Man mag es kaum glauben, aber es gab schon vor Corona Infektionskrankheiten, die intensive Hygienemaßnahmen und eine Art häuslicher Quarantäne erforderten. 1963, mit zehn Jahren, erkrankte die kleine Margit an Scharlach, das damals als höchst ansteckend und gefährlich galt. Als Gegenmittel gab es Penicillin, doch um einer Organschädigung vorzubeugen, musste das Mädchen anschließend mehrere Wochen im Bett verbringen.

"Nachdem meine Eltern sich Gott sei Dank für häusliche Pflege entschieden hatten, bekamen wir ein Schild an die Tür: ‚Achtung Infektionsgefahr!‘ Niemand durfte uns besuchen, und wenn mein Vater von der Arbeit oder meine Mutter vom Einkaufen zurückkamen, mussten sie die Hände dreißig Sekunden lang gründlich waschen, desinfizieren und einen weißen Kittel anziehen. (...) Ich habe die Krankheit in allerbester Erinnerung. Ich schrieb in der Zeit meine ersten Gedichte. Mein erstes Gedicht überhaupt handelte vom Atomkrieg. Leider haben meine Eltern es mit dem Heft, in dem auch alle anderen Gedichte standen, nach meiner Scharlacherkrankung verbrannt. Wegen der Infektionsgefahr."

Ernst des Lebens

Die Krankheit als Weg also - in diesem Fall zur Schriftstellerin. Margit Schreiners neuestes Buch ist denn auch eine Art Porträt der Künstlerin als junge Frau, doch um die literarische Initiation geht es darin nur am Rande. Erzählt wird vielmehr davon, wie sich der Ernst des Lebens in die Unbeschwertheit des Kindseins schleicht - wie die Kindheit in Linz Ende der 1950er Jahre plötzlich zu einer Art Krieg wird, in dem das Mädchen fortwährend "Kriegspläne" schmiedet und allen möglichen Leuten den Krieg erklärt: den Eltern, den Lehrern, den gestrengen Nachbarn.

Dieser Prozess beginnt ihr zufolge im siebten Lebensjahr, doch darüber schreiben kann sie erst im siebten Lebensjahrzehnt. Diese biographische Klammer hat einen durchaus plausiblen Grund:

"Das siebte Lebensjahrzehnt wird wie das siebte Lebensjahr weit unterschätzt. Was für Kinder ein Jahr ist, dehnt sich für den über Sechzigjährigen zu einem Jahrzehnt, das ihm so schnell vergeht wie ein Jahr. Die Menschen, die an ihrem sechzigsten Geburtstag alle mit ihrer Jugendlichkeit und ihrem Elan überraschten, sterben zwischen sechzig und siebzig reihenweise an Herzinfarkt, Gehirnschlag oder an Krebs. Wahrscheinlich liegt es daran, dass die Menschen, die in ihrem siebten Lebensjahr so mühsam den Ernst des Lebens lernen mussten, in ihrem siebten Lebensjahrzehnt in Pension gehen und auf einmal genauso mühsam lernen müssen, nicht mehr dem Ernst des Lebens verpflichtet zu sein. Das überleben viele nicht."

- © Schöffling & Co.
© Schöffling & Co.

Einschulung und Pensionsschock sind sozusagen die beiden Eckpfeiler jedes Lebens und sie bilden auch den Rahmen dieses autobiographischen Berichts. Dabei steht jedoch eindeutig die längst vergangene Kindheit im Mittelpunkt, nur gelegentlich wechselt der Text in die Gegenwartsperspektive der Schreibenden.

Vom eigenen Ich, vom eigenen Herkommen und Aufwachsen zu erzählen, aus Privatem Literatur zu machen, ist bekanntlich gerade in Mode. Margit Schreiner glänzt dabei mit dem, was ihre Romane (die schon immer autobiographisch grundiert waren) seit jeher auszeichnet: mit einem schrägen Humor, der keine Tabus kennt; mit einer sprachlichen Lakonie, die nach außen hin harmlos daherkommt, aber nicht selten etwas geradezu Diabolisches an sich hat; und mit einer Beobachtungsgabe, die noch den unscheinbarsten Nebensächlichkeiten lebensphilosophische Erkenntnisse abzuringen vermag.

Und so erzählt sie vom eifrigen "Wettpinkeln" mit den Nachbarskindern, von den ersten zarten Erkenntnissen in Sachen Sexualität und eigener Körperlichkeit (etwa einer panischen Angst vor langen Schamlippen und Darmverschluss), von den Konflikten mit den Eltern und anderen lästigen Erwachsenen oder von den munteren Gedankenspielen über den eigenen Tod und die Trauer der anderen. Das ist hochkomisch und tiefernst zugleich, und eine besondere Note bekommt das Erzählte dadurch, dass die Autorin immer wieder ins reflektierende Jetzt springt.

So viele Ichs

"Was habe ich eigentlich, sechsundsechzigjährig, in einem Haus am Rande eines Naturschutzgebiets sitzend und schreibend, mit einer Siebenjährigen zu tun, die versucht, die Geheimnisse in einer Waschküche zu entschlüsseln? Erfinde ich diese Siebenjährige, indem ich über sie schreibe, oder hat es sie wirklich gegeben, und wenn ja, war sie vielleicht ganz anders, als ich sie beschreibe? (...) Alles nur in meinem Kopf, seinem Universum und den Paralleluniversen. Seltsam, wie es ihm gelingt, die vielen Ichs in dieses eine, mein Leben zu gießen."

Autofiktional nennt man diese Art von Erinnerungsliteratur gerne. Sie vermengt authentisches Erleben und Erfindung zu einem besonderen Gemisch, das Margit Schreiner in einem Interview einmal augenzwinkernd so charakterisiert hat: "99 Prozent erfunden, 99 Prozent wahr."

Diese autofiktionalen Bücher können von existenziellem Ernst geprägt sein wie bei Annie Ernaux. Sie können ausufernde Dimensionen annehmen wie bei Karl Ove Knausgård oder Gerhard Henschel. Oder sie können, wie bei Margit Schreiner, liebevoll-lakonisch, mit viel Witz und Empathie von dem Ich erzählen, das die Autorin einmal war - oder wenigstens gewesen zu sein glaubt.