Kein Wunder, dass es um das Metaphysische in der essayistischen Literatur der Gegenwart so schlecht bestellt ist, da sich neben der aussterbenden Kaste der Kunstpriester nur noch die Theologen damit befassen. Für spirituell interessierte Freidenker ergibt das eine veritable Bredouille, denn abseits der Theologie tummeln sich nur noch die nicht ernst zu nehmenden Esoteriker aller Couleur, während die Verfechter des Rationalismus die Metaphysik, wie W.G. Sebald einmal schrieb, "nur mehr als eine Art Rumpelkammer ansehen und sich mit dem allgemeinen Hinweis begnügen, dass in höheren Regionen die Luft dünn und die Absturzgefahr groß ist".

Der Lyriker und Theologe Christian Lehnert hat mit "Ins Innere hinaus" insofern ein dem Zeitgeist trotzig entgegengesetztes Buch geschrieben. Es besteht aus mehr als fünf Dutzend kurzen Abschnitten, die assoziativ aneinandergereiht sind, mal autobiografische Episoden, mal biblische Exegesen, mal religionshistorische Exkurse und anderes umfassend. Vielstimmig und in immer neuen Anläufen nähert Lehnert sich so dem wundersamen Phänomen der Engel an, deren primäres Merkmal es ja gerade ist, sich jeder Form der Erfassung, Festlegung und Sistierung zu verweigern.

- © Suhrkamp Verlag
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Fachkundig vermag Lehnert zu zeigen, wie sich die von ihm durchaus kritisch durchmusterte theologische Tradition der christlichen Engelskunde mit den Diskursen der Kunst verbindet oder Brücken schlägt zu den Erkenntnismethoden der Wissenschaften. Leider versagt er jedoch völlig darin, just jenen Schritt zu vollziehen, auf den es doch ankommt: nämlich das reiche Reservoir der Angelologie für die Gegenwart relevant zu machen, indem er es vom theologischen Kopf auf die materialistischen Füße stellt.

Wer also hofft, etwas über die für uns relevanten Engelsgestalten zu erfahren, geht leer aus. Benjamins "Angelus novus" mag bereits zu Tode zitiert sein, aber wie steht es beispielsweise um das apokalyptische Heilsversprechen des Engels der Verzweiflung von Heiner Müller, der im Revolutionsdrama "Der Auftrag" als Schutzengel der Unterdrückten verkündet: "Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei. Meine Hoffnung ist der letzte Atem. Ich bin das Messer, mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt. Ich bin der sein wird."

Dergleichen würde doch genügend Material für einen Fachkundigen für das Engelswesen liefern, aber Lehnert konzentriert sich lieber auf Altbewährtes wie den Propheten Ezechiel oder Jakob Böhme, obgleich die Relevanz der Engel für uns Heutige vielmehr begreiflich wird beispielsweise anhand eines Film wie "Der Himmel über Berlin" (Drehbuch: Peter Handke), der die Grenzüberschreitung aus dem Transzendenten in die Realität cineastisch zur Anschauung bringt, oder anhand der poetischen Intensivität der Rätselsprache von Paul Celan, die exemplarisch das von Lehnert beschworene Sprechen der Engel als Hervorbringung des Unaussprechbaren vorführt.

Doch dergleichen scheint Lehnert gar nicht zu interessieren, weil er trotz aller Distanzierungsrhetorik im theologischen Denkrahmen befangen bleibt. Dass man die Existenz des Transzendenten aber als jeder formalisierten Religion vorgängig zu denken hat, wie auch der Erkenntnis, dass die moderne Teilchenphysik uns tiefere Einblicke in die wahre Gestalt der Welt ermöglicht als die Bibel, verweigert sich Lehnert jedoch.

"In jedem Geschriebenen müsste der ‚Kampf mit dem Engel‘ spürbar sein", notierte Handke in "Phantasien der Wiederholung". Davon aber ist in "Ins Innere hinaus" leider wenig zu finden.