Der Fluch einer Frau gegen ihren Ehemann.

Ein Schutzzauber gegen Skorpionstiche.

Ein Vertrag mit einem Flötenspieler über seinen Auftritt zur Weinlese, ein halbes Jahr im Voraus abgefasst. Offenbar war der Musiker ein begehrter Virtuose.

Ein Ja-Nein-Losorakel, bei dem ein Mann fragt, ob er eine Frau zur Ehefrau bekommen kann.

Das alles steht auf Papyri, auf Pergament, auf Tonscherben.

Das Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek öffnet wieder am 4. Mai und überrascht mit einer Neuaufstellung. Die war zwar in Planung, sagte Bibliotheks-Chefin Johanna Rachinger, aber der Lockdown bot die Möglichkeit, das Vorhaben mit einem Budget von 700.000 Euro schnell umzusetzen. Betraut mit der architektonischen Gestaltung wurde Johann Moser, der das Haus der Geschichte und das Literaturhaus gestaltet hatte. Im Sinne der Nachhaltigkeit verwendete Moser die in das Konzept passenden Schaukästen der alten Aufstellung weiter.

Ausschnitt aus einem Totenbuch. - © Österreichische Nationalbibliothek
Ausschnitt aus einem Totenbuch. - © Österreichische Nationalbibliothek

Das Grundproblem: Papyri besitzen einen nur geringen Schauwert. Schließlich handelt es sich fast ausschließlich um Texte, zumeist in für heutige Besucher der Schau nicht lesbaren Schriften wie der demotischen oder der koptischen. Spannend sind sie weniger aufgrund ihres Aussehens als wegen ihrer Inhalte.

Wider die Klischees

Also schuf Moser eine Art Kontrasterfahrung, indem er die Papyri in eine Gestaltung einbaute, die sich an den Lithografien des 19. Jahrhunderts orientiert, zugleich aber auch die Ägypten-Klischees verbannt. Auf der auf 300 Quadratmeter vergrößerten Ausstellungsfläche werden nun rund 400 Objekte der insgesamt etwa 180.000 der Sammlung gezeigt. Restitutionsforderungen werden im Moment keine erwartet, denn die Sammlung wurde zur Zeit der k.u.k. Monarchie von Erzherzog Rainer angekauft.

Interaktivität wird jetzt großgeschrieben, ebenso die Vermittlung, auch an Kinder. Und wer mag, kann eine Replik des Steins von Rosette abrubbeln. Moser versteht Gestaltung und die Präsentation der Schau inklusive der digitalen Medien und des Audioguides, der etwas mehr als eine halbe Stunde lang durch die Ausstellung führt, als eine Übersetzung der Materie für den Besucher.

Ein Abwehrzauber gegen Skorpionstiche. - © Österreichische Nationalbibliothek
Ein Abwehrzauber gegen Skorpionstiche. - © Österreichische Nationalbibliothek

Bernhard Palme, international renommierter Papyrologe und wissenschaftlicher Leiter des Papyrusmuseums, hat die Schau in drei Themenbereiche unterteilt: literarische Texte (etwa historische Aufzeichnungen und Hagiographien), Texte zu Religionen (heidnische wie christliche und Islam) und Texte aus dem Alltagsleben, etwa zu Steuerwesen, Recht und Handel. Eine Seereise etwa brachte aus Indien Elfenbein und Pfeffer im Wert von 7 Millionen Sesterzen. Der Jahreslohn eines Legionärs betrug 1.000 Sesterzen.

Ägypten war der Schmelztiegel zahlreicher Kulturen, wie sich an den Sprachen ablesen lässt, in denen die Papyri abgefasst sind, etwa Ägyptisch, Griechisch, Koptisch, Arabisch, Hebräisch, Aramäisch und Latein. Da die Schriftstücke einen Zeitraum vom 15. vorchristlichen Jahrhundert bis zum Mittelalter abdecken, lässt sich aus ihnen die Veränderung eines Kulturraums ablesen, etwa, wenn zu einem ursprünglich griechischen Bibeltext eine koptische und dann eine arabische Übersetzung beigefügt wird. Eine ursprünglich rein ägyptische Kultur wird erst hellenistisch, dann römisch und schließlich islamisch durchdrungen. Der früheste arabische Papyrus lässt sich genau datieren: Am 25. April 643 wurden Schafe als Tributzahlung vereinbart.

Übrigens: Dem Mann, der wegen einer möglichen Ehe das Orakel befragte, wurde eine positive Auskunft erteilt. Ob es seine nachmalige Frau war, die den Fluch über ihn auf einen Papyrus schrieb, möge man selbst in dieser fulminanten Schau herausfinden.