Herbst 1978: Aimee Willard ist eine - vermeintlich - ziel- und antriebslose Studentin der Pädagogik an der University of California in Santa Maria. Sie hat keine sozialen Kontakte, und lieber als für ihre Prüfungen zu lernen hört sie das neue Album der Talking Heads ("More Songs About Buildings And Food") und insbesondere die Coverversion von Al Greens "Take Me To The River". Als sie sich durch diverse Fernsehkanäle zappt, bleibt sie an einer Rate-Show hängen, in welcher der junge, attraktive Wissenschafter Guy Schermerhorn auftritt und behauptet, Affen das Sprechen beizubringen.

Als Beweis hat er den süßen Schimpansen Sam bei sich, der auf zwei Beinen gehen und mit Menschen mittels Gebärden kommunizieren kann. Als wenig später ein Zettel auf dem Campus informiert, dass genau dieser Schermerhorn studentische Hilfskräfte für sein "Fremdpflegeprojekt" auf einer Ranch sucht, zögert sie nicht und bewirbt sich.

Gin Tonic und Joints

Es ist Liebe auf den ersten Blick zwischen Aimee und Sam. Daran ändert auch nichts, dass Aimee bald auch ein Verhältnis mit dem egozentrischen, karriereversessenen Schermerhorn eingeht. Der Schimpanse, biologisch noch ein Kind, aber bereits von kaum zu bändigenden Kräften, die Panzerglas und Türen aus Stahl nötig machen und etliche bange Fragen für die Zukunft offenlassen, hat seine zweieinhalb Lebensjahre ausschließlich unter Menschen verbracht, isst am liebsten Pizza, trinkt Wein und Gin Tonic und zieht gerne einmal an einem Joint, was seinen Betreuern nicht unrecht ist, weil er dann etwas
ruhiger wird.

Unvermeidlicherweise ist Sam, der ständig Zuwendung und Aufsicht braucht, ein Haustyrann. "Sie verzog ihn. Sie alle verzogen ihn. Aber was blieb ihnen anderes übrig?", räsoniert Aimee. Sams Besitzer ist indes nicht Schermerhorn, sondern dessen brutaler, skrupelloser, zynischer Vorgesetzter Professor Moncrief, der ihm das Tier nur geliehen hat, weil in den ausgehenden 70ern mit Sprachforschungen mit Primaten gute Fördergelder abzustauben waren. Als aber nach ein paar Jahren der Zeitgeist dreht, die Wissenschaft die Sprachfähigkeit von Menschenaffen mit steigender Vehemenz in Abrede stellt und mithin die Fördergelder zu entschwinden drohen, fordert Moncrief den Schimpansen zurück, um ihn teuer für die medizinische Forschung - sprich: für Tierversuche - zu verkaufen. Sam kommt in einen kalten, stinkenden Käfig, wird mit Tiernahrung gefüttert und kann sich mit seinen Artgenossen, die er nicht als seinesgleichen erkennt, buchstäblich nicht anfreunden.

Mitreißende Mischung

Aimee, die den Gedanken, dass Sam leidet, nicht tatenlos ertragen kann, folgt dem Affen auf dem weiten Weg von Kalifornien nach Iowa und heuert als unbezahlte Hilfskraft im "Schimpansenstall", wie die umgebaute Scheune mit den Käfigen auf Moncriefs Anwesen genannt wird, an. In einer tollkühnen Nacht-und-Nebel-Aktion gelingt es ihr, Sam zu befreien und mitzunehmen. Es beginnt ein bizarrer Roadtrip, der zugleich eine Flucht mit unabwägbaren Risiken und Hindernissen ist.

Wie fast alle seine erfolgreichen Romane hat T.C. Boyle auch diesen, der als ziemlich mitreißende Mischung von bewährter Feinironie und Detailpräzision mit einer gewissen ideellen Verrücktheit zu seinen besseren gehört, nicht einfach aus dem Blauen heraus geschrieben, sondern greift in einen historischen Fundus: Denn in den 70er und 80er Jahren wurden tatsächlich Sprachprojekte mit Primaten, die in Menschenhäusern lebten, initiiert, und ihre Fähigkeiten untersucht, Zusammenhänge erfassen und Rückschlüsse ableiten, also wie Menschen denken zu können. Der Affe im Buch genügt humanesken Kriterien mit Bravour, denn er kann lügen und berechnend agieren, beherrscht also die charakteristischsten menschlichen Verhaltensweisen.

- © Hanser
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Überhaupt lässt Boyle - ohne die kreatürlichen Aspekte in Sams Wesen auszublenden - wenig Zweifel an seiner Überzeugung, dass Primaten bestimmte menschliche Fähigkeiten und Eigenschaften lernen können. An diese Erkenntnis knüpft freilich ein eminentes ethisches und philosophisches Problem an, das als vorwurfsvolle Frage unausgesprochen das ganze Werk umklammert: Wie barbarisch gehen wir mit unseren nächsten Artverwandten um, wenn wir sie in Käfige sperren, in Zoos zur Schau stellen und um des medizinischen Fortschritts willen quälen? Ein einfacher Satz des brutalen Schinders Moncrief nimmt sich in diesem Licht besonders furchterregend aus: "Ich werde einen Schimpansen aus ihm machen."

Ein wenig Menschenaffenfolklore zelebriert Boyle in Form eines relativ ausführlichen Abschnitts über den berühmten TV-Schimpansen J. Fred Muggs, der in den 50er Jahren die Quoten der "Today Show" auf NBC auf Vordermann brachte. Auch Intellektuellen wie dem Linguisten Noam Chomsky, der die Fähigkeiten von Primaten zum menschenanalogen Spracherwerb stets entschieden bestritten hat, wird nominell Tribut gezollt. Zeitkolorit findet sich in einer eigentümlichen Mode, die man Punk nennt, aber auch schon in der aufkommenden AIDS-Epidemie.

Waghalsiger Kunstgriff

Etwas fragwürdig erscheint allenfalls Aimees Wandlung von der (scheinbar) ambitionslos-trägen Studentin zur entschlossenen, ausdauernden und durchaus auch mit manipulativen Kräften begabten Kämpferin. Boyle muss dieser psychologische Bruch im Charakterbild selbst aufgefallen sein und er versucht, nicht ganz überzeugend, ihn zuzuschütten, indem er Aimees Begegnung mit Sam als Erweckungserlebnis darstellt: "Sie war unvermittelt zu etwas erwacht, das radikal anders war als alles, was sie je erlebt oder erwartet hatte."

Erstaunlich erfolgreich ist Boyle dagegen mit dem waghalsigen Kunstgriff, die aus unterschiedlichen menschlichen Blickwinkeln erzählte Handlung kapitelweise mit dem subjektiven Erleben Sams zu kontrastieren. Insbesondere bei den Szenen im Käfig offenbart sich dadurch die tragische Entwurzelung eines Wesens, das mit seiner biologischen Spezies nichts mehr gemein hat und in der, der es sich zugehörig fühlt, nie selbstständig (über)leben könnte.