Die Zeiten ändern sich bekanntlich, und wer in den 1970er und 1980er Jahren reisend unterwegs war, machte Erfahrungen, die heute wie aus einer ganz anderen Welt klingen: Da gehörte die Reise per Autostopp zur Grunderfahrung junger Menschen, da sauste man statt mit dem Billigflieger mit dem Twen- und dem Interrail-Ticket durch Europa, da mussten nach der Autofahrt gen Süden Windschutzscheibe und Scheinwerfer erst einmal von reichlich Insektenblut gesäubert werden.

Von dieser Zeit, als man am Brenner wegen der Grenzkontrollen im Stau stand und es als Tramper problemlos bis nach Biarritz schaffte, erzählt Andreas Maier in seinem neuesten Buch. Doch von Reiseidyllen, von seligen Urlaubserinnerungen sind seine Ortsbeschreibungen weit entfernt, wie beispielhaft die Ankunft in Oulx, einem Städtchen in den Bergen des Piemont, zeigt.

"Wir fuhren mit dem Cinquecento durchs Gebirge, und als ich den Ort sah, kam er mir glücklicherweise völlig trostlos vor. Die Saison war vorbei, der Schnee schon größtenteils verschwunden und das Städtchen ziemlich ausgestorben. Überdies war der Ort angenehm unansehnlich und nichtssagend. Der Kirchturm sah besonders traurig aus, und die Oulx umgebende Landschaft war völlig reizlos zu dieser Jahreszeit. (...) Es war alles bloß zum Benutztwerden da und hatte selbst absolut nichts für sich. Perfekt!"

- © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Denn der junge Andreas, gerade einmal 23 Jahre alt, will hier nicht Urlaub machen, sondern Selbstmord begehen. Daraus wird zum Glück aus den verschiedensten Gründen nichts - unter anderem will er die Wohnung nicht mit seinem Blut versauen -, stattdessen werden wir Zeugen einer Art Geburt des Schriftstellers aus dem Geist der Sprache.

Der Ich-Erzähler liest nämlich nicht nur Georg Büchner und Karl Philipp Moritz, sondern kauft sich auch ein Italienisch-Wörterbuch samt Grammatikteil und versucht sich im Lebensmittelladen und in der örtlichen Pizzeria an ersten zaghaften Dialogen. Und die fremde Sprache rettet ihn aus der jugendlichen Lebensmüdigkeit. "Zur Welt kommen, zur Sprache kommen", hat Peter Sloterdijk das einmal in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen genannt.

In "Die Städte", dem achten Band seines auf elf Folgen angelegten autofiktionalen Projekts, verabschiedet sich Maier wieder vom chronologischen Gang des eigenen Lebens. Er erzählt von den öden familiären Urlaubsreisen nach Südtirol, vom Studiosus-Trip mit den Eltern nach Griechenland, vom wilden, trinkseligen Unterwegssein als Twen, von einer Lesereise nach Weimar, wo Goethe, Nietzsche und reichlich Nazis ein seltsames Gemisch bilden. Es geht dabei meist weniger um die Orte, die bereist werden, als vielmehr um das, was das Reisen mit dem Reisenden macht. "Ich in Athen", heißt es an einer Stelle, und wir erleben, wie diese meist eher unspektakulären, oft nur widerwillig absolvierten Reisen zur Ichwerdung des Erzählers beitragen.

"Ortsumgehung" nennt Maier seinen Selbsterkundungszyklus, und im Falle von "Die Städte" bezeichnet dieses Wort in gewissem Sinne die Gattung: Maier hat eine Art Anti-Reiseerzählung verfasst, einen Gegenbericht zu den meist von Fotos untermalten schwärmerischen Urlaubsschilderungen, wie wir sie alle aus dem Bekannten- und Freundeskreis nur zu gut kennen.

Das ist mitunter wunderbar böse, gelegentlich etwas zu lustig, zumeist aber von feiner Selbst- und Weltwahrnehmung bestimmt. Und es zeigt einmal mehr: Die Wetterau, Maiers hessische Heimat, die trotz aller Reisen Dreh- und Angelpunkt seines Schreibens ist, ist von der literarischen Weltkarte tatsächlich nicht mehr wegzudenken.