Der in Tulln lebende Denker, Johanniterpfarrer und Theologe im Un-Ruhestand, Martin Bolz, feierte vergangenes Jahr seinen 75. Geburtstag. Die Zahl seiner beschaulich-erheiternden und stets bildenden Bücher ist annähernd gleich hoch wie jene seiner produktiv und stets voller Humor und Protestantengeist abgelaufenen Lebensjahre seit seiner Geburt in Wiesbaden. Mit dem Berliner Frank & Timme Verlag hat Bolz nun seinen idealen Publikationspartner gefunden, der kleine, aber schöne und in der fotografischen Qualität hervorragende Printmedien herstellt.

Im aktuellen Werk geht es um eine rätselhafte biblische Figur: Dismas, den bekehrten Schächer. Als Jesus am Kreuz hingerichtet wurde, war er nicht allein. Ihn begleiteten zwei Verbrecher auf der Schädelstätte Golgatha in den Tod. Einer der Leidensgefährten, genannt Gestas, verhöhnte ihn, weil Jesus trotz seiner göttlichen Sendung nicht vom Kreuz sprang und seine Peiniger solcherart düpierte, doch der andere ließ sich buchstäblich in letzter Minute bekehren und wandte dem Gottessohn seinen bereits im Sinken begriffenen Kopf zu.

Bitte des Sterbenden

Dieser Schächer namens Dismas bat Jesus noch im Sterben, doch an ihn zu denken, wenn er in den Himmel zu seinem Vater einträte. Am Kreuz zu sterben ist noch viel schlimmer, als es aussieht, weil dem Delinquenten allmählich die Luft ausgeht.

Dismas am Kreuz: anonyme Holzskulptur, vermutlich um 1500. - © Rijksmuseum, CC0, https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de, via Wikimedia Commons
Dismas am Kreuz: anonyme Holzskulptur, vermutlich um 1500. - © Rijksmuseum, CC0, https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de, via Wikimedia Commons

Dismas, ein Mörder und Berufsverbrecher, also gewiss kein Guter, litt - aus der Perspektive der Hingerichteten - zur Rechten des Heilands, und so ist er naturgemäß vom Betrachter aus links vom wohlbekannten Gekreuzigten zu sehen, zu dessen Füßen (mitunter aber über dem Kopf angebracht) spotthalber die Inschrift "I.N.R.I" stand - Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum, Jesus aus Nazareth, König der Juden.

Im Johannes-Evangelium wird der Name Dismas erwähnt, ansonsten nur in apokryphen Schriften, die drei übrigen Evangelisten (Lukas, Markus und Matthäus), die es in die Bibel geschafft haben und dort im Neuen Testament die Leidensgeschichte Jesu referieren, gehen auf den Schächer nicht näher ein; wozu auch, er ist bloß ein Sünder von vielen, der seinen Lebensunterhalt mit Kriminaldelikten bestritt. Nur Johannes erkannte, wie symbolträchtig der letzte von Jesus Bekehrte war und dass Einhalt und Reue bis zuletzt wirken können. Dass sich eine solche Figur auch aus Sicht der römisch-katholischen Kirche und der Ostkirche zur Verehrung eignen könnte, war allerdings nicht absehbar.

Trappistenmönche

Wer war Dismas, dessen Name an das griechische Wort für Sonnenuntergang erinnert? Der evangelische Philosoph, Theologe und Pädagoge Bolz ist dieser Frage nachgegangen, wobei er sich vom Werk eines Trappistenmönchs aus 1709 inspirieren ließ. So erfährt der Leser auch einiges über die Zisterzienser strenger Ordnung, die sich in La Trappe niederließen, einem Kloster, das nach einer Aufhebung wieder besiedelt und zu lichter Höhe gebracht wurde.

Martin Bolz. - © privat
Martin Bolz. - © privat

Die gelungenen Fotos, die von Bolz selbst stammen, hat der Autor diesmal mit jenen des begabten Skandinavien-Experten Petter Olsen ergänzt, der stimmungsvolle Bilder mit norwegischem Fjord-Lokalkolorit beitrug. Zudem hat Martin Bolz einige bekannte Porträts von Arcimboldo ausgewählt, bei deren Betrachtung man gern in die Obstschale oder auf die eigene Knollennase greift - es handelt sich bekanntlich um Kompositionen aus Gemüse und Früchten, die der Italiener zu Gesichtern zusammenfügte.

Wie die meisten Werke von Martin Bolz, der nicht mit dem Medienphilosophen Norbert Bolz verwandt ist, aber auf demselben Niveau publiziert, ist das vorliegende Buch auch als erbauliches und trostspendendes Kompendium gedacht, das Gesunden, Kranken und Genesenden helfen soll; lange Jahre wirkte Bolz im Evangelischen Krankenhaus Wien und fand so auch eine Form der modernen Bildungsliteratur, die sich dem Leser nicht aufdrängt und auch den Müden erfreut.

Tröstliches Brevier

- © Edition Noack & Block
© Edition Noack & Block

Der Vorteil der essayartigen Beiträge mit ihren originellen Illustrationen liegt auf der Hand. Während der Autor ins Pädagogische, nicht aber Oberlehrerhafte einsteigt, kann der Leser einen kurzen Abschnitt lesen, wie in einer Sammlung von Kurzgeschichten, und sich dann wieder zurücklehnen und pausieren. Man kann somit im "Dismas" in die Lebensgeschichten auch einfach nur hineinlesen und wird etwas Interessantes und Bildendes vorfinden.

Man kann aber auch nur eines der Fjord-, Weinlaub- und Abendfotos von Petter Olsen betrachten, die anregen und Zufriedenheit stiften. Auch Bolz selbst ist ein Reisender und begabter Fotograf, der alle Weltteile von Indien bis ins Tullnerfeld gut kennt und der siebeneinhalb Jahrzehnte allen geholfen hat, die seiner Unterstützung bedurften.