eben jenem Zürich, dieser "Stadt der Angeber und der Aufschneider und der Erniedrigung", wie Kracht schreibt.

Der Erzähler, der Christian Kracht heißt und ein Debüt geschrieben hat, das "ich aus irgendeinem Grund, der mir nun nicht mehr einfällt, Faserland genannt hatte" (der Grund war ein Spiel mit dem damaligen Bestseller "Fatherland" von Robert Harris, in dem es auch um Nazis und das Nachkriegs-Deutschland geht), besucht seine hinfällige, geistig verwirrte Mutter und beschließt kurzerhand, mit ihr auf eine Reise zu gehen. Doch statt nach Afrika zu fahren, reist dieses seltsame Paar nur ein wenig durch die Schweiz, besucht das Matterhorn, landet in Montreux, streift Genf und schafft es nicht einmal nach Bern oder Basel. Statt einer Weltreise oder Europareise ist es am Ende nur eine Schweiztour, von der erzählt wird.

- © Kiepenheuer & Witsch
© Kiepenheuer & Witsch

Es geht also natürlich um Familiengeschichte, um alte und echte Nazis, um Neureiche und Aufsteiger, wie Christian Krachts gleichnamiger Vater einer war, um allerlei Gewalterfahrungen direkter oder indirekter Natur, um die Schweiz, um Deutschland, um die Geschichte der BRD.

Aber gleichermaßen bleibt das alles Staffage, denn jetzt kommt der Punkt: "Eurotrash" ist in erster Linie ein Schelmenroman, nur eben mit "höherer Abkunft". Ein Roman, der mit seinen Positionen, mit Fiktion und Wahrheit spielt, der sich selbst und alles andere durch den Kakao zieht und dabei stets auch schulterzuckend sagt: Nun denn, ich kann nicht anders, ich war schon immer so, ich konnte mich selbst nie ernst nehmen und alles andere erst recht nicht, so groß oder besser: großspurig das auch daherkommt, und am Ende liegt das an dem Irrsinn, der mich geprägt hat.

Kurzweilige Abgründe

Es wird von Folterkammern auf Sylt erzählt, es wird mit aberwitzigen Geldsummen umhergeworfen, eine Plastiktüte spielt eine große Rolle, Fertiggerichte und "amateurhafte" Restaurantbesuche werden als "reverse snobbery" erklärt, es wird mit Referenzen auch literarischer Natur gespielt, und und und. Das ist tatsächlich durchaus komisch; nicht immer, aber oft genug, um unterhaltsam und kurzweilig zu sein (besonders lang ist der Roman ohnedies nicht).

Die Dialoge mit der Mutter finden auf gleicher Höhe statt und sind sattsam absurd; die Beschreibungen der Abgründe der reichen Welt haben, auch stilistisch, immer wieder was von Thomas Bernhard; die Selbstdemontage erinnert entfernt an Céline; und dass überall irgendwelche Nazis, seltsame Diskurse und reiche Trottel herumgeistern, hat was von gutem, altem Trash. Eurotrash.