Emojis gelten nicht erst seit heute als eher umstritten. Was man nicht sagen will oder kann durch ein - meistens - gelbes Gesicht zu ersetzen, wird als faul, infantil, sprachlos oder alles zusammen gesehen. Hoch im Kurs stehen Emojis außer bei jungen Menschen vor allem bei frisch Verliebten. Zuletzt wurden sie nicht von ungefähr durch Chatprotokolle aus dem Innersten der heimischen Innenpolitik in Verruf gebracht. Dabei erwies sich kulturgeschichtlich sogar Ludwig Wittgenstein als Vorreiter und früher Verfechter einer Urform aus vier simplen Strichen: "Wörter wie ‚majestätisch‘ und ,pompös‘ könnte man so durch Gesichter ausdrücken. Dann würden unsere Beschreibungen viel flexibler und vielgestaltiger sein als beim Gebrauch von Adjektiven", so der Philosoph 1938 bei einer Vorlesungsreihe an der Universität Cambridge.

Süßholzraspeln

In seinem neuen Roman "Wir bleiben noch" dienen Emojis dem österreichischen Schriftsteller Daniel Wisser nun als unkonventionelles, sprich eigentlich außerliterarisches Element, das die Erzählung mit viel Sprach-, Wort- und Zeichenwitz bereichert. Dem Protagonisten Victor Jarno wiederum dürfte der Ruf der gelben Gesichter trotz seiner Aversion gegen Messengerdienste dabei egal sein. Immerhin entspinnt sich der verliebte SMS-Dialog ausgerechnet mit seiner aus Norwegen zurückgekehrten Cousine Karoline. Und die sich abzeichnende Beziehung mit dieser droht die politisch längst gespaltene Familie bald endgültig zu zerreißen.

"Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen / Obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht" - in den Chor der Wiener Band Wanda stimmt Victor Jarno also sicher nicht ein. Das Motto "Lass uns nicht von Sex reden" der Hamburger Kollegen Blumfeld hingegen wird auf Kosten möglicherweise peinlicher literarischer Sexszenen zum Glück aber ernst genommen. Der Hinweis auf den beträchtlichen Kondomverbrauch sollte reichen, während das Süßholzraspeln via Kurznachricht mit all seinen auch der Leserschaft zufliegenden Herzen nicht und nicht nachlassen will.

Wie die Hauptfigur in Daniel Wissers 2018 mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnetem Vorgängerroman "Königin der Berge" ist auch Victor Jarno Mitte 40. Im Gegensatz zu Robert Turin und dessen krankheitsbedingtem Todeswunsch sieht sich der überzeugte Sozialdemokrat aber aus ganz anderen Gründen mit dem Aussterben konfrontiert.

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Einerseits ist beinahe seine ganze Familie längst in das konservative Lager übergewechselt, wobei Onkel Walter die Vorhut machte: "Einen Schwarzen in der Familie - das hatte es zuvor niemals gegeben." In den Jahren 2018 und 2019, also zur Zeit von Schwarz-Blau-zwei bzw. Türkis-Blau-eins und somit auch zum Zeitpunkt des "Ibiza-Videos" angesiedelt, ist in "Wir bleiben noch" entsprechend viel Raum für Kritik am politischen Gegenüber. Aber auch die Geschichte der Sozialdemokratie wird am Rande miterzählt. Der nicht zufällig nach Victor Adler benannte Anekdotenfreund Victor Jarno schildert etwa den Besuch des Adler-Stellvertreters Karl Seitz bei Kaiser Franz Josef ausgerechnet im Gehrock - inklusive Zeitsprung ins Jetzt: "Majestät, auch die Arbeiterklasse hat ihr Zeremoniell." Der Gehrock von einst ist die Jogginghose von heute.

Andererseits ist es Victors Kinderlosigkeit, die ihn zum Letzten seiner Art machen wird. "Empfand jemand Wehmut darüber, dass Victor ausstarb? Irgendjemand außer ihm selbst?" Anfangs noch mit seiner zukünftigen Ex-Frau Iris liiert und von deren Kinderwunsch genervt, ist es der 99. Geburtstag von Victors "Urli", der die Familie zusammenbringt, über die Wiederbegegnung mit Karoline aber auch Endpunkte markiert. Die Scheidung von Iris, das Bekennen der innerfamiliären Beziehung gegenüber der Verwandtschaft, die den Bruch vollzieht, der Tod der Urli, die ihr Haus in der niederösterreichischen Pampa sehr zum Ärger seiner Tante - und Schwiegermutter wider Willen - Victor vererbt, nähren gemeinsam mit der einen oder anderen Rückblende den schon länger gehegten Verdacht, dass Familie etwas sehr Schwieriges sein kann, vor allem, wenn es um die eigene geht. Daniel Wisser findet dafür den richtigen Tonfall, bei dem weder Humor noch Melancholie zu kurz kommen.

Selbstreflexion

Am Ende sind vielleicht nicht alle Fragen geklärt. Der unerträglichen Leichtigkeit des Seins nach getaner Stadtflucht begegnet das Paar aber jedenfalls gemeinsam - wenn auch divers: Karoline mit aktivem Engagement für die Gemeinde, Victor mit zunehmender Ablehnung der aufmerksamkeitsökonomischen Erfordernisse unserer Hektomatikwelt. Draußen am Land mit seiner emojifeindlichen Verbindung kann man das Handy bekanntlich gleich in der Schublade lassen. Vielleicht findet man zwischen politischer Lektüre und Selbstreflexion dann auch das Ich im großen Ganzen:

"Nicht die Generation seiner Mutter und Tante Margaretes war schuld an der Verrohung der Gesellschaft. Seine Generation war schuld daran. Er, Victor Jarno, hatte seit den 90er-Jahren nichts getan, um diese Entwicklung aufzuhalten. Im Gegenteil: Er hatte wie viele andere zugeschaut, wie die Sozialdemokratie sich immer mehr den bürgerlichen Parteien annäherte, ihr Programm teilweise übernahm, Betriebe privatisierte, Sozialleistungen einsparte und die Interessen von Wirtschaft und Wohlhabenden statt die der Bedürftigen vertrat."