- © Suhrkamp Verlag
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Wenn Lyriker zur Prosa greifen, kommen zumeist interessante Texte dabei heraus. Der Dichter Thomas Kunst ist ein Musterbeispiel dafür. Allerdings stehen die Romane der Lyriker nicht selten im Schatten der Gedichtbände: "Freie Folge" (2015 bei Jung & Jung) erhielt leider kaum die Anerkennung, die dieses bemerkenswerte Erzählwerk verdient, das nicht nur Prosa und Lyrik zu einer eigentümlichen Melange vermischte, sondern zu-dem eine CD mit Musik seines Bandprojekts Mitleid in Toronto enthielt, die - wortwörtlich - den Soundtrack zum Roman liefert.

Nach dem gelungenen Gedichtband "Kolonien und Manschettenknöpfe", 2017 bei Suhrkamp veröffentlich, ist nun im selben Verlag "Zandschower Klinken" erschienen. Ein Roman, der Kunst den so verdienten wie überfälligen Durchbruch als außergewöhnlicher Prosaist einbringen wird.

Er erzählt von einem gewissen Bengt Claasen, der zufällig in ein Provinznest namens Zandschow gerät und unter den dort lebenden Aussteigern bizarre Abenteuer erlebt. Aber eine solche Synopsis legt eine konventionelle Handlung nahe, die Kunst auch hier verweigert.

Dafür bietet seine Prosawelt die bizarrsten Einfälle, fantastische Gedankenreisen und obskurste Referenzen auf Hoch- wie Popkultur. Nicht der erzählerische Realismus, der die Gegenwartsliteratur dominiert, sondern der Eigensinn der Sprache und der Assoziationsgewitter sind das Antriebsmittel dieses faszinierenden Romans.