Wenn die Italiener das Vaterunser beten, sollten sie Gott neuerdings bitten: ". . . und überlasse uns nicht der Versuchung" - weil das mit dem "in Versuchung führen" nach Ansicht nicht nur des Papstes einfach nicht stimmt. Wenn es nach dem 82-jährigen Journalisten Franz Alt geht, so müsste das ganze Vaterunser neu übersetzt werden - und am besten die komplette Bibel gleich dazu. Denn das meistverkaufte, aber im Verhältnis dazu wenigstgelesene Buch der Welt, insbesondere das Neue Testament, sei voller angeblicher Aussagen Jesu, die er so sicher nie getätigt habe.

Jesus, der jüdische Feminist, und die Poesie der Bibel

Die Bibel, die wir heute kennen, habe nämlich ein großes Problem: Sie fuße auf Überlieferungen in griechischer Sprache - Jesu Muttersprache jedoch sei Aramäisch gewesen. In seinem neuen Buch "Die außergewöhnlichste Liebe aller Zeiten" - in dem er erläutert, warum Judas kein "Verräter" und Maria Magdalena keine "Hure" war - bezieht sich Alt vor allem auf das Lebenswerk des 2009 verstorbenen deutschen evangelischen Theologen und Aramäisch-Experten Günther Schwarz, der die griechischen Bibeltexte einer "poetischen Rückübersetzung" unterzog. Und der überzeugt war: "Das meiste von dem, was die Christenheit glaubt, Jesus hat es nie gelehrt, und das meiste von dem, was Jesus gelehrt hat, die Christenheit weiß es nicht." Als Beleg für seine Thesen sah Schwarz vor allem die Tatsache, dass von den rund 5.400 bekannten griechischen Handschriften des Neuen Testaments keine zwei wörtlich übereinstimmen.

Alt zitiert mehrere überlieferte Jesus-Worte, die er als "Unsinn" bezeichnet, als "verkehrt und pervers", da sie in krassem Widerspruch zu Jesu Kernbotschaft stünden. Diese Kernbotschaft haut er auch unserer heutigen, von Klimawandel, Umweltzerstörung und Massentierhaltung geprägten Gesellschaft im Atom(bomben)-Zeitalter um die Ohren. Aber auch der aus seiner Sicht frauenfeindlichen Kirche, der er in Sachen Feminismus ins Gewissen redet. Sie solle sich ein Beispiel an Jesus nehmen, den er als "ersten neuen Mann" bezeichnet, weil er "beispielhaft das Weibliche in sich nicht verdrängt und unterdrückt, sondern entwickelt und integriert hat". Das zeige sich nicht nur in Jesu Verhältnis zu Maria Magdalena, sondern zu den Frauen überhaupt. Hier habe sich Jesus klar gegen den damaligen Zeitgeist gestellt und damit angeeckt. Genauso wie er Gott ständig "Abba" genannt habe, was sich am besten mit "Papi" übersetzen lasse - eine weitere Ungeheuerlichkeit für strenggläubige Juden.

Franz Alt: Die außergewöhnlichste Liebe aller Zeiten - Die wahre Geschichte von Jesus, Magdalena und Judas (Herder; 320 Seiten; 24,70 Euro)
Franz Alt: Die außergewöhnlichste Liebe aller Zeiten - Die wahre Geschichte von Jesus, Magdalena und Judas (Herder; 320 Seiten; 24,70 Euro)

Was nun Judas betrifft, so fordert Alt dringend einen Freispruch für den Mann, über den Jesus gesagt haben soll: "Einer von euch wird mich verraten." Was sich in der Rückübersetzung ganz anders liest: "Einer von euch muss mich übergeben." Es ist eines von vielen Textbeispiel, mit denen Alt Judas rehabilitieren will. Übrigens stellt er mit Blick auf Ostern fest, dass keiner der vier Evangelisten explizit schrieb, dass Jesus wirklich gestorben sei, sondern bloß, dass er "seinen Geist aushauchte" - was viel Interpretationsspielraum lasse. Gab es also gar keinen richtigen Tod am Kreuz - und damit auch keine echte Auferstehung, die ja eine wichtige Basis der christlichen Lehre ist? Was für ein häretischer Gedanke! Na und, meint Alt. Er braucht kein Auferstehungsdogma, um den Gottessohn außergewöhnlich und beeindruckend zu finden. Er findet in der Bibel ganz andere Dinge viel größer und bedeutender. Von seinen Übersetzungsargumentationen mag man halten, was man will (mangels Altgriechisch- und Aramäisch-Kenntnissen ist eine Beurteilung schwierig), eines steht jedenfalls fest: Alts Buch strahlt auf mehr als 300 Seiten eine neu geweckte Begeisterung für Jesus und dessen Worte aus. Es ist ein Appell an die Christenheit für einen neuen Glauben an Gott, ihren "Papi".

Nicht was in der Bibel steht, sondern was man daraus liest

Was Jesus wirklich gesagt hat, diese Frage beschäftigt auch die 60-jährige Georg-Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe in ihrem neuen Buch "Fährmann, hol über!" - sie nimmt es allerdings als gegeben hin, dass es "unserer Spekulation vorbehalten" bleibt, und befasst sich lieber bei der Betrachtung der Bibel insgesamt - also des Neuen und des Alten Testaments - damit, was die Nacherzähler jeweils aus dem Stoff gemacht haben, was sie für sich und ihre Leser jeweils herausgelesen und in den Vordergrund gerückt haben. Das macht sie etwa anschaulich am Beispiel der berühmten Mauern von Jericho und der Frage, ob es nun die Posaunen oder nicht doch eher die reine Überzeugungskraft des Volkes Gottes war, die sie einstürzen ließ. Und ob nun tatsächlich Josua der große Held dieser Episode ist oder diese Zuschreibung vielleicht doch eher der Prostituierten (war sie denn eine?) Rahab gebührt. Achja, und auch bei Hoppe und ihrem Blick auf die Bibel spielen die Frauen eine zentrale Rolle.

Hoppe hält jedenfalls fest: "Offensichtlich ist das Reich Gottes bis heute auf Dolmetscher angewiesen." Und sie lässt durchblicken, dass es nicht so sehr um exakte Wortlaute geht, sondern um die Botschaft dahinter. Sie fürchtet aber auch gerade in Bezug auf Jesu überlieferte Worte, dass "die Erzählung selbst dem Glauben im Weg" stehen könnte. Sprich: Weniger schöne Worte, mehr gute Taten!

Felicitas Hoppe: Fährmann, hol über! - Oder wie man das Johannesevangelium pfeift (Herder; 159 Seiten; 18,60 Euro)
Felicitas Hoppe: Fährmann, hol über! - Oder wie man das Johannesevangelium pfeift (Herder; 159 Seiten; 18,60 Euro)

Ein großes Thema bei ihr ist auch die Frage nach dem Jenseits und dem Jüngsten Gericht. Was wird uns da erwarten als gläubige Christen? Und sollten wir nicht eher danach trachten, schon im Diesseits unsere Schuld anzutragen und die Erde in einen Himmel nach Gottes Vorstellungen zu verwandeln, statt auf dieses ominöse Jüngste Gericht zu warten? Unter diesen Eindrücken formuliert sie auf Seite 71 von 159 auch das Vaterunser zeitgemäß um.

Was nun den Buchtitel "Fährmann, hol über" betrifft, so mag es einerseits ein Rückgriff auf den altgriechischen Hades und den Übergang vom Dies- ins Jenseits sein. Andererseits steht der Fährmann aber vor allem für Menschen wie den Heiligen Christophorus, der einst den Heiland getragen hat - und für all jene, die auch Hoppe "ans andere Ufer bringen", sprich: zu einem besseren Gottesverständnis. Drei weitere Fährleute, denen die katholisch sozialisierte Schriftstellerin eigene Kapitel widmet, sind der Heilige Martin von Tours, der noch immer nicht heiliggesprochene Reformator Martin Luther und Jeanne d’Arc, die für ihren Glauben auf dem Scheiterhaufen endete.

Martin Luther erklärt Jesus in der Chaos-WG das Internet

Während Alts Zugang zum Thema Glaube und Bibel ein wissenschaftsjournalistischer ist, ist jener Hoppes ein literarischer. Leicht ins Satirische wiederum gleitet der 32-jährige Hamburger Pastor Jonas Goebel mit "Jesus, die Milch ist alle" ab. In seiner augenzwinkernden Tagebuch-Fiktion geht es ebenfalls um eine Bibelübersetzung, allerdings als Teil einer Geschichte: Der Heiland höchstpersönlich zieht darin bei Goebel und seiner Frau ein, um ein neues Evangelium zu schreiben - und hat Martin Luther im Schlepptau, der die Bibel neu übersetzen will. Den beiden geht es natürlich darum, ihre Klientel jeweils in deren heutiger Ausdrucksweise anzusprechen, YouTube-Videos und Instagram-Postings inklusive.

Jonas Goebel: Jesus, die Milch ist alle - Meine schräge WG und ich (Herder; 159 Seiten; 16,50 Euro)
Jonas Goebel: Jesus, die Milch ist alle - Meine schräge WG und ich (Herder; 159 Seiten; 16,50 Euro)

Auf den ersten Blick ist Goebels Buch eine kleine, harmlose, federleichte Satire zum Schmunzeln. Im Kern geht es allerdings um die großen Fragen der Menschheit: Wie sollen wir leben? Worum geht es wirklich? Und sind wir noch zu retten (nicht nur vor dem Klimawandel)? Der Hamburger Pastor schildert einen ins Heute gestoßenen Heiland, der online so überhaupt nicht reüssieren kann - aber in der zwischenmenschlichen Begegnung, da geht die Post ab! Da werden sogar komasaufende Alpha-Kevins apostolisch. Da ist Gottes Gegenwart zu spüren.

Ist es eine Botschaft an die Kirche, dass es mehr um die gelebte Pastoral als um die Verbreitung der reinen Lehre geht? Mag sein. Welche tiefere Bedeutung allerdings hinter der Rolle des stets polternden, chauvinistischen und hedonistischen, aber doch auch um das Heil seiner Kirche besorgten Martin Luther steckt, erschließt sich nicht so ganz. Vielleicht war es aber auch einfach dem lutheranischen Pastor ein persönliches Bedürfnis, der prägendsten Figur seiner Konfession ein literarisches Denkmal zu setzen - beziehungsweise allzu unterwürfiger Verehrung des Reformators Einhalt zu gebieten. Goebels kurzweilige Geschichte hat jedenfalls im Nachklang mehr Tiefe, als man zunächst meinen mag. Und im Gegensatz zu Jesus in seinem Buch ist der Autor selbst im Internet mit seinem Blog juhopma.de erfolgreich.