Eigentlich seien sie ein "Jogginghosen-Haushalt", sagen Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter, ein in Wien lebendes Architekten- und Designerpaar. Diese Aussage verblüfft, da man sie in ihrem neuen Buch, in dem sie sich der Kulturtechnik des Putzens widmen, auf Hochglanzfotos hauptsächlich in eleganter Abendrobe genau dieser Tätigkeit nachgehen sieht. Nicht die einzige Irritation des kulturhistorisch beflissenen Duos, das mit "Food Design" bereis Essgewohnheiten aus ungewohnter Perspektive betrachtet hat.

"Wiener Zeitung":In Ihrem Buch schreiben Sie vom Putzen als Liebesbeweis. Wer putzt denn bei Ihnen im Haushalt?

Sonja Stummerer: Offiziell putzen wir beide, de facto putze ich mehr. Das liegt auch daran, dass meine Akzeptanzgrenze, was Schmutz betrifft, eindeutig niedriger ist. Das ist klassisch bei Paaren - und hat natürlich mit der Erziehung zu tun.

Hat sich durch die eingehende Beschäftigung mit dem Thema Putzen etwas bei Ihnen verändert?

Das Künstler-Duo Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter geht der Kulturtechnik des Putzens auf die Spur. - © honey & bunny / D. Akita
Das Künstler-Duo Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter geht der Kulturtechnik des Putzens auf die Spur. - © honey & bunny / D. Akita

Martin Hablesreiter: Schon, und es war schmerzhaft. Man kann schnell einmal sagen: Ich bin ein Intellektueller und kämpfe für Feminismus! Wenn man sich dann aber fragt, wie es bei einem zu Hause wirklich ist, kommt man rasch drauf: Ich verhalte mich gar nicht so, wie ich daherrede. Es ist schwer, aus diesen Klischees auszubrechen.

Stummerer: Mich hat die Recherche in Sachen Umwelt- und Gesundheit beeinflusst. Mir ist aufgefallen, wie schwierig es ist, herauszufinden, was an einem Putzmittel ökologisch ist und was nicht. Das ist der Grund dafür, dass ich mein Einkaufsverhalten verändert habe. Ich versuche, mich jetzt an diversen Gütesiegeln zu orientieren.

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Man liest in Ihrem Buch, dass Wasser und Essig allein den meisten Schmutz beseitigen. Das mutet im Verhältnis zu der üppigen Inszenierung, die Sie dem Thema angedeihen lassen, und der breiten Palette verfügbarer Putzmittel puristisch an.

Stummerer:Es ist ja ein allgemeines Phänomen, dass wir viel zu viele Dinge besitzen, die wir gar nicht brauchen. Sich den Gedanken an Essig und Wasser hie und da ins Bewusstsein zu rufen, hilft schon, sich auf einen umweltfreundlicheren Weg zu begeben.

Hablesreiter: Was wir mit dem Buch hinterfragen wollen, ist, ob der menschliche Wille zur Gestaltung unbedingt aus unserem Leben ausgelagert werden muss. Früher geführte Haushalte haben sehr vieles selbst hergestellt - auch Putzmittel. Das hatte einen Wert innerhalb der Haushaltgemeinschaft. Je mehr das ausgelagert wird, desto stärker wird die dafür zuständige Person entwertet.

Stummerer: Putzen wird im Alltag nicht wahrgenommen und als gegeben hingenommen. Man kommt gar nicht auf die Idee, dass das auch bei uns vor 150 Jahren noch anders gehandhabt wurde. Industrielle Putzmittel gibt es erst seit 150 Jahren, davor gab es hautsächlich Seife.

Wie kamen Sie auf die Idee, sich mit Putzen zu beschäftigen?

Hablesreiter: Sie entstand bei einem Spaziergang, als Sonja sagte: "Wir könnten doch einmal etwas übers Putzen machen?!" Ich fand die Idee toll. Und dann gab es 2015 das "Festival der Regionen" in Ebensee, dessen Motto "Hackeln" war
und in das wir quasi hineingeschlittert sind: Und zwar in Form einer Kunstaktion, bei der ich gemeinsam mit dem Tänzer und Schauspieler Tom Hanslmaier in Haushalten geputzt habe und Sonja Gespräche mit den Bewohnern führte. Als wir uns danach diese Interviews angehört haben, wurde uns erst bewusst, wie vielseitig dieses Thema ist.

Stummerer: Diese Interviews haben uns zu dem Buch inspiriert, weil so viele gesellschaftspolitische Themen angesprochen wurden, die auch Konfliktpoten-zial beinhalten. Die Menschen, meist Frauen, haben uns von ihrem Alltag erzählt.

Hablesreiter: Die haben uns viele Probleme und Sorgen geschildert. Und kein einziges Mal fiel dabei - im Jahr 2015! - das Wort Flüchtling oder Emigrant. Da habe ich mir schon gedacht, dass die angeblichen wichtigen Themen von Politik und Medien konstruiert werden.

Und weshalb sind Sie in Abendkleidung putzen gegangen?

Stummerer: Wir wollten die Hierarchien umdrehen und zeigen, dass Putzen eine sehr wertvolle Arbeit für unsere Gesellschaft ist. Ich trug ein kleines "Schwarzes" und die Männer einen Smoking - und so sind wir von Haus zu Haus gegangen und haben unsere Dienste angeboten. Das hat zuerst schlecht funktioniert, weil die Menschen skeptisch waren. Dann haben wir mangels Alternativen das Dorf-café geputzt - und das hat buchstäblich Türen geöffnet.

Hablesreiter: Wenn du in eine fremde Wohnung hineingehst, spricht sie zu dir. Du siehst Fotos, Erinnerungsstücke, Deko-Objekte. Du siehst, wenn Kleidung herumliegt, dass diese Person schlampig ist, genauso wie du erkennst, ob jemand penibel ist. Unsere Putzfrauen wissen also sehr gut Bescheid über uns!

Stummerer:Putzen ist sehr intim, weil man mit dem Schmutz einer anderen Person konfrontiert ist.

Haben Sie auch mit Putzfrauen gesprochen?

Stummerer: Mit einer. Das haben wir dann aber nicht ins Buch genommen, weil es in eine andere Richtung geführt hätte und wir auch Themen wie "Schwarzarbeit" etc. hätten ansprechen müssen.

Hatten Sie von Beginn an die Idee, dieses Buch sehr ästhetisch aufzubereiten?

Stummerer: Ja, und die Fotos machten wir zuerst. Der Text kam erst danach.

Hablesreiter: Dieser Text ist uns schwergefallen, weil wir aus vielen verschiedenen Bereichen "Bausteine" hatten, die wir zusammenfügen mussten. Erst als Sonja die Idee hatte, Putzen als Kulturtechnik zu betrachten, ging es leichter von der Hand.

Wie sind die Bilder, die teilweise wie kunsthistorische Tableaus aufgebaut sind, entstanden?

Stummerer: Wir haben Putzregeln und -gewohnheiten hinterfragt und diese dann zum Teil absichtlich falsch gemacht.

Hablesreiter: Wir sind aufgrund vorheriger Arbeiten, vor allem zum Thema "Food Design", mit der Wiener Fotografin Ulrike Köb und dem japanischen Fotografen Daisuke Akita sehr gut eingearbeitet, was Inszenierung und Darstellung anbelangt.

Frau Stummerer, Sie sagten zu Beginn: Wer im Haushalt putzt, das hat mit Erziehung zu tun. Warum liegt die Hauptarbeit immer noch bei den Frauen?

Stummerer: Wir lassen uns zu viel gefallen, wir thematisieren es zu wenig und nehmen es als selbstverständlich an. Obwohl ich mir dessen bewusst bin, ist es doch schwierig, von Kindheit an gelernte Verhaltensmuster abzulegen.

Hablesreiter: Ich bin auch mit dem Selbstverständnis aufgewachsen: Wenn ich im Haushalt etwas mache, dann "helfe" ich. Das ist quasi die nette Geste eines Buben oder Mannes. Ich habe halt auch gelernt: Wenn ich die Unterhose irgendwo fallen lasse, dann muss ich mich zwar dreimal am Tag anstänkern lassen, aber irgendwann ist sie weggeräumt. Wenn man ein selektives Gehör entwickelt, kann man damit leben (lacht).

Stummerer:Das ist natürlich bequem. Bei der Erziehung unserer beiden Buben bin ich strikter geworden. Denn mir ist aufgefallen, dass ich es in der Erziehung oft nicht so weitergebe, wie es sein sollte. Und es ist gar nicht so leicht, weil sie in der Schule und unter Freunden anderes hören. Es ist erstaunlich, wie konservativ manche Familien heute noch sind.

Glauben Sie, dass Corona etwas am Putzverhalten der Menschen verändert hat?

Stummerer:Im ersten Lockdown habe ich etwas Treffendes gelesen: Entweder hat man nach dem Lockdown die dreckigste Wohnung, die man je hatte, oder die sauberste (lacht). Bevor das Buch in Druck ging, haben wir tatsächlich noch ein paar Kleinigkeiten verändert. Wir waren vor Corona hygienekritischer, also der Meinung, dass im Alltag zu viel desinfiziert wird. Ich glaube schon, dass der Zusammenhang von Putzen und Gesundheit durch die Epidemie deutlicher ins Bewusstsein geholt wurde.