"Baudelaire gilt als ein Dichter, der eine Ästhetik des Bösen, des Schreckens, der Grausamkeit, des Hässlichen, der Leere, des Nichts und der Transgression vertritt" - so charakterisiert die in Münster lehrende Romanistin Karin Westerwelle das vielschichtige und komplexe Werk des französischen Schriftstellers.

In ihrer umfangreichen Studie "Baudelaire und Paris. Flüchtige Gegenwart und Phantasmagorie" akzentuiert sie zentrale Motive des Großstadtflaneurs, die vornehmlich in seinen Gedichten und Prosatexten auftauchen. Den Ausgangspunkt für Charles Baudelaires Dichtungen ortet Westerwelle in seinem Desinteresse an Naturidyllen und den Verheißungen des Transzendenten, wie sie in der christlichen Religion erfolgten. Er interessierte sich vielmehr für die moderne Großstadt mit ihrer Hässlichkeit, ihrem Asphalt, ihrer künstlichen Beleuchtung und den geheimnisvollen Straßenschluchten. Hier tummelte sich jener Teil der Gesellschaft, den Baudelaire in seinem Gedicht "Die Abenddämmerung" schildert:

"Indes erwachen rings in Lüften, wo sie wohnen / Träg wie ein Kaufmannspack die schädlichen Dämonen / Und stoßen sich im Flug an Firsten und an Fenstern. / Bei Lichtern die im Luftzug hin und her gespenstern / Entzündet sich die Unzucht in den Gassen; / Ameisen die den Bau aus jedem Loch verlassen."

Die Beschreibung des "Herumwirbeln der Menschheit in einem Teufelskreis" steht in krassem Gegensatz zur traditionellen Lyrik, die sich den Manifestationen des Schönen, der Tugend, des Idealen oder des Transzendenten widmet, die mit der modernen urbanen Lebenswirklichkeit nicht mehr korrespondieren.

Phantasmagorien

Ein zeitgenössischer Kritiker bezeichnete Baudelaire als einen Poeten, der mit seinen lyrischen Phantasmen eine Gegenwelt der Halluzinationen entwerfe. Westerwelle erweitert diese Beobachtung um den Begriff der "Phantasmagorie", der die Erzeugung von Bildern durch einen technischen Apparat bezeichnet, und überträgt ihn auf die Lyrik Baudelaires, in der sich reale Gegebenheiten mit phantastischen Elementen mischen. So setzt ein bestimmtes Ereignis - wie der Anblick einer Passantin - zugleich ein imaginäres Szenario in Gang, das das Geschehen überblendet und für andere verborgen bleibt.

Im Gedicht wird Reales und Imaginäres verbunden; "die städtische Welt verwandelt sich plötzlich und Ungeahntes und Unbekanntes tritt hervor", schreibt Westerwelle. Die Impressionen, denen sich Baudelaire bei seinen Expeditionen im Dickicht der Metropole überließ, regten seine Phantasie an, in der er eine Neuordnung der Sinneseindrücke vornahm: "Die Phantasie zerlegt die ganze Schöpfung; nach Gesetzen, die im tiefsten Seeleninneren entspringen, sammelt und gliedert sie die so entstehenden Teile und erzeugt daraus eine neue Welt."

Die De-Realisierung der Wirklichkeit verstärkte Baudelaire noch durch den Konsum von Haschisch und Opium, deren halluzinogene Wirkungen er in dem 1860 publizierten Prosawerk "Les Paradis Artificiels / Künstliche Paradiese" eindrucksvoll schilderte: "Es ergibt sich eine neue Feinfühligkeit, eine Überschärfung aller Sinne; Geruch, Gesicht, Gehör und Gefühl nehmen gleichen Anteil daran. Die Augen suchen die Unendlichkeit. Die Gegenstände der Außenwelt nehmen langsam und nacheinander merkwürdige Gestalt an. Sie ändern und verändern sich."

Charles Baudelaire, in Öl gemalt von Gustave Courbet, 1848/49. - © Gustave Courbet, Public domain, via Wikimedia Commons
Charles Baudelaire, in Öl gemalt von Gustave Courbet, 1848/49. - © Gustave Courbet, Public domain, via Wikimedia Commons

Baudelaire verstand die poetische Wahrnehmung des surrealen urbanen Lebens als besondere Auszeichnung, die seinen Status als avantgardistischer Dichter begründete. Seine Lebenswelt war die Sphäre der Imaginationen, die mit dem Normalitätsstandard des gesellschaftlichen Lebens wenig gemeinsam hatte. Die Folge war, dass der Dichter in der profanen Alltagswelt keinen Anklang fand und verhöhnt wurde. In dem Gedicht "Albatros" verglich Baudelaire den Dichter mit dem stolzen Vogel, der, von Matrosen eines Schiffes gefangen, den Quälereien des Pöbels hilflos ausgesetzt ist:

"Der Dichter gleicht dem Prinzen auf der Wolken Thron / Der jedes Schützen lacht und haust im Sturmeswehen / Verbannt zu Boden und umbuht von lautem Hohn / Verwehren seine Riesenschwingen ihm das Gehen". In der Welt des Profanen ist der Dichter - ähnlich wie der in Kontemplation versunkene Philosoph - ein Objekt der Verachtung: "Wie ist er plump und lahm, dieser geflügelte Trabant! / Er, jüngst so schön, wie lachhaft hässlich in der Schmach! / Der eine sengt den Schnabel ihm mit Pfeifenbrand, / Der andere äfft das Wrack, das flog, mit Hinken nach".

Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, begleitete den am 9. April 1821 in Paris geborenen Baudelaire von Kindheit an. Er verlor bereits im Alter von fünf Jahren seinen Vater. Zwei Jahre nach dessen Tod erfolgte die Heirat seiner geliebten Mutter mit dem Offizier Jacques Aupick, der für Baudelaire die Verkörperung des autoritären, bornierten Patriarchen darstellte. Diese Heirat war für Charles der entscheidende Bruch in seinem Leben - ein grundlegender "Riss im Sein", so Jean-Paul Sartre in der Studie "Baudelaire", der das dominierende Gefühl der Einsamkeit auslöste.

Dandy und Bohémien

1842 erhielt der angehende Dichter das erhebliche väterliche Erbe, was ihm ermöglichte, in den Kreisen der Pariser Bohème zu verkehren und das ausschweifende Leben eines extravaganten Dandys zu führen. Baudelaires exzessiver Lebensstil veranlasste den Stiefvater, einen finanziellen Vormund einzusetzen, der dem Schriftsteller eine geringfügige Rente auszahlte. Sie reichte kaum zum Leben und zwang Baudelaire, Schulden zu machen und seine Mutter und Freunde zeit seines Lebens um finanzielle Unterstützung zu bitten. Diese Entmündigung war der zweite entscheidende Einschnitt in Baudelaires Leben, der ihm das Gefühl vermittelte, stets an einem Abgrund zu stehen.

In den späten 1840er Jahren begann Baudelaires literarische Tätigkeit. Er veröffentlichte Gedichte, Kurzprosa, Essays, Autorenporträts und Buchkritiken. 1857 publizierte er den Gedichtzyklus "Les Fleurs du Mal" / "Die Blumen des Bösen", in dem der Dichter ein Panorama des Hässlichen in poetischer Form präsentierte. Als gefallener Engel durchstreifte er das zeitgenössische Paris, wo er der grotesken Erbärmlichkeit der Großstadt - "dem Hospital des Alltagslebens" - in all ihren Facetten begegnete.

Titelseite der Erstausgabe von "Les Fleurs du Mal", mit handschriftlichen Anmerkungen Baudelaires. - © Charles Baudelaire, Public domain, via Wikimedia Commons
Titelseite der Erstausgabe von "Les Fleurs du Mal", mit handschriftlichen Anmerkungen Baudelaires. - © Charles Baudelaire, Public domain, via Wikimedia Commons

In ihrer Studie schildert Westerwelle die unterschiedlichen Ausformungen des Hässlichen und des Bösen als Inferno von Neurosen, Verzweiflung, fiebriger Glut, konvulsivischer Anstrengung und Perversität, die dem zeitgenössischen Moralstandard nicht entsprachen. In dem Gedicht "An den Leser", das "Die Blumen des Bösen" einleitet, werden die Phänomene des Bösen als Tiere präsentiert: Schakale, Panther, Affen, Skorpione, Geier und Schlangen verkörpern "die infame Menagerie unserer Laster"; im menschlichen Gehirn haust "ein Volk von Dämonen".

Wegen Verhöhnung der öffentlichen Moral und Verletzung des Schamgefühls kam es zu einem Gerichtsprozess. Der Vorwurf lautete, dass "die verderbliche Wirkung der Bilder in den beanstandeten Stücken und der krasse, das Schamgefühl verletzende Realismus notwendig zur Aufreizung der Sinne führe". Baudelaire wurde verurteilt und er erhielt eine Geldstrafe; die sechs als anstößig bezeichneten Gedichte mussten entfernt werden.

Den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen seiner Zeit stand Baudelaire mit einer tiefgreifenden Verachtung gegenüber. In ihrem Bestreben, einen immer höheren materiellen Wohlstand zu erreichen, habe die Bourgeoisie jegliches Mitgefühl mit den Deklassierten verloren, beklagte der Dichter. In dem Gedicht "Abel und Kain" schilderte er die extremen sozialen Gegensätze der zeitgenössischen Gesellschaft:

"O Sippe Abels, speise, trink und schlafe: / Mit Wohlgefallen lächelt Gott dir zu. / O Sippe Kains, im Straßenkot zur Strafe / Krieche umher und stirb im Elend du. / O Sippe Abels, siehe satt sich weiden / Dein Vieh, erblühen der Saaten Grund. / O Sippe Kains, aus deinen Eingeweiden / Schreit Hunger wie ein greiser Hund."

Als Gegenmodell zu dem saturierten Spießer, der sein wohltemperiertes, an der materiellen Prosperität orientiertes Leben als höchste Entwicklungsstufe des Zivilisationsprozesses betrachtete, betonte Baudelaire "die geistige Würde", wie sie vom Dandy vertreten wurde. Der Dandy war für ihn nicht nur der elegante, gestylte Lebemann, der sich durch seinen extravaganten Habitus deutlich vom Erscheinungsbild des konformistischen Bourgeois abhob, sondern ein philosophischer Lebenskünstler. Der Dandy verkörperte für Baudelaire "einen höheren Menschen", der als "ein Heiliger um seiner selbst willen" lebte. Er löste sich aus der Prägung durch gesellschaftliche oder religiöse Institutionen und kreierte seine autonome Existenz.

Autonome Moral

Charles Baudelaire, porträtiert von Nadar, 1855. - © Nadar, Public domain, via Wikimedia Commons
Charles Baudelaire, porträtiert von Nadar, 1855. - © Nadar, Public domain, via Wikimedia Commons

Baudelaires Dandytum ist somit als ein ethisch-ästhetisch motiviertes Selbsterziehungsprogramm zu verstehen, in dem die Spielregeln allein vom Akteur festgelegt werden. Dieses hochgesteckte Ziel scheiterte. Immer wieder tauchte Baudelaire in die Niederungen der menschlichen Existenz und versank im Rausch des Sinnlichen, was ein Gefühl eines elementaren Versagens auslöste. Der Dichter, der wie Ikarus versuchte, sich den Sphären des Absoluten anzunähern, die engen Grenzen des Realen zu überschreiten und dabei abstürzte, verfiel allmählich einer tiefgreifenden Melancholie, die mit sozialer Isolation verbunden war.

Völlig verarmt, an den Spätfolgen der Syphilis leidend, verstarb der vermeintliche "Prinz auf der Wolken Thron" am 31. August 1867. Für ihn war der Tod der letzte Ausweg, "das einzige wahre Ziel des verabscheuungswürdigen Lebens, ich sehne mich nach absoluter Ruhe und nach einer immer währenden Nacht", schrieb Baudelaire. "Mich, der ich die wahnwitzige Wollust besungen, dürstet es nach einem auf Erden unbekannten Trank; nach einem Likör, der weder Lebenskraft noch das Nichts enthielte."