Kennen Sie den? - Das Ehepaar Müller hat Karten für eine Staatsopernaufführung von Richard Wagners "Tristan und Isolde" geschenkt bekommen. Im Zuschauerraum wird es dunkel. Er zu ihr: "Gute Unterhaltung."

Kennen Sie auch den? - Fortsetzung nach dem Schluss der Oper: Die beiden treten heraus auf den Herbert-von-Karajan-Platz. Es regnet. Sie zu ihm: "Das auch noch."

Beide Witze tragen Bart? - Ja, eh. Außerdem: Wer geht heute schon in die Oper? Ist doch alles Bühnenmäßige immer noch downgelockt.

Daher nützt, wer dermaßen kulturell ausgedörrt ist, die florierenden Streaming-Angebote. Und Bücher gibt’s ja auch noch. Deutschsprachige Theater, Opernhäuser weltweit, dazu die gerade angesagten Romane - irgendwie muss man schließlich auch hirnmäßig über die Krise kommen.

Was also erlebt man da?

Unterhaltung ist es eher nicht. Eher ein Bewältigen von Problemen - Problemen freilich, die Dramaturgen und Regisseure meinen, dass man sie als Zuschauer haben müsste. Und so betreiben sie Dekonstruktionen, heißt: Sie zeigen, was der Klassiker ihrer Meinung nach hätte schreiben sollen, um die Probleme, die der Zuschauer haben sollte, auf den Punkt zu bringen.

Dann wird halt "Antigone" in Mikros geplärrt und mit Popsongs versetzt. Oder: "Hamlet" vor einer Buchstaben-Kulisse, die Personen Bertolt-Brecht-Ganoven. Oder: "Faust" vor Windrädern samt Dauerklangkulisse.

Im Würgegriff der Nabelschau

In der Oper ist das Demolieren der Stücke schwieriger. Sänger und Dirigenten verweigern in der Regel die Zertrümmerung der Partituren. Aber das ist auch gar nicht notwendig. "Pelléas et Mélisande" im Mond-Niemandsland, das beglückt doch jeden, der schon immer Märchen von ihrem Zauber befreien wollte. Oder, nur keine Atmosphäre aufkommen lassen, "Carmen" im Stahlrohr-Rund. Zu Wagner fällt einem Hitler ein, oder man übermalt ihn mit der vollen Bandbreite vom Kasperltheater bis zur Politgroteske unter Ausschluss lediglich der deutschen Heldensagen, versteht sich. "Tannhäuser" spielt dann in der Biogasanlage? Warum nicht?, wird der Anhänger des Regietheaters fragen. Aber warum?, wird der normale Opernkonsument die Gegenfrage stellen. Man kann ja auch die "Zauberflöte" auf einem Flughafen ansiedeln, "Aida" in der gleichnamigen Konditorei oder "Salome" auf der Müllhalde - völlig egal, Dramaturg und Regisseur werden’s schon begründen.

Das Ausweichen auf die gehypten Romane stimmt auch nicht so recht froh: Die Nabelschau hat die deutschsprachigen Autoren fest im Griff. Nicht auszudenken, wenn zu den diversen NS-Aufarbeitungen und dysfunktionalen Familien in Kürze und unausweichlich die Corona-Krise kommen wird.

Ja, kann man sich denn gar nicht mehr richtig gut unterhalten? Zumindest nicht auf Deutsch. Was ist nur mit der geistvollen Geistlosigkeit geschehen?

Unterhaltung ist zum Naserümpfer der Hochkultur-Anhänger geworden. Die darstellenden Künste sollen bilden und die Gegenwart erklären, die erzählende Literatur soll die Unbill des Lebens aufarbeiten. Und Gedichte liest ohnedies kaum jemand.

Unterhaltung in Verruf

Die Unterhaltung ist in Verruf geraten. Zuerst ihre Funktion im Nationalsozialismus, dann die in den Wiederaufbau-Jahren, das hat genügt, um sie für alle Zeit zu diskreditieren.

In beiden Fällen diente sie der Ablenkung, das eine Mal von politischem Terror und Krieg, das andere Mal von den Nachkriegs-Wehen und dem beschwerlichen Alltag. Und dann endlich war die Unterhaltungskultur der Schlagobers-Gupf auf der Wirtschaftswunder-Torte, Motto: Schaffen-schaffen-lachen-schlafen.

Doch edel sei die deutsche Kunst, hilfreich und gut. Zumindest soll sie, meinen Fachleute und Feuilletonisten, der Gesellschaft den Zerrspiegel vor die saturierte Fratze halten. "Epater les bourgeois", den Bürger schockieren, nannten es die Dichter der französischen Dekadenz des 19. Jahrhunderts, während sie den über einer Kerzenflamme schmelzenden Zucker in ihren Absinth tropfen ließen.

Und jetzt die Corona-Krise: Nach den täglichen Inzidenz-, Infektions- und Todeszahlen kommt der Abend-Krimi mit moralisch erhobenem Zeigefinger.

Kann man noch lachen um des Lachens willen? Gespannt sein um der Spannung willen? Sich unterhalten, ohne moralische Direktiven zu empfangen?

Kunst sei nicht zur Unterhaltung da, meinen die Hochkulturapostel. Ob ihnen Shakespeare und Molière, Goldoni, Schiller und Goethe, zugestimmt hätten. Selbst Brecht hat die "Dreigroschenoper" und den "Puntila" geschrieben . . .

Lobet die Unterhaltung! Sie ist besser als ihr Ruf. Wer unbedingt Kunst mit Gehirnschmalz gleichsetzen will, kann das bei einer Feydeau-Komödie ebenso machen wie bei einem Pilcher-Liebesroman. Es kommt nur auf die eigene Haltung an: Wie steht man selbst zu einem angesprochenen Thema? Da kann es sein, dass einen der "Hamlet" mit einer aufgrund von Gendergerechtigkeit weiblich besetzten Titelrolle weit weniger berührt als der Schmiere-Monolog in der Klamotte "Der Raub der Sabinerinnen" oder die Abschiedsszene in einem scheinbar rein eskapistischen Liebesroman.

Selbst Operette ist nichts geistig Unanständiges. Natürlich darf man genießen und natürlich sollte eine Operetten-Aufführung genau das bieten. Übrigens wäre das auch das Ziel einer guten Theater- und einer Opernaufführung.

Gut zu unterhalten, ist schwer

Nachdenklich machen ist wesentlich leichter, als gut zu unterhalten. Wobei mit "gut zu unterhalten" nicht Fernsehshows aus der untersten Schublade gemeint sind. Die größte Kunst ist, auf Niveau lachen zu lassen, auf Niveau für Spannung zu sorgen, auf Niveau das Herz tanzen oder weinen zu lassen.

Shakespeare konnte das. Haydn, Mozart, Goethe, Schiller, Molière, genau genommen alle Klassiker aller Genres: Unterhaltungskünstler! Erst Dramaturgen, Regisseure und Literaturwissenschafter erklären die Autoren zu gedankenschweren Misanthropen. Das Theater als moralische Anstalt, hat Schiller gefordert - und sich im Zweifelsfall doch für die Wirkung entschieden. Seine Johanna von Orléans stirbt auf dem Schlachtfeld. Folgt der Zuschauer schon nicht der Moral, bekommt wenigstens einen - ja: packenden bis unterhaltsamen Abend.

Jawohl: Her mit der Unterhaltung! Man darf lachen dürfen. Man darf zittern dürfen. Und wer gerührt sein will, soll sich seiner Pilcher oder ihren Ablegern hingeben können, ohne dass es ihm einer naserümpfend mit dem Totschlagwort vom "Kitsch" vermiest.

So gesehen, ist’s mit einem Mal kein Witz mehr, sondern purer Ernst, wenn Herr Müller seiner Frau "gute Unterhaltung" bei "Tristan und Isolde" wünscht. Lediglich ihr Seufzer angesichts des Regens, dieses "das auch noch" - da ist dann doch etwas schiefgegangen. Bei der Aufführung. Oder sollte gar Herr Wagner selbst den Wert der Unterhaltung zu gering geachtet haben?