Wenn es der Ziege an den Kragen geht, wird kein Bock geschossen: Mathijs Deen. - © Merlijn Doomernik
Wenn es der Ziege an den Kragen geht, wird kein Bock geschossen: Mathijs Deen. - © Merlijn Doomernik

Für die gemeine Landratte ist die Kulinarik auf hoher See zumeist von geringer Bedeutung. Sie kotzt ihren Mageninhalt nach den ersten angerollten Wellen ohnehin über die Reling. Und auch in der einschlägigen Literatur geht es weniger um das Schlemmen und Tafeln nach den Standards einer Heizdeckenfahrt durch ruhige Gewässer auf einem Luxusliner voller Pensionisten, sondern entweder, wenn man Glück hat, um die Sättigung mit Schiffszwieback, Dörrfleisch und Stockfisch, oder, wenn es blöd läuft, das nackte Überleben.

Draußen im Eis wird verschlungen, was dem Seebären vor die Büchse läuft oder von den Männern fürs Grobe harpuniert werden kann. Wal und Robbe schmecken zwar traurig tranig und die letzten verbliebenen, garantiert Vitamin-C-freien Konserven treiben den Skorbut voran. Allerdings passt das dann doch stimmiger in das Gesamtbild als ein Captain’s Dinner, bei dem sich Leif Eriksson oder James Cook an Entrecote in Rosmarinjus delektieren. Wichtiger mag es für zahlreiche Leichtmatrosen außerdem ohnehin immer gewesen sein, wie viele Fässer mit Starkbier noch vorrätig waren. Trost ist flüssig und der Trockenfisch längst mausetot, doch auch er will schwimmen.

In Mathijs Deens lakonischer Kurzprosa "Der Schiffskoch" hat es die Besatzung der "Texel" vergleichsweise gut - zumindest anfangs. Der wortkarge Schiffskoch Lammert scheint sein Handwerk zu verstehen. Und er beschließt gegen die Vorschrift, ein Ziegenböckchen an Bord zu bringen, um daraus einen indonesischen Schmortopf zu zaubern. "Das ist kein Vieh, Gijs, das ist Proviant."

Doch ebenso, wie die Männer mit ihrem Schicksal hadern, auf einem fest verankerten Feuerschiff so etwas wie Seefahrer zweiter Klasse zu sein, und sich gedanklich hinaus auf die Weltmeere oder jedenfalls weit weg von der "Texel" wünschen, hat auch das Tier seine eigene Vorstellung vom Dasein. Nachdem es zuvor die Ordnung an Deck durcheinandergewirbelt hat, weil einem auch ein Hauptgericht ans Herz wachsen kann, solange es noch am Leben ist, kommt es schließlich zum Bocksprung. Der führt glücklicherweise aber nicht über Bord, sondern quer durch das Schiff und hinab in dessen Bauch und Eingeweide.

- © Mare
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Gleichzeitig streckt nicht nur ein Malaria-Schub den Schiffskoch darnieder, dessen Fieberträume der Leserschaft über seine Kindheit, eine Mutter, die ihn "Äffchen" nannte, und die Wurzeln des Gerichts "Gulai kambing" mit seinen exotischen Gewürzen erzählen. Das aufziehende Schlechtwetter bringt außer dem Speiseplan auch noch das gesamte Schiff in Gefahr. Im Nebel lauern Angst, Unheil und Wahnsinn - sowie ein möglicher Untergang, der den Tod bedeutet.

Leben und Überleben, Hoffnung, Erinnerung, Sehnsucht und Träume: Der niederländische Schriftsteller und Radiomacher Mathijs Deen hat mit seiner Erzählung, die, passend zur schweigsamen Belegschaft der "Texel", nur wenige (Neben-)Sätze für ihre Psychogramme und insgesamt nicht mehr als 112 Seiten benötigt, um in ihren Sog zu ziehen, keinen Bock geschossen - für den Schmortopf auf vier Hufen hatte auch Lammert eigentlich andere Pläne: "Er stand an der Arbeitsplatte und schliff das Messer."