Am Anfang ein Bild. Aus einem Buch über laufende Bilder: ein Gesicht. Wachsbleich. Stoische Miene. Die Augen frontal der Kamera zugewandt. Es ist das Gesicht des Protagonisten. Man sieht ihm beim Ankleiden zu, "er trägt Cutaway und schimmernden Top Hat, Gilet mit silberner Uhrkette und Gamaschen in Weiß, er streift seinen Händen seine schwarzen Lederhandschuhe über, er knöpft sie zu, er wendet sich mit nötiger Nonchalance zum herbeigeeilten Butler" um. Und dann, nachdem ihm der Butler "das letzte, noch fehlende Accessoire seines Gentleman-Outfits" gereicht hat, den Spazierstock, schreitet er zur schockierenden Tat. Er geht durch einen Spiegel.

Ein Abgang in einer Manier, in der normalerweise Auftritte erfolgen. Und Auftakt einer Geschichte, die Buster Keaton 1924 spektakulär verfilmt und Harry Tomicek 2020 beschrieben und fortgesetzt hat. Den Stummfilmkomiker Buster Keaton, aus dessen Film "Sherlock Jr." die beschriebene Szene stammt, setzen wir hier als bekannt voraus. Aber wer ist Harry Tomicek?

Paradoxien und Rätsel

Er schreibt, unter anderem für das Österreichische Filmmuseum, über Meisterwerke des Films. Zum Beispiel Spielfilme von Frank Capra, Federico Fellini und Akira Kurosawa. Oder Dokumentarfilme, wie "Man of Aran", von Robert J. Flaherty. Oder über jene Sorte von Filmen, die Gregory J. Markopoulos, und mit ihm Tomicek, "Film ALS Film" nennt.

Vier Jahrzehnte lang ist Tomicek, der Philosophie studiert und eine Dissertation über "Das Nichts in der Metaphysik" geschrieben hat, schon als Filmpublizist tätig. Und das von ihm beschriebene filmische Programm, kein Zweifel, besticht. Aber überzeugen auch die sechshundert Seiten, die er nun unter dem Titel "Meine Reisen durch den Film 1886 - 2019" vorgelegt hat? Geht es darin überhaupt - wie man naiv annimmt, weil das auch der Klappentext nahelegt - hauptsächlich um Film?

- © Klever Verlag
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Es sind jedenfalls höchst erstaunliche Paradoxien und Rätsel in dem Buch, in dem der Autor Harry Tomicek achtzig Texte des Filmpublizisten, des Traumprotokollanten und des Wirklichkeitsdeuters Harry Tomicek zu einem "Insgesamt" fügt. Einer Etikettierung entzieht es sich. Es ist nur nahe der Oberfläche ausschließlich ein Begleiter durch die 125-jährige Filmgeschichte.

Ein diesbezüglich profunder Begleiter, wohlgemerkt, der - pars pro toto - einen schlüssigen Bogen von den einminütigen "vues" der Brüder Lumière bis ins Jahr 2019, zu Angela Schanelecs Film "Ich war zuhause, aber..." spannt. Aber auch ein literarisch-stilistisch zwischen Joyces "Dubliner" und "Finnegans Wake" mäandernder Begleiter, der größte Aufmerksamkeit und Geduld verlangt. Man sollte bei der Lektüre stets hoch konzentriert und immer vollkommen unvoreingenommen sein.

Ein maître de plaisir wird Tomicek jedenfalls erst dann. Wobei die Beglückungen rar sind und nie so lange anhalten, wie man es sich insgeheim wünscht. Der süße Teil des Lebens, Tomicek erinnert so nervend oft daran wie Luis Bunuel, ist immer viel zu kurz. Jeder Moment der Wonne - die etwa Luchino Viscontis "Der Leopard" hervorrufen kann - darum unendlich kostbar. Jede Sekunde, die mit zweitklassigen Werken verbracht wird, vergeudet.

Heitere Gelassenheit

Dass er selbst keine ausschließlich vergnügliche "Reise" bietet, verbirgt Harry Tomicek nie: "Paolo Veronese wurde einst vor den Rat der Inquisition befohlen." Mit diesem schneidend scharfen Satz beginnt er das Vorwort. Und man bemerkt bald, dass hinter diesem effektvollen Einstieg tatsächlich ein Ernst steht, der Breitwandformat hat. Aber man übersieht, eingeschüchtert von Inhalt und Stil, vielleicht die komplementäre Seite des Autors: Eine in beängstigenden Momenten heiter stimmende Gelassenheit, die jeder Geschichte gewachsen wirkt.

Die rund um die Erde und durch alle Filmgattungen verlaufende Reiseroute führt ja nicht nur durch Filmstudios und das Monument Valley, sondern auch zu realen Scheiterhaufen in Indien. Und die darauf brennenden Leichen in Robert Gardners "Forest of Bliss" sind ebenso echt wie die von Kenneth Anger in "Inauguration of the Pleasure Dome" in Szene gesetzten Satanisten.

Warum soll man sich darauf einlassen? Weil man sich - egal, wie ungeheuerlich es auch wird - auf ein Abenteuer freut, das man um keinen Preis versäumen möchte? Und weil alleine schon ein einziger geglückter pas des deux von Katharine Hepburn und Cary Grant alle Ängste und Zweifel kompensiert, den die Lektüre verursachen könnte?

So könnte es sein. Weil unter anderem auch Howard Hawks, Jean Renoir und Harpo Marx mit von der Partie sind und Harry Tomicek Realität und Phantasie ähnlich virtuos vereint wie Keaton in "The General", könnte man als Aufmerksame(r) und Geduldige(r) jedenfalls irgendwann echt in Fahrt kommen. Eine immer heftigere Reise könnte beginnen, die vergnügt durch Stummfilme und Screwball-Comedies rast und den gesamten Kosmos - nicht nur den der Komödie - im Blitztempo durchquert. Und kommentiert würde der haarsträubend über dem Abgrund der Hölle balancierende himmlische Schöpfungsakt, der allein im Kopf und im Herz der Leser stattfindet - sonst nirgends -, von Harpo Marx. Auf der Harfe.

Ja, das klingt musikalisch. Ja, das klingt wunderbar. Und, ja, genau so könnte es auch sein. Aber wie klingt es, wenn es dann zu Ende geht? Irgendwann geht ja jedes Vergnügen zu Ende. Oder?

Wer Tomiceks paradoxes Buch liest, könnte an dieser sehr verallgemeinernden Aussage Zweifel bekommen. Seine frohe Botschaft lautet: Zumindest Bücher und Filme sind nicht zu Ende, wenn die letzte Seite oder der Abspann erreicht ist. Und wem sich beim ersten Durchgang wenig erschließt, für den lohnt sich ein zweiter Durchgang nicht nur, er empfiehlt sich sogar. "Ich bin begeistert, also bin ich", schreibt Tomicek im Vorwort. Genau so, begeisternd, liest sich sein unerschöpflich scheinendes Buch. Wenn man darin einmal eine Spur gefunden hat.