Wild sind die Wasser der Traun - und wacker ihre Kämpen. Wo heute Neopren-Ritter zum Canyoning rüsten, um ihren Kampfgeist zu erproben, rangen einst Schiffer mit dem Sog der Strömung, um eine kostbare Fracht zu transportierten: das Salz aus Hallstatt. Die größte Hürde ihrer Aventiure, den Traunfall bei Roitham, bezwangen sie über ein komplexes System von Bootsgassen. Dass das Manöver glückte, dafür bürgten Generationen von Schleusenwärtern; Gedenktafeln erzählen die dunkle Seite dieser Chronik.

Unweit der imposanten Kaskaden wuchs Christoph Ransmayr auf. Und hierher kehrt er nun mit seinen Roman "Der Fallmeister" zurück, wobei er Roitham zur Grafschaft Bandon und die Traun zum Weißen Fluss stilisiert. Das heimatliche Salzkammergut bekommt also eine wahlheimatliche Tönung: Bandon heißt ein Städtchen in West Cork, jenem Teil Irlands, wo Ransmayr viele Jahre lebte. Zwischenzeitig ist der kosmopolitische Autor nach Wien übersiedelt; die Bande zum insularen Schreibexil aber sind ebenso intakt wie jene zu seinem "Ursprung".

Fluss der Kindheit

Das Tosen des Wasserfalls war gleichsam das "Hintergrundrauschen" von Ransmayrs Kindheit und Jugend. Die Sandbänke am Unterlauf des Flusses wiederum boten Raum für Abenteuer und Träume. Mit diesem Erfahrungsschatz stattet der Autor nun seinen namenlosen Ich-Erzähler aus.

Der ist der Sohn des Schleusenwärters und als Hydrotechniker weltweit im Einsatz. Ein Staudammprojekt in Brasilien hält ihn gerade fest, als zu Hause die Katastrophe passiert: Just am Tag des heiligen Nepomuk (Schutzherr der Schiffer, Brückenbauer und Schleusenwärter bzw. Hüter der Verschwiegenheit) stürzt ein Ausflugsboot in den Großen Fall. Mehrere Insassen werden nur noch tot geborgen.

Am Jahrestag des Dramas steuert der "Fallmeister" - so der alte Berufs- und Ehrentitel der Schleusenwärter - selbst in die tosenden Wasser. Als Schuldbekenntnis will das niemand deuten. Den Sohn aber plagen zunehmend Zweifel, sowohl am tragischen Unfall der Ausflugszille wie auch am Suizid des Vaters, dessen Leichnam nie gefunden wurde.

- © S. Fischer Verlag
© S. Fischer Verlag

Ransmayrs Fallmeister, "bis in die Abgründe seines Daseins ein Mann der Vergangenheit", hält wie besessen am alten Titel fest. Die neuen Zeiten haben ihn zum Verwalter eines Freilichtmuseums degradiert, das Schleusensystem steuert er nur noch zu speziellen Anlässen, und dies per Knopfdruck. Welch’ Meisterschaft erforderte da die mechanische Bedienung der Anlage! Hatte der einstige Herr "über Leben und Tod" an besagtem Nepomukstag plötzlich versagt? Oder wollte er durch ein "Menschenopfer (...) die zu Asche zerfallene Glorie" seines Standes neu entflammen?

Der Sohn braucht Klarheit, kehrt zurück an den Weißen Fluss - und mithin in seine Kindheit. An den Sandbänken hatte der Vater Prometheus gespielt, aus Schwemmlehm allerlei Tiere geformt - und auch einen lebensgroßen Mann, der vorbeifahrende Paddler irritierte. Sollte sein "Adam" gar einer kalkulierten Täuschung dienen?

Der Sohn wuchs heran, und die magischen Flussbänke wurden zum Ort "verstörender Schwingungen". Ein Tor zum Paradies schien sich zu öffnen, mit Mira, der inzestuös begehrten Schwester. Oder war dies bloß eine Phantasmagorie? Das zerbrechliche, an Glasknochenkrankheit leidende Wesen war später einem "Deichgrafen" an die Elbemündung gefolgt, wo das gefräßige Meer die Gier nach festem Land antreibt.

Doch auch die Grafschaft Bandon ist keine Insel der Seligen. Drei Armeen kämpfen hier um versumpftes Terrain, ethnische Gesetze trennen Familien: Die Mutter des Erzählers wurde früh in ihre dalmatinische Heimat deportiert, vor deren Kriegen sie einst geflohen war. Die Rückkehr nach Bandon ist nur der Beginn einer viel weiteren Spurensuche.

Ransmayrs literarische Kosmen sind voller Schönheit und voller Dramen. Die Katastrophen ereignen sich im Himalaya ("Der fliegende Berg"), in polaren Zonen ("Die Schrecken des Eises und der Finsternis"), in Wüsten ("Strahlender Untergang") oder im Salzkammergut (siehe auch "Morbus Kitahara").

Die Welt des "Fallmeisters" ist von privaten Dramen überschattet und vom Lauf der Geschichte schwer gezeichnet. In einer komplexen Anordnung aus historischen und geografischen Überblendungen führt der Autor eine heillose Welt vor Augen. Ideologische Brandstifter und allmächtige Konzerne untergraben jeden gesellschaftlichen Zusammenhalt, Europa ist ein Scherbenhaufen aus fanatischen Zwergstaaten; Spuren grausamer Kriege durchziehen die Länder, Hightech-Netze kontrollieren alles Leben. Und der Raubbau an der Natur führt zum vielleicht letzten Krieg, dem Kampf ums Wasser.

Doch der Lauf der Zeit ist nicht umkehrbar, jedes Zurück in ein verklärtes Gestern endet fatal. Ransmayrs Roman ist ein wütendes, pathetisches Manifest gegen den Wahnsinn der Welt. Sein Erzähler reist aber nicht nur durch ein dystopisches Europa, sondern auch ins Dunkel seiner eigenen Seele. Ähnelt er dem Vater nicht weit mehr, als ihm lieb ist? Führen seine kindlichen "Spiele mit dem Tod", sein geschwisterlicher Tabubruch nicht unausweichlich in eine Tragödie archaischen Ausmaßes?

Magie der alten Zeit

Der "Fallmeister" ist alles, was der Fall ist. Damit begnügt sich Christoph Ransmayr freilich nicht. Seit Jahren erprobt er, parallel zu seinen Romanen und Reportagen, diverse "Spielformen des Erzählens". Die älteste Form, die mündliche Überlieferung, beseelt das Universum des Fallmeisters mit Flussgeistern, Algenwäldern und Nixen, mit magischen "Geschichten von der Tiefe".

"Es war einmal", liest der Erzähler auf dem Grabstein der Großmutter. So beginnen Märchen, so hallt, was zu Staub zerfiel, noch lange nach. Doch Staub bleibt Staub, und aus den Märchen führt "kein Weg ins wirkliche Leben".

Dass dennoch nicht alles verloren ist, an diesen Hoffnungshorizont führt Ransmayr mit einem Feuerwerk an Mythen und Metaphern heran.