Was ist heldenhafter? Der Einsatz für Gott, Kaiser und Vaterland an der Front, bei dem Emil Dvorak einen kleinen Finger eingebüßt hat (es hätte weit mehr sein können) und für den er wider Willen mit einem Orden ausgezeichnet wurde? Oder sein nachfolgender Einsatz für die hungrige Wiener Bevölkerung, indem er als eine Art Robin Hood der Nachkriegszeit einen Schwarzmarktkönig bestiehlt und Medikamente und Lebensmittel verteilt? Für den Protagonisten in Simon Müllauers Debütroman stellt sich diese Frage eigentlich gar nicht, zu desillusioniert ist der Kriegsheld - der sich selbst nicht als solcher bezeichnen würde - durch seine Erfahrungen da wie dort.

Er sieht jedenfalls Tag für Tag das schlimme Elend der vom Ersten Weltkrieg arg gebeutelten Bewohner seiner Heimatstadt. Da ist das Loch, in dem er selbst haust, noch das geringste Übel. In "Wiener Wind" zeichnet Autor Simon Müllauer ein sehr tristes und wohl authentisches Bild von Wien im Jahr 1918: Der Staat liegt am Boden, die Monarchie ist Geschichte, der Schwarzmarkt blüht, die Bevölkerung ist verzweifelt - und eine verbliebene Elite lässt es sich trotzdem gutgehen. Wobei manche Seilschaft recht brüchig ist und viele Abhängigkeiten bestehen.

In dieser Szenerie bewegt sich Emil Dvorak, der gemeinsam mit seinem besten Freund Johann und dessen schwangerer Verlobter Karoline den Coup seines Lebens plant: Nachdem er sich mit Leo Kocinzky, der den Wiener Schwarzmarkt regiert, angelegt und ihm sukzessive Ware um Ware abgeluchst hat, will er nun ein großes Festbankett infiltrieren und dort noch einmal so richtig absahnen, bevor er nach Südamerika flüchtet - denn spätestens nach dieser Aktion ist er in Wien nicht mehr sicher. Simon Müllauer - der auch Begegnungen mit historischen Persönlichkeiten wie Karl Kraus und dem jungen Matthias Sindelar einstreut - macht daraus ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem er Timing und Überraschungsmomente so einsetzt, dass der Leser zwar recht bald vor Augen hat, was da wohl auf die Protagonisten zukommt, aber doch eine Spannung bis zum recht jähen Ende bleibt. 175 Seiten lang fiebert man mit Emil Dvorak mit.