Schach oder Go spielen, das können Computer schon besser als jeder Mensch. Aber können sie auch Geschichten erzählen? Das zu erproben, wurde Daniel Kehlmann vergangenes Jahr von Open Austria - "the official Austrian representation in Silicon Valley" - eingeladen, diesen Februar berichtete er davon in der ersten "Stuttgarter Zukunftsrede", die nun auch nachgelesen werden kann.

Eine gemeinsam verfasste Kurzgeschichte eines menschlichen und eines digitalen Autors ist das Ziel des Experiments. Kehlmanns Gegenüber ist ein Algorithmus namens CTRL ("Control") und das Setting ist einfach: Kehlmann gibt einen Anfangssatz vor, auf den CTRL mit einem oder mehreren Sätzen reagiert, die Kehlmann weiterspinnt, und dies wechselweise immer so weiter. Die Ergebnisse sind teils überraschend, teils banal, manchmal unheimlich wie aus einem Film von David Lynch.

Dieses Satz-Pingpong funktioniert (auf Englisch) auch mit Theaterdialogen, sogar mit Versen, aber immer nur einige Zeilen lang: Dann kollabiert die innere Logik der Sätze, CTRL spuckt bloß noch sinnlose Einzelworte aus und schließlich gar nichts mehr. "Als spräche man mit einem Verrückten, der auch extrem luzide Momente haben kann und zuverlässig nach kurzer Gesprächsdauer in Schweigen verfällt."

- © Klett-Cotta
© Klett-Cotta

Ein interessantes, amüsantes Spiel. Doch Kehlmann nutzt seine Erfahrungen mit dem dichtenden Algorithmus vor allem, um darzulegen, wie der Begriff der "Künstlichen Intelligenz" in die Irre führt. Kehlmann selbst ertappt sich dabei, sich eine KI als ein Wesen alternativer Art vorzustellen, vielleicht sogar mit Bewusstsein begabt. Doch kein Rechensystem ist im menschlichen oder animalischen Sinne intelligent.

CTRL ist ein strikter Formalist. Der Algorithmus weiß nicht, was ein Wort ist, er hat keine Ahnung von Grammatik und er versteht die Sätze nicht, die er schreibt, denn er hat weder Bewusstsein noch Innenleben. Vielmehr greift CTRL auf eine Datenbank von "Metaworten" zurück, aus der hervorgeht, mit welcher Wahrscheinlichkeit (und unter Beachtung einer Unzahl hochkomplexer Parameter) auf Wort A das Wort B oder doch C oder vielleicht auch D folgt - und das für jeden einzelnen Begriff seines Wortschatzes bezogen auf jedes einzelne andere Wort. Für Schimpfwörter und Obszönitäten gilt das nicht, die sind CTRL verboten.

CTRL erfindet Sätze auch nicht: Im Grunde errechnet der "prädiktive Algorithmus" eine Voraussage, wie ein von einem Menschen formulierter Satz in der vorgegebenen Sprechsituation wahrscheinlich lauten könnte. Je größter der hinterlegte Textkorpus, desto größer ist die Chance, dass ein sinnvoller Satz entsteht. Maschinelle Übersetzungen funktionieren auf diese Weise. Erzählungen, wie sich gezeigt hat, nicht so wirklich.

Das beruhigt und es schmeichelt unserer Menschlichkeit. Denn eine Erzählstrategie, die über ein paar Sätze hinausreicht, benötigt offenbar doch ein Bewusstsein, das die formale Wortebene übersteigt und eine Vorstellung davon hat, was eine Person ist, wie sich Schmerz anfühlt oder wie schön ein Sonnenuntergang sein kann.