November 1986, im berüchtigten Evin-Gefängnis des iranischen Regimes am Stadtrand von Teheran. Die Wächter zerren einen österreichischen Staatsbürger aus seinem Drecksloch von Zelle, führen ihn mit verbundenen Augen und gefesselten Händen in den Gefängnishof und stellen ihn an die Wand. Er spürt intensiv, dass nun einige Gewehre auf ihn gerichtet sind. Man weiß, wie so etwas auszugehen pflegt; vor allem, wenn einem an diesem Ort vorgeworfen wird, ein israelischer Spion zu sein. Doch statt der zu erwartenden Schüsse des Exekutionskommandos hört der Mann nur das trockene "Klack" der ungeladenen Waffen, eine Scheinexekution, um seinen Willen zu brechen.

Pleiten ignorieren

Doch der Österreicher ist kein israelischer Spion, sondern ein Angestellter der damals noch verstaatlichten Vöest-Alpine namens Johannes Gaan Eisenburger, Verkaufschef der Noricum, einer Tochter des Stahlkonglomerates. Der Umstand, dass dieses Unternehmen entgegen den Bestimmungen des Neutralitätsgesetzes hunderte Kanonen des Typs GHN-45 sowohl an den Irak als auch den Iran geliefert hatte, die damals Krieg gegeneinander führten, bescherte der Republik in den 1980er Jahren den sogenannten Noricum-Skandal, in dessen Gefolge sich nicht nur das Vöest-Management, sondern auch der Bundeskanzler Sinowatz sowie die Minister Gratz und Blecha vor Gericht verantworten mussten.

Besagter Eisenburger, der in Teheran beinahe liquidiert worden wäre, hat nun seine Erinnerungen an den Noricum-Skandal unter dem Titel "Waffen für Teheran" veröffentlicht. Naturgemäß bringt der Text jetzt, nach 40 Jahren, keine wirklich neuen Erkenntnisse; der Fall von gravierender Regierungskriminalität ist weitgehend aufgearbeitet. Und doch ist das Buch lesenswert; einerseits wegen der extrem spannenden Story, die da erzählt wird; andererseits, weil es bemerkenswerte Einblicke in die Denkweise der damals regierenden Sozialdemokratie gibt.

Deren oberstes Ziel war, Arbeitslosigkeit zu vermeiden, die mächtigen Kombinate der Verstaatlichten Industrie waren dabei zentrales Werkzeug. Betriebswirtschaftliche Notwendigkeit wurden dabei ignoriert, wenn sie Personalabbau zur Folge gehabt hätten. Das Ergebnis: von Jahr zu Jahr steigende Verluste, besonders bei der Vöest. Um die drohende Pleite abzuwenden, erwarb der Konzern, wie Eisenburger beschreibt, die Lizenz zum Bau der Riesenkanone GHN-45 und bot die Superwaffe mit einer Reichweite von über 40 Kilometer diskret auf dem Weltmarkt an. Sowohl der Irak als auch der Iran zeigten Interesse. Da eine Lieferung in Kriegsgebiete aber verboten war, gingen die Waffen pro forma an Libyen und Jordanien und von dort weiter an die eigentlichen Abnehmer; im Falle des Irak ohne Wissen der Noricum, behauptet Eisenburger bis heute.

Folgen wir seiner ansonsten glaubwürdigen Darstellung, war die Regierung Sinowatz natürlich darüber informiert, dass hier ein staatlicher Konzern illegale Geschäfte betrieb, auch wenn ein Gericht Sinowatz, Gratz und den ehemaligen Innenminister Blecha schließlich freisprechen musste.

"Interessant war", erinnert sich Eisenburger, dass alle Abhörbänder recht gut verständlich waren. Nur jedes Mal, wenn jemand mit Innenminister Blecha gesprochen hat, war ein lautes Rauschen zu hören, sodass man nichts verstehen konnte." Nach 40 Jahren teilweise eher heiter mutet an, mit welcher Mischung aus Naivität, Unerfahrenheit, Größenwahn, aber auch Verzweiflung und Tollpatschigkeit die staatlichen Waffenschieber vorgingen. Da wurden angeblich für Libyen bestimmte Waffen mit persischen Gebrauchsanleitungen versehen; da beschwert sich der Noricum-Verkaufschef darüber, dass er in seinem Büro aus Hierarchiegründen zwar mehr Fenster hat, als er braucht, aber nur in der Holzklasse fliegen darf.

Anrührend auch, dass just während einer Hausdurchsuchung, als Hinweise auf ein Iran-Geschäft gesucht wurden, ein Fernschreiben aus Teheran aus dem Telex rattert, "mit der Mahnung, dringend die Feuerleitsysteme für die Kanonen zu liefern". Irgendwie "typisch für die Verstaatlichte Industrie" findet Eisenburger das. Er selbst wird zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt, muss aber nie einsitzen und widmet sich bis zum Ruhestand dem Vertrieb von Heizungsanlagen.