Arbeit, fernsehen, schlafen gehen, so macht das Leben keinen Sinn: Bereits der gute alte Goethe wusste, worüber irgendwann auch Jochen Distelmeyer zu singen begann. Die Situation hat sich in mittlerweile einem sehr langen Corona-Jahr nun aber drastisch verschärft. Immerhin entdeckte der Dichterfürst in der Plage des Tages und der Lust der Nacht nichts weniger als des Pudels Kern. Ja, es stimmt: Nach einem Tag in der Studierstube sehnt sich der Mensch nach einer Schenke. Wein, Weib und Gesang sind mithin die besten Gründe, das Tagwerk zu beenden.

Dichterei und innere Einkehr gut und schön, aber auch auf die Einkehr ins Wirtshaus sollte man nicht vergessen! Irgendwann ist ohnehin wieder Kehraus, Schicht im Schacht und die von Hans Moser herbeigesungene "Sperrstund’", vor der sich alle Barhocker fürchten. Schrecklich, aber wahr: Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten. Die Leistungsgesellschaft hat beim Teufel gelernt - und sie schläft nicht.

Druckablass

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren die nur von Mond, Neonlicht und fahlem Laternenschein beleuchteten Stunden zwischen den Tagen für Werktätige so etwas wie ein nicht unbedingt vom herkömmlichen Gesundheitsbegriff geprägter Kuraufenthalt. Die Schleusen auf, den Alltag raus: Wenn man durch die Straßen zog, um sich selbst zu vergessen und Gesellschaft zu finden oder zumindest noch ein Lokal, durch das Licht auf den Gehsteig fiel, sah die Welt gleich wieder anders aus, nämlich besser.

Vergessen war des Tages Mühsal! Jede Schank hat ein Druckablassventil eingebaut, durch das der Wirt das Entlastungsgerinne frisch ins Glas zapfen kann. Gerade Wien mit seinen Tschocherln, Tschumsn, Brandinesern, Beisln, Spritzweinlokalen und meinetwegen auch Bars hätte ein prächtiges Angebot für die tägliche Verwüstung bereitgestellt. Allerdings hat unser alternativer Gesundheitsbegriff im Moment ein Problem: Was jetzt, wenn die Sperrstunde 24/7 dauert und man schon gar nicht mehr weiß, was so ein Wirt eigentlich sein soll - außer womöglich man selbst für das Virus?!

- © Luchterhand Literaturverlag
© Luchterhand Literaturverlag

Der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš und der österreichische Comiczeichner Nicolas Mahler haben mit "Nachtgestalten" eine Graphic Novel vorgelegt, die sich den Sachverhalt vorknöpft. Wenngleich aus dem Blickwinkel seliger Prä-Corona-Zeiten erzählt, lernt man daraus auch für die Gegenwart. Zum Beispiel, was man an früher hatte und hoffentlich in diesem Leben irgendwann wieder haben wird.

Immerhin geht es nicht nur um das Entlastungsgerinne selbst, das anders als beim Wein-Bürstler Goethe immer Hopfen und Malz enthält, sondern um Freundschaft, das Gespräch, den Austausch, das nicht zu bierernste Philosophieren und das Schmähführen auf dem Weg vom einen Tschocherl ins nächste. Rabimmel, rabammel, rabumm: Das Licht geht aus, wir gehen heute sicher, sicher und definitiv aber so was von überhaupt noch nicht nach Haus! Irgendwo am Ende dieses nur von Mond, Neonlicht, fahlem Laternenschein und glühenden Zigarettenspitzen beleuchteten Wegs wird sich schon noch eine Hütte finden, in die man einfallen kann. Ein bisserl was geht immer. Und ein Bier sowieso.

Die Protagonisten, zwei von Nicolas Mahler mit gewohnt reduziertem Strich gezeichnete, auch physiognomisch recht ungleiche Freunde muckenstrunz-und-bamschabeln sich spannenlang und nudeldick sowie redselig und ganz Ohr durch das nächtliche Prag. Liebenswert grüblerisch und sympathisch zerknirscht wird dabei über Gott und die Welt sinniert, bevor im nächsten Lokal schon wieder die Sessel auf dem Tisch und die Rollläden auf dem Gehsteig landen. Herrgott noch einmal!

Beisltour

Gott ist übrigens die eine Frau, mit der man es sich damals verschissen hat - und die Welt ein Missverständnis, dessen Unglück man anzieht. Bei Ausflügen zur Schlacht von Austerlitz 1805 oder einer rezenteren Hochzeitsschlägerei erfahren wir etwa von einer missglückten Wanderung auf den Mont Blanc mit Bergrettungshintergrund, der kaputten Verwandtschaft und ihrer Alienverschwörung oder einer ostslowakischen Hexe und lernen, warum Wisente die besseren Menschen sind - beziehungsweise was Wisente überhaupt sind.

Wie bei einer gelungenen echten Beisltour bleibt dabei kein Auge trocken. Einerseits rennt ein leiwander Schmäh, andererseits kommt der Moment, an dem latent ins Bier geweint wird. Ich finde das gut. Allerdings verhält sich "Nachtgestalten" ein wenig wie die sprichwörtliche Karotte vor der Nase. Unser Wirtshaus braucht uns. Und zum Teufel, wir brauchen unser Wirtshaus auch!