Soeben wurde die Mission des Mini-Hubschraubers "Inguenity", der als erstes Flugobjekt durch die Mars-Atmosphäre schwirrt, um 100 Prozent verlängert, und die Nasa ist mächtig stolz darauf. In Madeleine Puljics neuem Science-Fiction-Roman "Zweite Heimat" ist die US-Weltraumbehörde schon viel weiter: Gemeinsam mit der ESA und den anderen irdischen Konkurrenten (inklusive China) hat sie unter dem Dach der UNO eine Mars-Station aufgebaut und schickt nun im Raumschiff "Celeste", das direkt im Weltall gebaut wurde, die ersten 100 Kolonisten auf den roten Planeten. Doch in der finalen Phase des eineinhalbjährigen Anflugs tauchen kurz vor der geplanten Landung auf dem Mars plötzlich Außerirdische auf, die den finnischen Raumschiffkapitän Alvar Lajunen, seinen Vize Michael Harris (einen US-Ex-Soldaten) und die übrigen vier wachen Besatzungsmitglieder (die anderen 94 sind in einem Transporttiefschlaf) damit konfrontieren, dass sie von dieser scheinbar übermächtigen Spezies, die der Menschheit technologisch um 20.000 Jahre voraus ist, nun bewertet werden. Was passiert, wenn diese Bewertung negativ ausfällt? Darum kreisen ab jetzt die Sorgen von Captain Lajunen, der mit seinen 99 Kolonisten nun in der Mars-Siedlung ein Gefangener einer fremden Spezies ist, eine Art Versuchskaninchen für Aliens.

Und während der Finne um Konsens bemüht ist mit diesen echsenähnlichen, vierarmigen Wesen, die mehrere Köpfe größer als die Menschen sind, zerbricht sich Harris von Anfang an den Kopf darüber, wie man die drei Aliens (mehr tauchen zunächst nicht auf, aber wer weiß, wie viele es wirklich sind) wieder loswerden könnte. Die Folge ist unweigerlich eine Lagerbildung samt internem Machtkampf. Dass das nicht gutgehen kann, ist klar. Zumal auf der Erde, eine Stunde Funkzeit entfernt, die Nachricht vom ungewollten Zusammentreffen mit den Außerirdischen Reaktionen auslöst, die erst recht angetan sind, die Situation eskalieren zu lassen.

Die Autorin schildert hier einen Clash of Civilizations, der sein Potenzial vor allem daraus zieht, dass beide Seiten sich der anderen in moralischer Hinsicht überlegen fühlen: Die E’Kturi (so nennen sich die Außerirdischen) sehen in den Menschen bloß Barbaren und haben die Erde und ihre Bewohner lange genug beobachtet, um zu dem Schluss gekommen zu sein, dass diese Mars-Kolonie, die als Neuanfang gedacht ist, nun wirklich die allerletzte Chance für die Menschheit ist, um zu beweisen, dass sie doch auch anders kann, als sich und ihre Umwelt zu zerstören, wobei ihre Anführerin von Beginn an daran zweifelt (aber doch objektiv agiert). Und die Menschen wissen zwar um ihre körperliche und technologische Unterlegenheit, können aber mit dem zum Teil einfach nur irrational wirkenden Gehabe der E’Kturi nichts anfangen und sehen sich trotz aller offenkundigen Nachteile als die schlauere und sozialere Spezies.

Und dann ist da noch die Conditio humana als solche, die Madeleine Puljic aus allen möglichen Blickwinkeln grell ausleuchtet. Denn natürlich agiert die Besatzung der "Celeste", die nach und nach aus dem Tiefschlaf geholt wird und entsprechend auf die plötzliche Anwesenheit der Außerirdischen reagiert, nicht nur mit den E’Kturi, sondern auch untereinander - und zwar so, wie Menschen nun einmal untereinander agieren, was selbst bei freundlicher Betrachtung nicht dazu angetan ist, die Kriterien für eine positive Beurteilung zu erfüllen (wobei Captain Lajunen nicht klar ist, ob womöglich schon ein Fluch, wenn er sich am Tischbein anhaut, negativ gewertet wird). Und dann ist da auch noch der Rest der Menschheit auf der Erde - oder dem, was sie davon übrig gelassen hat -, die von der Autorin recht dystopisch skizziert wird.

Es ist also nicht bloß ein Weltraum-Actionroman, sondern im Grunde eine Betrachtung des Menschseins an sich: Wie reagieren wir auf Unerwartetes? Wo liegt unsere Belastungs- und wo unsere Toleranzgrenze? Wie gehen wir mit Dingen um, die wir nicht verstehen oder nicht einsehen? Und vor allem: Stimmt es wirklich, dass der Mensch alles, was er vielleicht als Waffe einsetzen kann, auch tatsächlich als solche einsetzt? Die Antworten auf diese Fragen sind nicht unbedingt angenehm. So wie auch der Roman am Ende einen schalen Nachgeschmack hinterlässt. Bis zu diesem Ende freilich lässt er einen nicht los.