Zum Lesen gehört - neben anderem Vergnügen - auch die Langeweile, die sich häufig sogar zur Anstrengung steigert. In manchen Fällen lohnt sich das Durchhalten. Mit solch einem haben wir es bei Ally Kleins neuem Roman "Der Wal" zu tun, dessen Handlung rasch erzählt ist.

Im Zentrum steht das titelgebende Tier, welches nunmehr als Namensgeber für ein mysteriöses Gebäude fungiert. Um seinem Leben einen letzten großen Sinn zu verleihen, versetzt es Saul kurz vor seinem Tod zurück in den Zustand, in dem es sich vor der Umnutzung zu einem Atelier befand. Nach dem Tod des Eigenbrötlers stellt sich nicht nur seine einstige Begleiterin Keough Fragen über die Beweggründe ihres Gefährten, sondern auch dessen Bruder. Als die beiden Hinterbliebenen aufeinandertreffen, wirken gleich mehrere Geheimnisse: dasjenige des architektonischen Komplexes wie auch dasjenige einer sich zaghaft entwickelnden liaison d’amour.

- © Droschl Verlag
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Nun lässt sich gewiss behaupten, dass Dreiecksgeschichten keine Novität in der Literatur darstellen. Warum also dieses Buch? Weil es vor allem ästhetischen Genuss birgt. Wie schon in ihrem Erstling "Carter" weiß die 1984 geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin ihre Könnerschaft vor allem in der detailgenauen Beschreibung zu beweisen. In Thomas Mann’scher Manier vermisst sie den Stand der Wolken, charakterisiert das Knirschen von Kies und erfasst präzise die Facetten des Lichts. Es gilt das Prinzip der sprachlichen Fülle: "Nur ein Sehnen erfüllt meinen Körper, dehnt sich über jeden Muskel, durchflutet mich. ein stilles Sehnen, lautlos, zieht sich lang in mir, aber ist auf nichts und niemanden. Das Sehnen ist einfach da (…) Das Tageslicht wird bald unter der Kuppel der Nacht verschwinden." Wo epische Ausschweifung ins Grenzenlose mündet, trifft man auch einmal auf zu viel Pathos und Auratisierung.

Ganz unpassend ist dieses Ausstellen der Inszenierung hingegen nicht, will doch das Buch zur Diskussion über die Kunst anregen. Damit kommen wir zum Wal als dem die drei Figuren verbindenden Element. Indem alle über dessen Bedeutung und Magie sinnieren, bringen sie die Stärke kreativer Schaffenskraft zum Ausdruck, nämlich in Form des Rätsels und der nie endenden Interpretation. Gerade das Unklare und Ungegenständliche zeichnet doch künstlerische Genialität aus. Je mehr sich die Protagonisten an dem ominösen Gebäude intellektuell abarbeiten, desto eher wird es zum Raum der Begegnung, mit anderen und nicht zuletzt mit sich selbst.

Übrigens legt diese Art der Projektion in der und durch die Kunst eine unmittelbare Analogie nahe, auf die der Titel anspielen könnte. Wer dächte hier nicht an die Legende von Jonas, der im Bauch eines Wals landet? Letztlich steckt hinter dem biblischen Text die Idee, dass das Verschlungenwerden der Reise des Menschen in die eigene Seele gleicht. Genau diese Erfahrung vermittelt Ally Kleins Erzählen, dem eine unauslotbare Intimität innewohnt.