Liegt das auch Ihrem Nimbus als Österreichs erfolgreichster Kinderbuchautor?

Nein, es liegt an etwas anderem: Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind den meisten Leuten heute einfach egal. Das ist keine Sensation mehr. Mich hat einmal jemand gefragt, ob es nicht an der Zeit sei, mich zu outen. Darauf habe ich gemeint, dass es dieses Wort eigentlich in der heutigen Zeit nicht mehr geben kann. Was soll denn das? Das ist vollkommen lächerlich. Es muss eine Selbstverständlichkeit geben. Ich habe lange gebraucht, um dorthin zu kommen. Wir haben vor fünf Jahren in England geheiratet. Vor vier Jahren ist dann "Knickerbocker4immer" für Erwachsene erschienen, und ich war so überwältigt, dass um Mitternacht bei dieser Präsentation 700 Leute vor mir stehen und dieses Buch wollen, dass ich Tränen in den Augen hatte und gesagt habe: "Das ist der schönste Tag nach meinem Hochzeitstag." Natürlich kam dann am nächsten Tag sofort die Frage, wen ich denn geheiratet hätte. Ich habe dann mit Ivo gesprochen, der als Holländer die Dinge manchmal etwas anders sieht und gemeint hat: "Es ist, wie es ist, was willst du? Willst du uns verstecken?" Und ich habe gesagt: "Nein!" Und seit damals habe ich das als eine Selbstverständlichkeit gehandhabt und dabei festgestellt, dass es auch für viele andere Menschen, wo ich es mir nicht gedacht hätte, ebenfalls eine Selbstverständlichkeit ist, und das hat nichts mit mir zu tun. Das hat mich bestärkt. Ich glaube, die Erkenntnis war wichtig, dass gleichgeschlechtliche Paare leben, wie Paare eben leben, mit guten Zeiten und weniger guten Zeiten, mit Liebe und manchmal nicht so sehr, dass sie manchmal viel Freude haben und manchmal Hilfe brauche, dass es hier einfach auch eine Verbundenheit gibt, weil es immer um ein gemeinsames Leben geht, das man meistern will.

Zurück zu Ihrer Bibel: Die haben sie im Wiener Stephansdom der Öffentlichkeit präsentiert. Gehen Sie sonst auch in die Kirche?

Ja. Ich gehe nicht so sehr zu Messen. Aber ich gehe sehr gerne in Kirchen. Wenn ich zum Beispiel durch die Wiener Innenstadt spaziert bin, bin ich so oft in den Stephansdom hineingegangen, weil ich es so erhebend gefunden habe. In London gibt es dort, wo ich wohne, eine sehr einfache Kirche, natürlich eine anglikanische. Und es gab eine Zeit, in der es mir nicht so gut gegangen ist, da bin ich sehr, sehr oft dorthin gegangen. Das war für mich unglaublich wichtig. Und interessanterweise hat mein Mann in der Nähe gearbeitet und war auch oft dort, nachdem sein Partner gestorben war. Da kannten wir uns aber noch nicht, da sind wir erst später draufgekommen. Wir haben uns dann ganz woanders kennengelernt, nämlich in Brighton.

Beten Sie?

Ja, ich bete.

Und bekommen auch Antwort?

Ja. Aber nicht wie bei einem Handyanruf, sondern man muss danach Augen und Ohren sehr offen halten. Für mich ist das Beten auch eine Form des Bittens, aber nicht des verzweifelten Bittens, sondern eines Gesprächs, das ich mit jemandem führen kann, wo ich volles Vertrauen haben kann und das ich jederzeit suchen kann. Also auch ein Verinnerlichen. Meine Mutter hat bei vielen Dingen gesagt: "Schlaf darüber." Und dann war manchmal etwas anders. Sie war keine tiefkatholisch-religiöse Frau, sie war gläubig-christlich, das waren meine beiden Eltern. Und sie hat einmal gesagt: "Weißt du, manches vertraut man einfach dem lieben Gott an, der muss ja auch etwas zu tun haben. Und der bringt dann eine klarere Sicht darauf." Das mag jetzt vielleicht naiv klingen, aber ich finde, es ist nicht naiv. Ganz im Gegenteil.

Sie haben zu Beginn der Corona-Krise binnen drei Tagen einen Ratgeber geschrieben und als Download verschenkt. Hat er geholfen?

Ja, auf jeden Fall. Das war damals ja wirklich ein Schock und eine Erschütterung für alle, auch für mich. Und vieles, was ich im Leben gesammelt habe zum Thema Lebensfreude oder Bewältigen von Situationen oder Sichtweisen auf Situationen, habe ich im E-Book "Auch das geht vorbei" wiedergegeben. Und das ist 250.000 Mal heruntergeladen worden, das war wirklich unglaublich. Und ich hab unzählige Reaktionen darauf bekommen. Es haben Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Klasse im Fernunterricht gelesen, und die Ältesten, die das Buch bekommen haben, waren um die 90. Denen haben es ihre Enkel oder Urenkel ausgedruckt, und auch sie haben mir ihre Reaktionen zugeschickt. Ich hoffe, es hat etwas bewegt und berührt, genau dafür habe ich es ja gemacht.

Wie geht es Ihnen selbst in der Corona-Krise? Romane und Drehbücher schreiben kann man ja auch im Lockdown, würde ich einmal vermuten.

Absolut. Da bin ich in einer unglaublich guten Position, weil ich als Schriftsteller ja gewohnt bin, alleine zuhause zu sitzen und zu arbeiten, und das konnte ich so weiterführen. Nur in meiner zweiten Heimat England, wohin ich mich bisher oft zum Schreiben zurückgezogen habe, war ich seit einem Jahr nicht mehr, sondern durchgehend hier in Wien, und ich rechne nicht vor dem Herbst oder überhaupt erst im nächsten Frühjahr damit, dass ich wieder nach England komme. Wie es mir in all dem geht? Ich finde es erschreckend, ich finde es immer wieder auch bedrückend, und es ist einfach ein sehr, sehr großer Einschnitt in unser Leben, den wir ja alle nicht für möglich gehalten haben. Mich hat es gelehrt, dass nicht alles sicher ist, absolut nicht. Es ist viel besser, sich zu überlegen: Was will ich wirklich? Und wie kann ich es sobald wir möglich in die Tat umsetzen? Das war eine der größten Lehren für mich. Auf der anderen Seite hat sich aber auch das Leben für mich ein bisschen entschleunigt, ich bin jetzt hier, ich bin natürlich in der glücklichen Lage, dass ich einen Garten und viel Platz habe, wofür ich unglaublich dankbar bin – und so ist das Leben halt jetzt. Ich war 27 Jahre lang ständig unterwegs, zwischen Österreich, England und sonstwo, und es war sehr wichtig für mich, und jetzt habe ich in einem Jahr wahrscheinlich sogar mehr geschrieben als vorher.

Thomas Brezina hat im vergangenen Jahr in seinem Bauwagen im eigenen Garten so viel geschrieben wie kaum je zuvor. - © Lukas Beck
Thomas Brezina hat im vergangenen Jahr in seinem Bauwagen im eigenen Garten so viel geschrieben wie kaum je zuvor. - © Lukas Beck

Wie viele Laufmeter eigene Bücher haben Sie mittlerweile daheim stehen?

Da muss ich überlegen. Das sind vier Regale voll, an die zwölf bis fünfzehn Laufmeter werden das schon sein.

Kommt nicht bei einem Vielschreiber wie Ihnen irgendwann der Punkt, wo der Druck zu groß wird, ständig etwas Neues und auch Gutes raushauen zu müssen?

Ich habe einen Schaffensdrang, seit ich acht war. Aber auf Verlage, die zu große Erwartungen haben, gehe ich nicht ein. Davon muss man sich befreien. Ich kann das machen, was ich machen kann, in der Zeit, in der ich es machen kann, nach bestem Wissen und Gewissen – mehr kann ich nicht. Es gibt Bücher, von denen ich gedacht hätte, dass sie ein Erfolg werden, die überhaupt nicht gut angekommen sind. Und es gibt andere, wo ich es nie gedacht hätte, die in die Höhe geschossen sind. Ich habe Bücher, die im deutschsprachigen Raum überhaupt nicht gut gelaufen sind, aber dafür im spanischen Raum Superseller sind, und ich habe keine Ahnung warum. Es ist mir auch wirklich egal. Ich hätte nie gedacht, dass ich in China einer der drei meistübersetzten Autoren über alle Genres werde. Dass das gekommen ist – wunderbar, ich freue mich. Ich kriege pro Woche etliche Zuschriften aus China, wo mir die Leute schreiben, was meine Bücher ihnen in ihrer Kindheit bedeutet haben. Das ist wunderschön. Was ich will, ist hier in meinem beheizten Bauwagen sitzen, in aller Ruhe meine Sachen schreiben und mir was ausdenken – das Schreiben ist das viel Anstrengendere, das Ausdenken geht einfacher – und weitermachen, weitermachen, weitermachen. Und natürlich auch ein Publikum überraschen.

Was macht ein gutes Kinderbuch aus?

Es ist ein Buch, das von Kindern mit Begeisterung gelesen wird. Was nicht drinnen sein darf, ist ganz klar jede Form von Gewaltverherrlichung, Rassismus oder Ausgrenzung, die in irgendeiner Form gutgeheißen wird. Das darf nicht drinnen sein, Punkt aus. Sonst muss aber die Geschichte so sein, dass sie Kinder berührt, das ist es. Ich hätte mir nie in meinem Leben gedacht – und ich muss sagen, das ist die höchste Auszeichnung –, dass mir jetzt so viele Erwachsene allen Ernstes schreiben, was diese Bücher ihnen in ihrer Kindheit bedeutet haben, wie viel Trost und Halt sie ihnen gegeben haben. Ich habe immer über Familien geschrieben, in denen es drunter und drüber geht, die aber im Endeffekt immer als Familie zusammenhalten. Das ist mir von Kritikern vorgeworfen worden: Ich müsse mehr über Patchwork-Familien schreiben und dieses und jenes. Das habe ich auch gemacht. Aber ich habe über Familien geschrieben, in denen man sich richtig wohlfühlen konnte. Und mir haben viele gesagt, wie wichtig das für sie war. Ich habe es aber nicht deswegen gemacht, sondern weil es aus meinem Innersten gekommen ist. Dass das Menschen so berührt hat und sie das auch mir gegenüber so ausdrücken, ist für mich die höchste Auszeichnung.

Gerade die Eltern spielen aber in Kinderbüchern oft eher eine – mitunter störende – Nebenrolle oder kommen gar nicht vor.

Kinder fühlen sich doch immer dominiert: von den Eltern, von den Lehrern, von der Schule, von dem, von dem, von dem – in Büchern stehen sie nun im Vordergrund und schaffen vieles alleine oder gemeinsam im Team. Und das ist für sie wahnsinnig wichtig, weil das eine Form des Sich-selbst-Erfahrens ist.

Braucht es heute andere Zugänge als vor 30 Jahren? Abgesehen davon, dass die Knickerbockerbande keine Handys hatte . . .

In den neuen Büchern haben sie die jetzt. Ich transferiere die alten Bücher in die heutige Zeit. Ich weiß zwar, dass viele Kinder die Bücher ihrer Eltern lesen und sich nicht daran stören, dass es Telefonzellen und Bibliotheken statt Wikipedia gibt, aber die neuen Bücher sind technologisch anders. Und es gibt einige, die ich umschreibe und neu herausbringe. Die Grundthemen haben sich aber in den vergangenen fünfzig Jahren nicht verändert: Wer bin ich? Wer sind die anderen? Wie behaupte ich mich in der Schule, in der Familie? Komme ich mit Erwachsenen zurecht oder nicht? Was kann ich alles? Welche Abenteuer kann ich erleben? Wie kann ich mich darin bestätigen, was ich lese? Ja, man muss sie heute vielleicht etwas anders erzählen, anders verpacken. Ich bin in den Texten wirklich knapper geworden. Dass es einige Kinder gibt, die unheimlich gerne lesen und auch dicke Bücher lesen, ist eine Sache. Mein Herz hat aber immer den Kindern gehört, die nur fallweise oder nicht lesen – und diese Gruppe ist wesentlich größer geworden. Und jetzt geht es darum, für sie Bücher zu schaffen, die sie trotzdem lesen wollen. Das ist dann mein zusätzlicher Ehrgeiz, abgesehen vom Geschichtenerzählen.