Vier Jahrzehnte lang intervenierte Rudolf Burger. Er tat es selbstgewiss, ganz unbescheiden. Die leitende Maxime all seiner Reflexionsversuche samt der generellen Skepsis gegenüber allen beifallheischenden Versuchen, die philosophische Theorie zu verschönern, bezog er aus dem Anfang von Hegels Phänomenologie des Geistes (1807): "Die Philosophie muss sich hüten, erbaulich sein zu wollen", schrieb Hegel - und Burger hütete sich: Nichts war ihm mehr zuwider als jene "pseudophilosophische Warnungs- und Erweckungsprosa, die weniger das Begreifen fördert, als die Ergriffenheit". Burger griff an, aber gehässig war er nie.

Indes: In seinem Denken bot er auch niemandem Gnade, am wenigsten sich selbst. Sein aufklärerisches Denken ging in Richtung Zerstörung jeglicher philosophischen Idylle - mochte es auch Anerkennung und Beliebtheit kosten.

Diese Haltung kreideten Burger viele als "mitleidlose Kälte" an. Es fehle ihm an der Wärme spendenden Moral. Selbst sein Freund Konrad Paul Liessmann bezeichnete ihn als den Philosophen, "der aus der Kälte kam" - eine durchaus unzutreffende und schmalsinnige Metapher: Nicht um Temperatur war es Burger zu tun, sondern um Struktur und Begriff. Seine Absicht zielte auf die "Ent-Täuschung", auf das Denunzieren der Heuchelei. Er wollte, stets einer materialistischen Skepsis verpflichtet, die "gestörten Verhältnisse" zur Darstellung bringen. Und wolle man ein guter Philosoph sein, so müsse man eben - Burger zitierte Stendhal - "sec, clair, sans illusion", also trocken, klar und ohne Illusion sein. Diesem Gebot sah sich Burger verpflichtet - und er war dann fallweise auch bereit, es so weit zu überdehnen, dass ihm kaum noch jemand folgen wollte.

Umstrittene Positionen

Alfred J. Noll ist ein österreichischer Jurist, Rechtsanwalt und Hochschullehrer. Er ist auch als Sachbuchautor hervorgetreten. Als Politiker war er von 2017 bis 2019 Abgeordneter der Liste JETZT zum österreichischen Nationalrat. apa / H. Neubauer - © APA/HERBERT NEUBAUER
Alfred J. Noll ist ein österreichischer Jurist, Rechtsanwalt und Hochschullehrer. Er ist auch als Sachbuchautor hervorgetreten. Als Politiker war er von 2017 bis 2019 Abgeordneter der Liste JETZT zum österreichischen Nationalrat. apa / H. Neubauer - © APA/HERBERT NEUBAUER

Die weithin bekannt gewordenen "Sager", mit denen Burger alsbald in der Öffentlichkeit identifiziert wurde, seine Verächtlichmachung der Grünen als Anhänger einer "Idiotie des Landlebens" (Karl Marx), denen nichts Besseres einfiele, als die bloßen "Artefakte von Natur" schützen zu wollen, die Rede von Alois Mock als "kriegsgeiler Kiebitz", die Brandmarkung der Proteste gegen die ÖVP-FPÖ-Koalition im Jahr 2000 als "antifaschistischer Karneval" und schließlich auch sein Protest gegen alle Formen der "Erinnerungskultur", gegen alle Abarten einer "moralisierten Geschichte": All dies waren dann nur noch die von einer diskursunlustigen Öffentlichkeit aufs Formelhafte verschnittenen Resultate davorliegender philosophischen Begriffsarbeit.

Debattiert und gestritten wurde nachfolgend nicht über philosophische Begriffsbildung, sondern man ereiferte sich situativ und tagespolitisch eingepasst über die Zulässigkeit, ob man denn so etwas überhaupt so sagen dürfe. "Nichts", so schrieb Burger 1999 über Österreich, "ist hier so selten wie ein klarer Gedanke und der Sinn für Proportionen." In der multimedialen Ereiferung über manche von Burgers Gedanken fand sich der stete Nachweis dafür.

In Burgers Essays zeigte sich ein "Künstler des Denkens" (Michael Scharang) bei der Arbeit. Er sprach aus, was die Routiniers des philosophischen Betriebs nicht schrieben, weil sie es nicht denken konnten. Jedem Systematisierungswillen abhold, beharrte Burger auf der mikrologischen Rekonstruktion einzelner, theoretisch zentraler Figuren. Der Essay war das dafür einzig angemessene Mittel.

Tatsächlich war Burger ein begnadeter Essayist. Vermutlich nach Theodor W. Adorno der beste in deutscher Sprache. Die Sammlungen seiner Essays zeigen das: "Vermessungen" (1989), "Abstriche" (1991), "Überfälle" (1993), "In der Zwischenzeit" (1996), "Ptolemäische Vermutungen" (2001), "Re-Theologisierung der Politik?" (2005), "Jenseits der Linien" (2009, 2020), "Das Elend des Kulturalismus" (2011) und "Multikulturalismus, Migration und Flüchtlingskrise" (2019). Jeder einzelne Band eine Schatzkiste.

Was aber macht diese Bände zu Schätzen philosophischer Reflexion?

"Es gibt ein Gesetz im dunkelsten der Bücher des Lebens", so hat G. K. Chesterton einmal beobachtet, "und das lautet: Du kannst eine Sache neunhundertneunundneunzigmal ansehen, und dir wird nichts geschehen, aber beim tausendsten Mal gerätst du in die schreckliche Gefahr, sie zum ersten Mal zu erblicken." Die sorgsam eingezirkelten Bemühungen Burgers, alle seine Essays, provozieren dieses "erste Erblicken". Das ist das eine.

Das andere aber ist, dass uns Burger keine Lehre und keine daraus erfließende Gewissheit bietet. Burger evoziert den Widerspruchsgeist des Publikums, er ertüchtigte es zum Selberdenken. Er provozierte nicht nur, forderte den Widerspruch nicht nur heraus (das tat er auch), sondern er verlangte diesen Widerspruchsgeist, weil alles andere ansonsten nur Langeweile und Plattitüde wäre. Burger blieb stets Aufklärer, seinem Publikum zugewandt.

Mit Eleganz gegen Moralisieren

Allenthalben gerühmt wird Burgers Eleganz. Tatsächlich leben seine Essays von einer gewissen Schwebe, einer ausgestellten Ungewissheit, sie machen sich frei von den kruden Platzanweisungen der politisch-philosophischen Üblichkeiten. Wer tut, was er soll, ist nicht elegant - und Burgers Eleganz beruhte nicht zuletzt auf der Lässigkeit gegenüber den mit der Anmaßung von Vernunft daherkommenden phrasenhaften Geboten einer moralisierenden Öffentlichkeit.

Burger plädierte stets für moralische Zurückhaltung, aber unmoralisch war er nie: "Auch was ich gegen das Leben geschrieben habe, ist für das Leben geschrieben, auch was ich für den Tod geschrieben habe, ist gegen den Tod geschrieben", meinte er. Und wer Burger persönlich kannte, wusste darum, dass er ein Anwalt des Einzelnen war und die Freiheit des Geistes gegen alle ideologischen "Wahrheiten" verteidigte - nicht zuletzt gegen die Verblödung der Medien und durch die Medien.

Nichts von dem, was Burger je schrieb, hat die Öffentlichkeit mehr verstört als seine seit 2001 mehrfach vorgetragene apodiktische Aussage, dass aus der Geschichte keine Lehren zu ziehen seien - und dass deshalb auch die Vorstellung absurd sei, durch die Erinnerung an die Schoah seien heute ex negativo die Lehren für das moralisch und politische gebotene Verhalten zu finden: "Denn was man etwa aus den Gräueltaten der Nazis, deren museale Pflege zur pädagogischen Obsession geworden ist, moralisch lernen können soll, das man nicht schon vorher wusste, verschließt sich jedem Raisonnement", schrieb Burger. Der dadurch entstandene Aufruhr war derart, dass Burger öffentlich zur Persona non grata wurde und Freundschaften beendet wurden.

Ist diese Aussage aber recht viel mehr als das, was Thomas Hobbes vor knapp 400 Jahren geschrieben hat: "Experience concludeth nothing universally", dass wir also aus bloßer Erfahrung keine verallgemeinerungsfähigen Schlüsse ziehen könnten?

Geschichte lehrt nicht

Wollte man Burger für diese Aussagen ernsthaft kritisieren (und nicht bloß als unmoralisch und unbelehrbar verdammen), dann müsste man doch behaupten, dass sich Geschichte als einfache lineare Abfolge von Ereignissen beschreiben ließe; man müsste beweisen, dass jedes dieser Ereignisse mit dem vorhergehenden und den folgenden wie eine Kette von Bedingung und Bedingtem, gar von Ursache und Wirkung verknüpft ist. Aber ist es nicht vielmehr so, dass eine geschichtliche Situation dadurch definiert ist, dass in ihr jedes Moment als eine Funktion des ganzen Systems auftritt, und dass diese historische Lage also nicht eine abstrakte Einheit ist, sondern gerade die funktionale Verbindung seiner besonderen Momente, die Hegel unter die Kategorie Vermittlung fasste? - Wir wollen das hier nicht entscheiden - gewiss freilich ist, dass die Diskussion nicht darüber geführt wurde, weil die Verurteilung Burgers billiger zu haben war.

Der Essayist und Philosoph Rudolf Burger ist am Montag dieser Woche verstorben. Ein Verlust.