Der Journalist Franz Ignaz Baumhackl hat die Kluft entdeckt. Die Kluft tut sich auf, wenn Menschen versuchen, miteinander sprachlich zu kommunizieren, und liegt zwischen Gesagtem und Gemeintem. Sie ist unüberbrückbar. Denn die Kluft ist nicht menschlichem Unvermögen oder bösem Wollen, sondern einem letalen Infarkt der Sprache geschuldet.

"Die Sprache war kaputt. War schon immer kaputt gewesen. Die Sprache, dieses mit Lautbildern aus modulierter Atemluft operierende Kommunikationssystem, das den Menschen zu einem geistigen Wesen gemacht hat, war defekt wie ein Funkgerät, das zwar blinkte und zischte, aber nichts übermittelte. Man konnte zwar hineinbrüllen so oft und so deutlich man wollte, am Ende war nur ein elektrisches Sieden zu hören, zerfetzt von durchbrechenden Schleifgeräuschen, die man für Botschaften hielt und die man mit weiteren Schleifgeräuschen näher erörtern wollte."

Radikaler Eingriff

Lügen, Betrug, Manipulation, Gewalt, Kriege sind allesamt Folgen der Verständigungsuntauglichkeit des Systems Sprache. Ohne Sprache ist nichts wahr - mit Sprache ist alles unwahr. Die Erkenntnis, letztlich selbst nur ein Produkt des dysfunktionalen Systems Sprache zu sein, setzt Baumhackl so unter Druck, dass er eine extreme Lösung sucht: die Sprache in sich mittels einer Operation abtöten zu lassen. Zu diesem Zweck reist er nach Marokko und sucht einen Militärarzt auf, den er von früheren Einsätzen als Kriegsreporter kennt, und nötigt ihm das Versprechen ab, den gefährlichen Eingriff durchzuführen.

Emil Bobi ist ein (ehemaliger) Journalist, der in Wien und der Südsteiermark lebt, für Nachrichtenmagazine von afrikanischen Kriegsschauplätzen berichtete und im eigenen Land etliche Skandale wie den sexuellen Missbrauch von Zöglingen an katholischen Internaten aufgedeckt hat. Der Autor hat mit seinem Protagonisten also bestimmte biographische Eckpunkte gemein und von seiner beruflichen Erfahrung zeugen unter anderem beklemmende Schilderungen von Kriegsgräueln, die genaue Kenntnis der Topographie, Witterung und Lebensumstände afrikanischer Länder und bittere Einsichten in die zunehmend von wirtschaftlicher Abhängigkeit bestimmte Entwicklung des Medienwesens.

- © Verlag Anton Pustet
© Verlag Anton Pustet

Umso wichtiger ist es, demgegenüber festzuhalten, dass dies eben nicht der "typische", selbstgenügsam im eigenen Saft köchelnde "Journalisten-Roman" ist: Eine Redaktionskonferenz am Anfang des Buchs ist nicht mehr als ein Prolog; das berufliche Tun des Protagonisten rückt alsbald so beiläufig in den Hintergrund, wie eine geplante Titelgeschichte eines unscheinbaren Todes stirbt.

Auch versagt Bobi - auf fast boshaft anmutende Weise - jeglichen boulevardesken Erwartungen die Erfüllung: So sorgsam er etwa ein erotisches Verhältnis seines Helden mit einer attraktiven Sprachforscherin aufgebaut zu haben scheint, so gleichgültig unterlässt er seinen Vollzug.

Die Hauptfigur des Romans ist in Wahrheit ein philosophisches Konstrukt, das auf einem existenziellen Paradoxon aufbaut: Was bedeutet es für Homo sapiens, wenn all sein Geistes- und Gedankenwerk aus einem Defekt konstituiert ist? Wann und wie ist es zu diesem gekommen? Und in welchem Ausmaß sind seine Konsequenzen zu tolerieren?

Bobis Antwort ist zunächst rigoros: gar nicht. Gegen Ende deutet das Buch aber in eine pragmatischere Richtung, indem die Bereitschaft indiziert wird, sich mit den Unzulänglichkeiten des Systems Sprache abzufinden und das Beste, was es eben hergibt, daraus zu machen. Bobi entwickelt dafür eine schöne Allegorie in Form eines aus Fetzen notdürftig zusammengebastelten Fußballs: Das lumpige Gebilde fliegt lustlos durch die Luft, springt nicht, und man holt sich, wenn man es mit konventioneller Technik zu treten versucht, maximal eine Schwellung am Fuß, aber mit geeigneten "Anpassungen" kann man selbst dieses Behelfsobjekt bespielen.

Man mag die These von der Schadhaftigkeit der Sprache im schnellen Reflex für überspannt, pedantisch halten. Man muss sich aber nur einmal den Versuch vorstellen, ein einigermaßen außergewöhnliches Stück Musik einem Unkundigen zu beschreiben: Etwas Genaueres als - günstigstenfalls halbwegs intelligible - Stimmungsbilder wird man dabei nicht vermitteln können. Bobis Held wiederum müht sich von Kindheit an mit der Frage ab: "Wie oder wonach klingen Raben?" Weder kann er die akustischen Facetten der Rabenlaute eindeutig benennen, noch, was sie in ihm auslösen. Das Thema hat also seine Legitimation.

Gnadenlos präzise

Eine Ironie besonderer Art stellt in diesem Zusammenhang indes Bobis exzellenter Schreibstil dar, der sich wesenhaft auf seine gleichermaßen bildstarke wie eigentümlich lakonische Sprache stützt: Dass also genau jenes Instrument, dem er das Funktionieren abspricht, sein effektivstes Werkzeug im Übermitteln seines Axioms ist. Nie geht der Autor in seinen Beschreibungen den einfachen Weg der konsensualen Floskel, des geläufigen Klischees, sondern schaut, wie er es auch als seinen Anspruch postuliert, überall genau hin. Dass die Präzision seiner Wiedergabe oft etwas Gnadenloses hat, liegt buchstäblich in der Natur der Sache:

"Ein weiß verspiegelter Fleck glüht am Himmel. Seine Hitze hat etwas Ernstes und hinter seinem dünn glänzenden Gegenlicht erahnt man Dunkelheit. Eine dunkle, feindliche Maßlosigkeit gegen alles Lebende, eine schweigende, reglos lauernde Arroganz, die töten will und sterben lässt. Der Fleck starrt und wartet. Lautlos und für immer. Oder leise knisternd, so leise, dass man nicht weiß, ob es knistert. Niemand würde das als Schönwetter bezeichnen. Kein Mensch würde sagen, diese Sonne lache. Sie lässt ein außerirdisches Strahlenunwetter niedergehen, das alles zu Staub macht. Viel hat sie in diesem Dorf nicht mehr zu tun."