Der Schweizer Autor Joachim B. Schmidt lebt seit 2007 auf Island. Und seiner archaischen Wahlheimat hat er nun einen ebenso archaischen Krimi gewidmet, in dessen Zentrum gar nicht so sehr das Verschwinden eines Hoteliers und das Auftauchen einer Blutlacke in der Wildnis steht, sondern deren Finder: Kalmann, eine Art Dorftrottel, der im gleichnamigen Roman in Forrest-Gump-Manier seine Geschichte erzählt – und der in dieser Geschichte vom geistig zurückgebliebenen Deppen zum Fast-schon-Hilfssheriff der örtlichen Polizistin aufsteigt.

Zwischen Gammelhai und der Frage, ob es Eisbären bis nach Island schaffen, lässt Schmid seinen Protagonisten erzählen. Und dass Kalmann dabei die berühmte Filmfigur zitiert, ist kein Zufall. So wie Tom Hanks als Forrest Gump auf seiner Wartebank saß und über die Pralinenschachtel namens Leben sinnierte, lässt auch Kalmann die Leser teilhaben an seinen Erfahrungen als Enkel eines inzwischen dementen Großvaters und als - naja, nicht unbedingt Außenseiter, aber eben auch nicht gerade Held des Dorfes, der vergeblich darauf hofft, dass sich eine Frau auch einmal für jemanden wie ihn interessiert. Und ja, Kalmanns langatmige Schilderungen stellen Forrest Gumps Monolog beinahe in den Schatten. Und dennoch schafft sein Schöpfer das Kunststück, aus wenig Stoff ein 360-Seiten-Buch zu machen, das bei aller autistischer (?) Detailverliebtheit trotzdem nicht langweilig wird. Vielleicht auch deshalb, weil einem Kalmann zwar rasch ziemlich auf die Nerven geht - aber trotzdem will man wissen, was er zu erzählen hat.

Und damit ist man als Leser nicht allein, denn seinem Schöpfer ist es genauso gegangen. Der Autor Joachim B. Schmidt selbst erklärt nämlich am Ende seines Buches, dass sein Protagonist Kalmann ursprünglich gar nicht die Hauptfigur sein hätte sollen, sondern einfach nur der Dorftrottel. "Doch schon nach wenigen Seiten ist er ins Rampenlicht gelatscht und dann dort geblieben. Noch nie habe ich die Kontrolle über eine Romanfigur so sehr verloren wie über ihn. Ich habe ihn darum einfach machen und mich mitreißen lassen." Auch wenn das natürlich ein bisschen Koketterie mit dem eigenen Schaffen ist, so erklärt das doch ein Stück weit die träge, aber doch stete Beharrlichkeit, mit der Kalmann nicht nur durch den isländischen Schnee stapft, sondern auch durch diese Geschichte.

Joachim B. Schmidt: Kalmann
Diogenes; 359 Seiten; 22,70 Euro