Schon mal von Doggerland gehört? Klingt wie die Heimat von Trickfilmfiguren, ist aber einmal die Verbindung zwischen Kontinentaleuropa und Skandinavien und England gewesen. Es hätte nie zum Brexit kommen müssen, wenn nicht vor 8.200 Jahren ein Hang im Meer gerutscht wäre und Doggerland weggerumst hätte.

Lange her und so ein Steinzeitmensch hat eh nicht so eine lange Lebenserwartung gehabt? Aber der war wenigstens nicht selbst schuld daran, dass ihm der Riesen-Tsunami das Lagerfeuer für immer ausgelöscht hat. Submarine Hangrutschungen sind eine der Gefahren, die die menschgemachte Erwärmung der Meere mit sich bringt. Neben dem Anstieg der Meeresspiegel, der wohl den meisten als Erstes einfällt.

Bestseller am Sachbuchtisch

Frank Schätzing fällt noch eine ganze Menge mehr ein. Der Bestseller-Autor, eigentlich bekannt für Thriller wie "Der Schwarm", hat nun ein Buch über den Klimawandel geschrieben mit dem programmatischen Titel "Was, wenn wir einfach die Welt retten?" Das ist aus mehreren Gründen beachtlich, zum einen weil ihm, der sonst eher ausufernd schreibt, ein kompaktes, stringentes Buch gelungen ist (nur nebbiche 332 Nettoseiten! Da fängt normal die Handlung erst an!). Zum Zweiten, weil sich nicht so oft ein so prominenter Name des Buchmarkts auf den Non-Fiction-Tisch legt. Das kann den Effekt haben, dass sich Fans des Autors - absichtlich oder unabsichtlich - mit dem Thema Klimawandel auseinandersetzen. Das hat schon Potenzial für eine stille Revolution: Denn so, wie Schätzing das Buch geschrieben hat (Humor und Sendungsbewusstsein halten sich die Waage), steckt viel drin: vor allem für jene, die zwar ängst von der Klimakrise wissen, aber bisher zu bequem, zu beschäftigt, zu wenig interessiert waren, um sich tatsächlich zu kümmern. Und das ist die große Mehrheit - die, auf die es im Endeffekt ankommen wird.

Schätzing findet, sein neues Buch ist eh auch ein Thriller. Nur halt einer, der nicht besonders spannend ist. Zumindest während man ihn erlebt: "Fast schlimmer als der Weltuntergang ist, wenn er sich dauerankündigt, ohne einzutreten." Das sei auch ein Grund dafür, dass die Menschen das Interesse verlieren. Und wenn dann noch ein "publicitysüchtiges Virus" (Zitat Schätzing) auftritt und wie im Vorjahr die Medienberichte über den Klimawandel auf ein Drittel zusammenschmelzen lässt, macht es das nicht einfacher, die Leute bei der Stange zu halten.

Die Dramaturgie von "Was, wenn wir einfach die Welt retten?" ist geschickt: Erst legt Schätzing die Basis mit geschichtlichem Wissen (von der Tatsache, dass bereits 1965 die Ölindustrie wusste, was der CO2-Ausstoß für verheerende Folgen haben wird, bis zum verhunzten Pariser Abkommen mit den Gummi-Klimazielen). Und dann macht er, was er am besten kann: Er entwirft Szenarien mit wissenschaftlichem Unterbau. Wie sieht die Welt im (leider wahrscheinlichen) Worst-Case-Szenario in kommenden Jahrzehnten aus, wenn bis 2050 nicht einmal das Kompromissziel der höchstens zwei Grad Erwärmung erreicht wird? Beispiel 2070: Die US-Ostküste ist nicht mehr bewohnbar wegen unerträglicher Hitze, in Berlin ist die sommerliche Durchschnittstemperatur 45 Grad. Von der Migration aus schwer betroffenen Gebieten ist da noch gar nicht die Rede. Ältere sterben 20 Mal häufiger am Hitzetod. Das wären übrigens 2070 heute 40-Jährige. Das geht sich für viele zu Lebzeiten aus, ganz ohne im Schulstreik mit Greta gewesen zu sein.

Schätzing entwirft auch Szenarien der Möglichkeiten, unter Zuhilfenahme von Technologien, die es bereits jetzt gibt: etwa CO2-bindende Algen-Kraftwerke oder Solarzellen, die winzigklein und/oder biegsam sind. Eine optisch erquickliche Vorstellung sind pastellfarbene Straßen - helle Farben reflektieren das Sonnenlicht. Eine gar optimistische Sicht hat Schätzing auf Künstliche Intelligenz, mit "Tyrannei des Schmetterlings" hat er ja einen Thriller zum Thema geschrieben. Seines Erachtens - oder des seiner Begleiterin in die Klima-Apokalypsenbezwinger-Parallelwelt - wird es der Mensch ohne sie nicht schaffen ebenso wenig wie ohne "saubere" Atomkraft, die aushelfen wird müssen, solange eine Vollversorgung durch Erneuerbare nicht gewährleistet werden kann. Das stellt er genauso zur Diskussion wie andere umstrittene Technologien, etwa Schwefelteilchen in die Stratosphäre zu schießen als Schutzschirm vor dem Sonnenlicht.

Kompaktes Kompendium

Ein kleiner Nachteil für österreichische Leser mag sein, dass Schätzing in seinen Zahlen stark auf Deutschland fokussiert ist. Das machen die vielen Tipps zur nationenunabhängigen Eigenverantwortung wieder wett. Und wenn es nur Wissen ist, das man hier in diesem Kompendium erwirbt und in Gesprächen mit Zweiflern oder Noch-Bequemen wiedergeben kann. Denn wenn die Lektüre des Buches eins zeigt, dann: Es wäre hoch an der Zeit.