Es ist ein beachtliches Werk, das der Innsbrucker Musiker und Schriftsteller Hans Platzgumer geschaffen hat: zunächst im Bereich des avancierten Pop, wo er seit Ende der 1980er Jahre sowohl im Rock- wie im Elektronikbereich beachtenswerte Alben veröffentlichte, als Solokünstler beziehungsweise mit seiner Band H. P. Zinker. Ab der Jahrtausendwende steckte er in Sachen Musik zurück, um sich auch als Schriftsteller zu bewähren.

Platzgumers erste Bücher - "Weiß" (2008) über eine Flucht in die Arktis und "Der Elefantenfuß" (2011) über das Unglück von Tschernobyl - sind erstaunliche Romane, die durch ihre Themen, ihren sprachlichen Stil und ausgefeilte Form des Erzählens zu fesseln wussten. Es waren, wie viele Platten des Musikers Platzgumer, keine Produktionen für den Mainstream, sondern anspruchsvolle Kunst.

In seinen drei Büchern der letzten fünf Jahre aber hat sich Platzgumer immer mehr an konventionellen Erzählweisen und Plot-Mustern ausgerichtet, auf Kosten des formellen Experiments und des künstlerischen Wagnisses.

Diese Sorge beschleicht einen auch bei der Lektüre seines neuen Romans, "Bogners Abgang". Mit gerade 140 Seiten wirkt das Buch mehr wie eine lange Erzählung und lässt sich bequem an einem Abend lesen. Zentriert ist es um den tödlichen (Autounfall-)Tod eines Innsbrucker Kunstkritikers, bei dem sich die Lebensgeschichten zweier Personen kreuzen: einer eher durchschnittlichen Studentin und eines verbitterten Künstlers.

- © Zsolnay
© Zsolnay

Die beiden zentralen Themen sind der Umgang mit persönlicher Verantwortung für schwerwiegende Fehler und die psychischen Auswirkungen von erlittenen Kränkungen. Um diese Matrix herum hat Platzgumer einen handwerklich einwandfreien, aber nicht unbedingt kunstvollen Plot konstruiert, der sozusagen nach Schema F funktioniert: Wir lernen die beiden Personen zunächst parallel kennen; der ominöse Unfall schließlich verkettet und stellt sie auf die Probe, wie sie mit ihrer jeweiligen moralischen und strafrechtlichen Schuld am Tod des Opfers umgehen.

Dieses wird als überaus unsympathischer Charakter gezeichnet, um offenkundig das Mitleid in Grenzen zu halten. Die Leser wiederum wissen stets mehr über den Unfall als die Protagonisten, sodass man ihren Umgang mit dem Vorfall aus erhöhter Position beobachten kann. Der nächste Schritt der Dramaturgie ist abzusehen: Die Wege von Studentin und Künstler kreuzen sich erneut in Innsbruck, ohne dass sie es bemerken, als beide zu jeweils entgegengesetzten Konklusionen gelangen, wie auf den Unfall zu reagieren ist. Und wie zu erwarten: Die Studentin handelt richtig, der Künstler fragwürdig.

Das Ganze erinnert durchaus an die medienkompatiblen Konstruktionen, in denen ein adliger deutscher Jurist mit prominentem Nazi-Opa stets neue Szenarien erfindet, in denen der Unterschied zwischen moralischer und strafrechtlicher Schuld zugespitzt wird, um die Leser oder Zuschauer in die Position zu versetzen, ein eigenes Werturteil gleichsam als Richter der Figuren zu fällen.

Vielleicht ist es zu streng, Platzgumer in eine solche Kategorie einzuordnen, da er sich beispielsweise durch verschiedene Darbietungsformen um ein literarisch vielstimmiges Erzählen bemüht, wie etwa mit Protokollen von Therapiesitzungen, Pressemitteilungen der Polizei, Sprach- und Textnachrichten auf Mobiltelefonen oder Zeugenaussagen.

Nur: Nie würde ein Therapeut das Gespräch mit seinem Patienten wörtlich notieren, die Sprachnachrichten wiederum wirken in ihrem Duktus wie geschrieben, während die Aussage der Zeugin des Unfalls bei der Polizei deren widersprüchlichen Monolog wiedergibt anstatt eine faktische Zusammenfassung des Gesprochenen in Amtsdeutsch.

Insgesamt ergibt "Bogners Abgang" leider kein Buch, das - wie andere Werke Platzgumers - im Gedächtnis des Lesers bleibt.