Das Buch heißt "Wut" und schmeckt schon auf den ersten Seiten danach: "Komm raus, Drecksau, verkriech dich nicht, du Stück Scheiße." So spricht die Mutter zu ihrem Sohn. Und schlägt zu, immer wieder, bevorzugt ins Gesicht, "bis ihre Arme müde werden".

Der Hass-Blitz, der hier gleich zu Beginn in Harald Martensteins viertem Roman einschlägt, fährt dem Leser unter die Haut. Und dennoch ist das Buch nicht auf Entsetzen hin geschrieben, weit entfernt von einer Milieureportage oder gar einem Sozialporno. Der Autor, bekannt, beliebt und umstritten als "Zeitmagazin"-Kolumnist, hat ein gut und oft abgehandeltes Thema hervorgeholt. Aber so, in dieser Mischung aus heiß laufendem Roman, kalter Schilderung und gründlicher Reflexion, ist es noch nie aufgetreten.

Mutter und Sohn

Lakonisch beschreibt Martenstein das Werden und Vergehen von Maria, der Mutter, und Frank, ihrem Sohn. Die Wut ist das Grundgefühl in diesem Familien-Gulag. Es ist ein Gefühl, das sich wie eine Seuche unkontrolliert ausbreitet. Wut ist hochgradig ansteckend, sie pflanzt sich über Generationen fort, sie setzt sich hartnäckig gegen beste Absichten durch und herrscht, wenn sie einmal die Oberhand gewinnt, über alle anderen Gefühle.

Der Mutter geht es besser, sie fühlt sich fast wie nach einem Orgasmus, wenn sie ihre Frustrationen aus sich heraus und in ihren Sohn hinein geprügelt hat. Die Prügel kommen ansatzlos, folgen keinem Schema, nach dem Frank sich richten könnte. Manchmal wird sie vom Beziehungsfrust mit einem von Marias zahllosen Männern angefacht, dann wieder platzt sie als Folge eines schlechten Tages in Franks Zimmer. Stets ist die Wut zügellos und unvorhersehbar, das steigert noch einmal den kindlichen Schrecken, denn "gegen kontrollierte Schläge nach klaren Regeln hätte der junge Frank nichts gehabt".

- © Ullstein
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Als Leser fragt man sich sogleich, ob dieser Text dem Leben abgerungen ist. Kann man den Formenkreis der Wut so plastisch zum Leben erwecken, wenn man nicht selbst ihr Opfer war? Martenstein hat in Interviews autobiographische Aspekte seines Romans eingeräumt. Aber er stellt im Prolog auch klar, dass der Text über einen "Steinbruch der Erinnerungen" hinausweist, ein Roman ist, "keine Biographie und keine Reportage".

Der erwachsene Erzähler, der auf seine Kindheit zurückblickt, kann die Misshandlungen nicht verzeihen. Aber er versucht, die Mutter zu verstehen, indem er ihr Leben rekonstruiert. Martenstein zeigt hinter der abscheulichen Figur eine intelligente, sinnliche Frau, die in der grausigen Rohheit der Nachkriegsjahre ihr Leben verpfuscht. Maria wächst bei der Tante in einem Bordell auf. Sie rastet schon als Kind aus, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt. Wenn sie als Erwachsene auf ihr Kind schaut, sieht sie ihr Lebenselend. Darauf drischt sie ein, immer und immer wieder.

Mit ihrem Zynismus, ihrer Chuzpe und ihrer lockeren Moral wäre eine wie Maria heutzutage vielleicht eine geachtete Influencerin. In der Prüderie der heraufdämmernden Wirtschaftswunderzeit dagegen ist kein Platz für eine wie sie. Bei einem Schönheitswettbewerb beantwortet sie die Frage nach ihren Hobbys mit "Geschlechtsverkehr". Das wäre heute keine besonders aufregende Antwort, mit Marias Bildung wird es im Nachkriegs-Deutschland freilich nichts. Sie fliegt aus der Klosterschule. Sie durfte nie zeigen, was sie kann. Die Männer, auf die sie trifft, sind eine Nummer zu klein für sie oder unerreichbar. Sie verlässt, und sie wird verlassen. Das alles bekommt Frank zu spüren.

Lindernde Momente

Wie zur Erholung des Lesers streut der Autor Pointen ein, sie wirken wie feines Glockenspiel im Wutgetöse. Dieses Sprachgeschick macht schon Martensteins Kolumnen zu einem Lesegenuss. Selbst in trostlosen Szenen gibt es schöne Sätze, die er der hochbegabten Maria in den Bewusstseinsstrom schreibt: "Französisch ist im Grunde nur Latein, welches unter den Rädern der Sprachgeschichte zu Parfum zerquetscht wurde."

Die schreckliche Frau wächst einem trotz ihrer Menschenverachtung, Lieblosigkeit und Beziehungsunfähigkeit in solchen Sentenzen ans Herz, man versteht, dass die Wut größer ist als sie. Verzeihen kann ihr der Erzähler freilich nicht.

Prügel, es ist so trivial, vernichten Kinderseelen. Frank macht sich buchstäblich kalt, verlernt das Fühlen. Er wird soziophob, das ist die Krankheit der Zurückgelassenen, der Geprügelten. Er hat auch so seine Probleme mit der Sexualität. Frauen, die er wirklich mag, hemmen ihn. Er braucht da einen "niederschwelligen Einstieg", zum Beispiel Gruppensex mit Frauen, die er kaum kennt. Es gibt aber auch "glückliche Momente, in denen man keinerlei Schmerz fühlt, keine Angst, nur ein Behagen, weil etwas gelungen ist, weil etwas Schönes geschieht oder nur eine Last weicht".

Scham und Angst bleiben die Grundgefühle seiner Kindheit. Frank entwickelt einen unerschütterlichen Glauben an die eigene Fehlbarkeit. Sein Ehrgeiz hilft ihm am Ende weiter, mit Verdrängung, Anpassung und Konfliktvermeidung gelingt ihm zeitweise ein fragiles Leben. Im entrückten Finale des Romans findet Frank einen Ausgang in befreiende Phantasien, das ist zumindest eine mögliche Lesart. Es könnte freilich auch der unentrinnbare Wahnsinn sein, in den solche Geschichten münden.