Europa ist längst nicht vollends erkundet. Selbst in unseren reisefreudigen Gesellschaften gibt es genügend kaum besuchte Flecken im geographischen Bewusstsein. Wer kennt schon den Ohridsee im südlichsten Teil des Balkans? Oder den nahebei gelegenen Prespasee? Beide sind magische Orte: verborgen, aber doch auffindbar im Dreiländereck von Griechenland, Albanien und der Republik Nordmazedonien.

"Ohrid und Prespa sind die beiden ältesten Seen Europas", schreibt die literarische Landvermesserin Kapka Kassabova über die Zwillingsseen. "Ohrid könnte sogar der zweitälteste See der Erde sein." Wissenschafter vermuten ein Alter von an die drei Millionen Jahre.

"Hier befindet sich das, was Naturschützer als das reinste Wasser Europas bezeichnen", so Kassabova. "Wie Diamanten" sieht sie die beiden uralten Gewässer in die Falten des Galičica-Gebirges eingebettet, geschichtsträchtig durch die Reiseroute der Via Egnatia, die seit den Römern die Gegend durchquert. "Die Seen werden von Quellen gespeist, sind von Quellen umgeben und durch unterirdische Flüsse miteinander verbunden. Hier, am Zusammenfluss mächtiger zivilisatorischer Kräfte von der Antike bis in die Gegenwart, vermischen sich die Strömungen zweier warmer Meere und die eisigen Winde von den beinahe dreitausend Meter hohen Bergen."

Kindheitssommer

Kassabova kennt die Seen von Kindheitstagen an. Damals lebte sie sommersüber bei ihrer Großmutter in Ohrid, der Stadt auf dem Hügel über dem See. Von den Naturwundern angezogen, schlenderte sie an dessen Ufern entlang, lauschte hinter den steinernen Mauern der Altstadt den unzähligen Geschichten, die sich nahezu ausschließlich um Krieg, Gewaltherrschaft, ethnische Kämpfe und Vertreibungen drehten.

Das Mädchen Kapka von damals kam von Sofia her, wo die Familie ihres Vaters, eines Mathematikprofessors, lebte. Die Natur und die Ruhe waren prägend zu jener Zeit jugendlich-glücklicher Sommer. "Wem gehörst du an?", lautete schon damals die Frage, die am Ohridsee auch heute noch an sie gerichtet wird.

- © Zsolnay
© Zsolnay

"Was ist Nation? Was ist Geographie? Was ist Geschichte?" Diese Fragen treiben die Autorin um. Im Band "Die letzte Grenze" hat sie, gleichsam wie zur Vorbereitung von "Am See", brillante Reisereportagen aus einer der abgelegensten Ecken des Balkans vorgelegt. Dorthin, wo der geschichtliche Rückblick weit und das Leben eng ist, entführt Kassabova nun ihre Leser aufs Neue. Es ist für die Kosmopolitin, die 1973 in Sofia geboren, in Neuseeland aufgewachsen und nun in den schottischen Highlands ansässig ist, eine Reise zu den eigenen Vorfahren, eine Erkundung von familiengeschichtlicher Zerrissenheit in einem topographischen Raum, der widerhallt von Willkür, Leid und Gewalt.

Die Behauptung der eigenen Identität ist manisch eingeschrieben in die Gedankengänge der Menschen am See. Wo staatliche Strukturen schwächelten und fortwährend wechselten, werden verwandtschaftliche Bande, eine unlösbare Bindung an den Familienclan, umso bestimmender.

Kapka Kassabova ist überzeugt, dass sich Generationenwissen durch ein kollektives Gedächtnis vererbt. So ist die Reise an den Ohridsee auch eine Selbsterkundung: die Konfrontation mit sich selbst und der möglichen Einflussnahme durch die Ahnen. "Leben ohne Transzendenz ist ein Schlurfen von Geistern", notiert sie angesichts der jährlichen Bittprozession mazedonischer Frauen zur Ikone der Schwarzen Madonna.

Auf der Suche nach der Geschichte, der eigenen wie der einer ganzen Region, stößt Kassabova fortwährend auf Spuren von Flucht und Vertreibung: ob von Albanern, Türken, Mazedoniern, Bulgaren oder Griechen, ob von Christen, Juden oder Muslimen. Kassabovas Urgroßvater Kosta kämpfte im Ersten Weltkrieg auf bulgarischer Seite gegen die Briten. In den 1930er Jahren floh er vor der serbischen Besatzung im Boot über den nächtlichen See, um schließlich in weitem Bogen wieder nach Sofia zu gelangen.

Die mutwillig zerstörten Fresken der Kirche an der Ablegestelle Zaum enthalten eingekratzte Graffiti in fünf Sprachen: Mazedonisch, Bulgarisch, Serbisch, Albanisch und Griechisch. So gerät die Vielsprachigkeit der Gegend unter den Händen der nationalistisch aufgehetzten Menschen zur einsilbigen Selbstbehauptung.

Als "Die Bürde des Balkans" benannte die frühe Reiseschriftstellerin Edith Durham um 1900 die Gegend. Mit der Jahrhunderte langen Türkenherrschaft sind vor allem Erinnerungen an Zwang und Schrecken verbunden. So wurden etwa im frühen 19. Jahrhundert noch Schuldner bestraft, indem man sie in Käfigen mitten im See versenkte.

Nationalismus

Je zerrütteter die Verhältnisse im Südosteck Europas waren, desto heftiger wurden nationalistische Parolen skandiert, von Gruppen verschiedenster ethnischer oder politischer Provenienz. Aus der schillernden Geschichte wurden wechselnde Identifikationsangebote gezimmert, alle luden sie zum Missbrauch ein. "Selbstgeschaffene Dämonen" nennt sie die Autorin treffend. "Die Völker an den Seen waren ein Volk gewesen, das über die Zeiten, Grenzen und über umnachtete Politik hinweg zu Feinden geworden war."

Im 20. Jahrhundert wurden Gewaltherrschaft und Terror zur schier bodenlosen Leiderfahrung der Menschen. Allein die jahrzehntelange Unterdrückung Albaniens durch den hemmungslosen Tyrannen Enver Hoxha hinterließ tiefe Spuren der Traumatisierung, denen die Autorin bei den Gesprächen mit Einheimischen auf der albanischen Seite des Sees auf Schritt und Tritt begegnet.

Illusionslos beschreibt Kassabova die politische Maserung des Ostens: "Unterdrückt zu sein und zu unterdrücken war die Norm." Und, wie sie voll Bitterkeit seufzt, "all dies vor dem Hintergrund der majestätischen Täler und stillen Seen Mazedoniens". Noch heute stößt man überall auf Grenzen, sogar im Wasser der Seen.

Kapka Kassabova hat eine faszinierende Gabe, die verworrene Geschichte einer Region, die ihr zudem verwandtschaftlich so nahesteht, in einem fesselnden Kaleidoskop von Reiseeindrücken, Gesprächen mit Menschen vom See und autobiographischen Reminiszenzen und familiengeschichtlichen Rückblicken für den Leser erlebbar zu machen. Feste nationalgeschichtliche Gefüge und ethnische Vorurteile werden auf diese Weise erschüttert und in Teilen neu bewertet. Was ihre Aufzeichnungen ebenfalls offenbaren, ist das wehmütig mitschwingende Gefühl der "Unbehausten", das Unbehagen an der unsteten Suche nach Zeichen des Ankommens. Aber diesem Unbehagen verdanken wir Kapka Kassabovas hinreißende Reiseprosa.

Indes, auch wenn die Lektüre noch so begeistert: Man möchte denn doch selber dort sein, an den verwunschenen uralten Seen. Irgendwann einmal, vielleicht.